Der Messe-Mayer Der Messe-Mayer Leipzig 2019 / 5 von 5: Abschlussbericht von Tippfehcherlhen, Imprints und Magischem Realismus

Sonntag: Abschlussbericht von Tippfehcherlhen, Imprints und Magischem Realismus

 

Liebe Freunde,

 

„Hat da eben jemand Leipzig gesagt?“ würde Konrad Beikircher sagen. Ich sage nur: Huch, das ging ja wieder mal schnell. Und ohne Wintereinbruch kommt es einem eh doppelt so rasch und nur halb so schlimm vor.

„Hat da eben jemand schlimm gesagt?“ würde Konrad Beikircher sagen. Nein, schlimm war’s wirklich nicht.

Das Skandalpotenzial der rechten Verlage scheint ausgereizt, so sehr sogar, dass sie beleidigt ihre eigene Gegenbuchmesse machen, so ganz ohne Vielfalt, Verlage, Presse, Publikum und Gäste, also quasi eine rechtshochgeschlossene Gesellschaft, die der Stadt Leipzig trotzdem peinlich ist. Ob es da auch sowas wie mich gibt? Den spaßig-rassistischen Messe-Horst oder so? Wahrscheinlich nicht so lustig wie ich, aber weitaus ordentlicher frisiert?

Was aber bleibt, ist die Verunsicherung. Die vielen kleinen linken und vielen kleinen rechten Verlage ähneln sich oft in Auftreten und Slogans, und man steht plötzlich sehr oft vor dem Dilemma: sehr genau hingucken oder vorsichtshalber ignorieren?

 

Wohin geht er nur, der Weg?

 

 

Dann muss ich der Vollständigkeit halber meine Werbung für den Laurence King Verlag und sein Hundebeitzermemory vervollständigen: Die Leser wollen gerne das Pendant zum neulich abgebildeten Hund sehen.

 

Es ging um Fragen zu meiner Haartracht.

 

Und ohnehin: Nachdem man mich nun mehrfach mit Reinhold Messner verglichen hat, werde ich mich umgehend rasieren.

 

Voll war es heute bedauerlicherweise nicht mehr sehr. Die plötzliche Trübung und Abkühlung am Sonntag nach einer mehr als erhebenden Sonnwoche mag Schuld sein – heute wäre ich auch auf der Couch geblieben.

Aber dennoch ist das Wochenende die Zeit der CosPlayer. Das erkennt man  an der Sichel, die schon mal aus dem Messepublikum herausragt.

 

Was Schnitter Tod im Zeit-Shop will, ist hingegen nicht überliefert.

 

Aber außer den CosPlayern präsentiere ich noch ein schönes Interview, und wie immer am Sonntag räume ich die Festplatte auf und säubere sie von den letzten Messerestfotos.

Wenn Sie das lesen, sind wir alle schon wieder daheim und bereiten uns auf Frankfurt vor!

 

 

Halle 1: CosPlay, Manga und ComicCon

 

Die einen sagen, CosPlay gehört gefälligst auf den Karneval und schon gar nicht auf die Buchmesse; die anderen ahnen, dass das Auslebpotential jugendlicher Medienrezeption auf Spiel- und Masken-Ebene ein innigeres Einverleiben eines Buches ist, als wir es jemals selber hinkriegen.

Im Grunde ist Halle 1 also eine eigene Buchmesse, nur mit eigenem Geruch nach Schweiß, Furz und Fuß.

 

Und mit der größten Auf-dem-Boden-Sitz-Dichte.

 

 

Und genau wie in den erwachsenen Hallen werden Bücher, Dienstleistungen und Kunst gezeigt und gehandelt. Dieses Jahr neu: Fotos, die in Holz verwandelt werden.

 

Beispiel in groß

 

 

Beispiel in noch größer: Huch, das ist ja wirklich Holz.

 

 

 

Ich bin mir sicher: Wenn irgendwann mal eine Mangafigur ein Pepitahütchen trägt, dann wird man hier auch ein Pepitahütchen kaufen können.

 

Ta-daaaa

 

 

Zwischen all dem außerirdischen Zeugs, das ich nicht begreife, habe ich mehrfach die Grinsekatz aus Disneys Alice im Wunderland finden können. Wieso ist die denn nun plötzlich in Mode?

 

Und wer genau hinsieht, entdeckt sogar Unterschiede – also stürzen sich zur Zeit verschiedene Anbieter auf die Cheshire Cat.

 

Nur 40,- €uro, und ich Idiot habe keine gekauft.

 

 

Hier habe ich einen Mann getroffen, der mit billigen, spackigen Holzregalen einfach so hoch baut, wie er ohne Genehmigung darf. Dann stellt er vierzig Scheinwerfer auf, und zack hat er nur mit schierer Größe und schierem Licht einen Stand geschaffen, der von weitem schon ein Hingucker ist wie Saurons Turm.

 

Und das sei noch viel zu wenig, meinte er.

 

 

Ich habe gar nicht bemerkt, was er da verkauft, weil ich allein vom Stand so beeindruckt war.

 

Das hier sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein Leichenfund im Wald, den der Pathologe sich nun vornimmt. In Wahrheit stecken Cosplayer viel Umstand in Posen und Platzierung, um möglichst treffende Fotosituationen auf malerischen Kanaldeckeln zu stellen.

 

CosPlay, das fehlende Bindeglied zwischen Fantasy und Gewerbegebietslandschaftsbau.

 

 

Die schönsten Kostüme:

MGMs Tom & Jerry

Hahaha, Nailed it.

 

 

 

Obi Wan ist in der Unterzahl, aber er hat das geilste Lichtschwert.

 

 

Chucky-Challenge: Eine Woche lang so herumlaufen und nicht verhaftet werden.

 

 

Plötzlich höre ich ein lautes Bimmeln:

 

Da drehen dann diese Bimmelschwestern ihre Runden.

 

 

 

Harley Quinns Hammer

 

Bestes Kostümpaar:

 

I want to break free.

 

 

Letzte Impressionen aus den Hallen

 

Das blaue Sofa im neuen Gewand: Es heißt aber immer noch „das blaue Sofa“.

 

…und nicht „das dunkelnachtblaue Sofa mit den hellblaueren Akzenten.“

 

 

Aller Heimfahrstimmung zum Trotz ist der Leipziger Messesonntag vor allem eines: sehr musikalisch. Was ich Ihnen auf diesen Fotos nämlich nicht zeigen kann, ist, wie es in den Hallen am Sonntag klingt, wenn an jedem Stand andere Musik gemacht wird.

 

Und so soll Ihnen dieses Bild Symbol sein für alles, was Sie hier heute nicht hören können.

 

Aber Sie können sich zu diesem Foto, das ich am Stand von ars Edition aufnahm, vorstellen, wie Staying Alive von den Bee Gees dazu läuft.

 

Sie spielen es, und Hummel Bommel tanzt es. Dieses Kostüm kann man übrigens mieten.

 

Und was bitteschön, Süddeutsche Zeitung, soll DAS sein?

Der Tuberkel-Erreger?

 

Ich werde noch wochenlang Alpträume haben

 

 

Und welcher Witzbold steckt hier dahinter?

 

Keine Suchmaschine des Universums konnte mir das Wort „Faitaulêzen“ erklären.

 

Obwohl wir alle eine Vorstellung davon haben, was das Wort heißen könnte, können wir uns alle nicht vorstellen, dass es die Messeleitung dann groß an die Wand schreiben lassen würde.

 

Hingegen richtig groß an die Wand geschrieben wurde der Gastland-Auftritt der Tschechischen Republik. Und tatsächlich war das ein begehbarer, verwinkelter Stand mit Podiumsbühne, vielen Leseecken und augenfälliger Gestaltung. Und viel Gestänge.

 

Es darf diskutiert werden.

 

 

Das berühmte tschechische Gestänge

 

gewidmet dem tschechischem Maler Piet Mondrian

 

 

Großer Stand mit vielen Stationen

 

 

Ahoj ist tatsächlich ein gebräuchlicher tschechischer Gruß.

 

Allerdings geschrieben mit einem „J“. Das macht sonst keiner außer Ahoj-Brause. Will dieser Brausenmatrose also nun zur See oder erstmal nach Prag?

 

 

Was sich wohl hinter dieser gelben Ecke verbirgt?

 

 

Na, ich.

 

Ahoj, Tschechei, Danke, Peter Sís. Dass wir von Euren Autoren eher die alten und klassischen kennen, so wie Milan Kundera oder Karel Capev, dürft Ihr nicht persönlich nehmen. Wir dachten halt, das seien die heißen und modernen Autoren. Aber wenn Ihr noch neuere habt – dann hören wir gerne zu.

 

 

#bold

Ich habe extra so ein Doppelkreuz vor die Vokabel „bold“ gesetzt und die maximale Überschriftengröße gewählt, damit der Zugang zur sozialen Netzwerkwelt und seiner Zielgruppe, den dtv sich von diesem Imprint erwünscht, hinreichend markiert ist.

Nein, nochmal von vorne: dtv hat nun ein Imprint namens bold. Also kühn.

Nein, nochmal ganz von vorne:

Ich kam zwar zur dtv-Suppe zu spät, denn wer am Sonntag noch Suppe will, den bestraft das Leben, aber einen Kaffee und die mikroskopische Version eines Rita-Falk-bezogenen Guglhupfs nahm ich dankbar an.

 

Nein, wie süß! Also nicht zu süß, aber optisch dann doch angemessen.

 

Als einzige Gegenleistung hieß man mich einen winzigen Vorhang passieren, fast wie das Kaninchen in Alice im Wunderland, und als ich hindurchtrat, befand ich mich nicht mehr am gedeckten Tafelholzstand des Münchner Traditionsverlages, sondern in einer farbigen, elektrisierenden, jugendlichen Welt, völlig ohne normale Sitzmöbel!

 

Würfel, Hocker und Treppen gerne, aber die Stühle unserer Väter suchen wir hier vergebens.

 

Ich war erst einmal baff und schaute mich blinzelnd um, so wie ein Giraffenbaby, das in den Sekunden nach seiner Geburt versucht, auf den Beinen zu bleiben.

Diese Welt, in der ich mich nun befand, hieß bold. Also kühn. Das nennen wir ein Imprint, wenn ein Verlag eine neue Reihe aufmacht, die so tut, als sei sie selber ein neuer Verlag. Und in härtester Konsequenz sehe ich auch nirgends die drei Buchstaben dtv. Nicht schlecht, Euer neues Imprint.

 

Selbst der Fußboden hat Hashtags.

 

In der Tat hat der ganze Stand mehr Hashtags als Buchtitel.

 

Hier „nur“ fünf.

 

Aber andererseits: Wenn die jungen Leute Hasthags mögen, dann sollen sie sie gerne kriegen. Hashtags kosten kein Geld und tun niemandem weh.

(Stimmt beides nicht.)

 

Und jetzt werde ich noch Teil eines Fotomosaiks! Zuerst mal darf ich mit Frau Schmiedeknecht aufs Foto der Lichtkreiskamera:

 

 

Eigentlich für Twitter, aber geht auch so

 

 

Dann entsteht also dieses Foto.

 

Und das erhält dann ein Color-Upgrading…

…und wird ins Gesamtmosaik eingefügt…

 

et voilà: Der Typ mit dem Hoodie.

Bold: Das ist Insta-Poet Atticus, dem noch ein paar Planquadrate an der Mütze fehlen

 

 

Und all das – die Planquadrate, die Hashtags, der Kaffee und der Guglhupf – wäre mir ja um ein Haar entgangen, wenn ich nicht am Sonntag noch an meine lieben Freunde bei dtv gedacht hätte.

 

 

Viertes Messe-Interview: Bela B Felsenheimer

Die deutsche Rockband Die Ärzte zeichnete sich in meiner Jugend bereits dadurch aus, äußerst satirische Texte mit äußerst origineller Musik zu kombinieren. Sogar die Namen dieser Jungs waren originell, weil man das damals so machte: Ihr Drummer beispielsweise nennt sich Bela B (ohnePunkt).

Jener Drummer nun hat einen Entwicklungsroman über die poröse ostdeutsche Fiktivprovinz Scharnow geschrieben, und in diesem Roman geht es sehr drunter und drüber, was der Klappentext bei Heyne Hardcore als Crazy Chaos zu verkaufen sucht, was der wunderbaren Komplexität und Magie dieses Buches aber gar nicht gerecht wird, aber hey, Heyne Hardcore eben.

Und das ist auch der Feuilleton-Zwiespalt, vor dem dieses Buch steht: Einerseits ist es ein Alltagspanorama von hoher literarischer Dichte, das in den Magischen Realismus taucht. Andererseits ist es aber ein Buch vom Drummer einer satirischen Punkrockband aus Berlin. Aber dennoch taugt es etwas.

Und egal, wie schwierig es war, an Bela B Felsenheimer ranzukommen: Dem wollte ich sehr gerne nachgehen, und so schaffte ich es nach langem Hin und Her, den litererisch talentierten Punkrockdrummer in der VIP-Lounge der Leipziger Buchmesse zu sprechen, was ich nebenbei gesagt nicht nur Random House verdanke, sondern auch Christiane Munsberg vom blauen Sofa.

Also Danke.

 

 

 

Bela B. Felsenheimer: Ist das okay, wie wir sitzen?

BuchMarkt (servil): Wünschen Sie es denn anders?

Nein, deshalb frage ich ja.

Für mich ist das perfekt, Danke.

Wir bleiben beim Sie? Du?

Das frage ich mich schon den ganzen Tag. Bela B. wirkt ja wie einer, mit dem man per Du sein muss, aber ich möchte es andererseits nicht an Respekt mangeln lassen.

Das finde ich auch super. Wenn ich beim Bäcker gefragt werde „Und, was willst Du?“, finde ich das eigentlich scheiße, das geht doch auch nicht. Aber dann bin ich andererseits ja Rockmusiker. (Hallo – ich bin Bela?!?) Also sollte es einen nächsten Bestseller geben, dann werde ich mich trotzdem nicht plötzlich mit „Herr Felsenheimer“ ansprechen lassen.

Dabei ist „Herr Felsenheimer“ doch eine sehr schönde Anrede.

Ja, es ist ein toller Name, den ich auch sehr mag.

Ich gehe davon aus, dass es ein Künstlername ist – ich habe extra nichts über Sie gegoogelt. Angeblich sind Sie Musiker.

Ah ja. (schmunzelt nervös) Nein, es ist kein Künstlername. Der Vorname ja, aber Felsenheimer ist echt.

Ist Bela eine Verneigung vor Bela Lugosi?

Ja, genau. Wobei – Bela B könnte ja auch auf Béla Bartók verweisen, so als Musiker…

Aber dass Sie ein Filmfreak sind, schimmert in Ihrem Buch ein wenig zwischen den Zeilen durch.

(ironisch) Aber nur ganz, ganz wenig.

Sind Ihre Kurzgeschichten ein Anlauf gewesen für dieses prächtige, verflochtene Mikrokosmos-Mosaik, für diese wunderbaren, erst mal nicht linearen Erzählstränge?

Genau.

Aber irgendwo muss man ja anfangen. Wo war die Keimzelle für diese Geschichten?

Ich bin Musiker, ich bin es gewohnt, Songs zu schreiben. Und für Songs sammle ich Geschichten, ich horte Texte, die ich mal notiere, mal im Kopf abspeichere; Geschichten, die mir jemand erzählt hat – und all das soll dann irgendwann mal ein Songtext werden. Und all diese Leben und Figuren sind kleine Kurzgeschichten in sich. Aber als ich anfing, diese Geschichten zu entwerfen, da merkte ich, dass das alles in einem Dorf spielt. Das Buch besteht zwar aus vielen Schichten, aber unser Leben besteht ja auch aus vielen Schichten.

Wussten Sie beim Schreiben, wo das alles hinführt, oder hat sie die Handlung selber überrascht?

Ich denke, es ist meiner Unerfahrenheit geschuldet, dass ich in dieser Situation erst mal einen Riesenspaß daran hatte, dass ich als einziger wusste, was den einzelnen Figuren geschehen wird. Ich habe eine diebische Freude daran, dem Leser etwas vorauszuhaben.

Wie kommen Leser mit den Dingen zurecht, die in diesem Buch passieren?

Manche sagen, es fordert ganz schön viel.

Welche Autoren lesen Sie gerne?

Autoren, die ich sehr vergöttere, sind zum Beispiel Douglas Adams oder Garth Ennis. So möchte ich auch schreiben. Ich habe nicht das Genie dieser Leute, aber man will sich ja nicht am Mittelmaß reiben, sondern an den Großen, die dabei Pate stehen.

Es ist ja auch eine sympathische Haltung, vor den Großen die entsprechende Demut zu haben.

Demut ist ja auch in dem Buch ein großes Thema; Demut führt zu Dankbarkeit.

Sind Sie demütig und dankbar?

Seit mein Buch erschienen ist, ist es in den Bestellerlisten – ich schwebe auf Wolke Sieben! Ich trage nun solche T-Shirts! (offenbart sein T-Shirt, auf dem steht „Spiegel Bestseller“)

Es hatte wohl niemand damit gerechnet, dass es ein gutes Buch wird – ein Erfolg sicherlich, aber dass es trotzdem auch was taugt, steht ja auf einem anderen Blatt.

Genau: Es ist zwar das Buch von dem Schlagzeuger der Ärzte, aber es ist gut. Eine der wichtigsten Kritiken, die mich erreicht haben, war von Farin Urlaub, meinem Compagnon von den Ärzten, dem ich das Buch mit Widmung überreicht hatte. Er schickte mir nach dem Lesen eine SMS: „Ich gebe zu, ich hatte meine Zweifel.“

Hat Denis Scheck sich Ihr Buch nicht auch schon vorgenommen?

Ja, das hat er. Und das nehme ich so dankbar an. Von Denis Scheck nehme ich auch einen Verriss, er macht das ja so gut, man muss ja dann auch lachen. Ein Verriss ist ja oftmals origineller als ein Lob. Aber ich war schon sehr gespannt: Seine Kritik war durchwachsen, er benannte die besseren Ideen und die Schwächen, und dann war die Frage: Legt er es auf den Stapel, oder wirft er es zu den Flops? Und dann nimmt er es in die Hand, dreht sich um und – legt es auf T.C. Boyle. Was war ich erleichtert, wie ich da mit Schirach, Houellebecq und Boyle im Stapel lag. Da wo ich hingehöre. (lacht)

Wie sind Sie denn in den Magischen Realismus geraten?

Neulich sagte jemand, mein Buch sei wie Unterleuten von Julie Zeh, nur viel, viel lustiger. Bei mir fließt auch mehr Blut. Aber diese Milieustudie von Leuten und Schicksalen in einer abgehängten Gegend war durchaus Sinn der Sache. Und dieser Realität stelle ich eine Fantastik gegenüber, aber eine etwas trottelige, hinkende Fantastik. Da läuft nicht alles glatt. Ich wollte vermeiden, dass die Fantastik eine Ausrede für Effekte wird, sonst wäre ich ja im Fantasy-Genre gelandet.

War das alles so durchdacht, wie das jetzt klingt?

Nein, ich habe natürlich auch meinen Spaß gehabt; ich habe mich total ausgetobt. Ich habe sehr davon profitiert, dass ich so ein blutiger Anfänger bin als Romanautor, so konnte ich einfach und unverblümt drauflos schreiben und schauen, wo das hinführt.

Sind Sie ein disziplinierter Arbeiter, wenn es ums Schreiben geht? Oder eher Bohéme?

Naja… (lacht) Ich fürchte, ich kann da gar kein Klischee bedienen, ich bin da noch in der Findungsphase. Ich habe alles ausprobiert, von pünktlich anfangen am Morgen bis hin zum Fließenlassen des müßigen Bohéme, aber vieles musste ich auch im Zug und im Flugzeug schreiben. Es ist sicher meinem Lebensstil geschuldet, dass das Buch eigentlich überall und unterwegs entstanden ist. In dieser Phase war die Welt meiner Figuren dann mein Ausgleich, mein Ruhepol.

Das gesungene Geschlechtsverkehrsangebot von Roland Kaiser – war das das Lied „Manchmal möchte ich schon mit Dir…“?

Genau.

Das Lied hat mich als Kind immer irritert.

Mich doch auch: Da ist man in der sexuellen Findungsphase, und dann singt Roland Kaiser in der Hitparade, die meine Oma immer geguckt hat, was er gerne mit der Nachbarin machen möchte. Da hat er sich für einen kurzen Moment seiner Karriere auf Augenhöhe begeben mit Leuten wie Udo Jürgens.

Sind Sie in jeder dieser Figuren drin, oder gibt es einen bestimmten Avatar, als der Sie durch dieses Buch geistern?

Ich bin tatsächlich so ziemlich in jeder Figur drin. Die sind mir alle lieb und wert, auch die nicht so sympathischen, wie zum Beispiel Zarmo, der Waffennarr, der in sein Gewehr verliebt ist. Selbst in dem Bodybuilder-Polizisten mit Grundaggression, Cem Möller, steckt ein wenig von mir.

Und in welchen Figuren steckt mehr Bela B als in anderen?

Sehr viel von mir steckt in Nami, dem Mangamädchen, und auch sehr viel in Sylvia, der Kassiererin. Sylvia war die Figur, an der ich am härtesten gearbeitet habe. Da habe ich immer wieder hingeschaut und viel Arbeit hineingesteckt, damit Sylvia sich auch irgendwann öffnet.

 

Weißweinliebhaber mit Koffeingesicht und Koffeinliebhaber mit Weißweingesicht

 

Und dass Bela B sich mir geöffnet hat, war ein weiteres Highlight dieser Messe für mich.

 

Die übrigens auch irgendwann enden muss.

Jetzt zum Beispiel.

 

Zum Geleit

Und das war die Leipziger Buchmesse 2019. Was ich alles nicht getan und geschafft habe: Dr. Lambert Scheer bei Coppenrath zu versetzen war da noch das Geringste. Ich habe dieses Jahr meine liebe Freundin Dora Heldt nicht getroffen; ich habe den Verlust von BLV immer noch nicht verwunden; ich habe meinen Leibarzt, Herrn Johannes Monse, verpasst; ich habe Ivo Pala nun doch noch nicht kennengelernt – Menno.

Aber ich will lieber freudig betrachten, was alles ging und gut ging, und da habe ich doch wieder viel Gutes erlebt.

Viele von Ihnen lesen meine Texte erst ganz nach der Messe; und ganz im Vertrauen: Ich auch. Bitte sehen Sie mir also kleine Tippfehcherlhen nach.

Und auch dieses Jahr bekam ich wieder ein hartgekochtes Ei mit einer Chimäre meiner Wahl bemalt! Die reizenden Messedienstverschönerinnen Sophie Micheel und Marie Müller machen daraus nämlich eine Tradition.

 

Und wer wäre ich, mich gegen so hübsche Traditionen zu wehren?

 

 

Das Tier meiner Wahl entstand aus Alpaka und Octopus, nämlich ein Alpacapus.

 

 

Süß, aber niedlich

 

 

Und dieses Ei werde ich nun verschwinden lassen! (Mampf.)

 

War mir eine Freude. Wer braucht da Ivo Pala?

(Ich hoffe, er liest das und muss lachen.)

 

Das Ausmisten der letzten Fotos:

Das hat Leander Wattig geknipst, als ich seine Veranstaltung besuchte.

 

Leander Wattig ist ein Name, den ich vor allem um 05.29 Uhr gerne mit -ch schreiben würde.

 

 

Das hat mir Maren Ongsiek geschickt, meine treue und loyale Erfüllungsgehilfin beim Börsenverein des deutschen Buchhandels. Es handelt sich um ein Foto von einem Handy, von einem Nagellack von Edding und von drei außerirdischen Artefakten.

Und ich verstehe es nicht. Aber was Frau Ongsiek mir schickt, poste ich.

 

Dann habe ich dieses Foto erhalten, das den weiter oben vermissten Johannes Monse zeigt, wie er von den Damen P*ggy Sasse und Maren Ongsi*k (Namen von der Redaktion unkenntlich gemacht) spät nach der Messe noch in die Zange genommen wird.

Nie sah ich etwas Schöneres.

 

Doch, fast: In der Bahn nach Hause legte mir der Schaffner das hier hin:

Und wie verletzt ich war, als ich gesehen habe, dass er das auch anderen Leuten hinlegt.

 

Wahrscheinlich – so denke ich jetzt noch, viele Stunden später, und immer noch nicht loslassen könnend- war ich für diesen Schaffner letztlich dann doch nur ein Gast von vielen. Für ihn war ich wahrscheinlich einfach nur ein Job. Was das mit meinen Gefühlen macht, war ihm egal.

 

Und apropos Gefühle: Wie traurig ich bin, dass ich der Ehrengasteinladung nach Norwegen nicht folgen konnte. Umso mehr freue ich mich auf den Herbst und darauf, unsere norwegischen Freunde in Frankfurt willkommen zu heißen.

 

Hauptsache, ich hab die Tasse.

 

 

Ich danke allen Leserinnen und Lesern (wenigstens zum Abschluss ein ordentliches Gendering, das ich sonst vermeidinnen und vermeide) für das Interesse und allen Verbündeten für die Hilfe (am allermeisten Hejo Emons, weil er mir einen Cappuccino geholt hat); ich grüße alle, die das kleine Leipzigabenteuer mit mir vor Ort begangen haben und die Heilige Präsidentin aller Mit-mir-vor-Ort-Begeher, Maren Ongsiek; ich danke dem Kultverlag Zweitausendeins für die Gastfreundschaft bei der Whiskyrunde, ausdrücklich nochmals Antonia Bräunig von Random House, dem Pressezentrum und der VIP-Lounge der Leipziger Buchmesse und Christiane Munsberg vom Blauen Sofa für die Hilfe bei Bela B; und am allermeisten für diese Messe muss ich meiner eigenen Spitzenmannschaft vor Ort daheim danken, die Herrn Mayers Buchladen während der Messe am Laufen hielt.

Uff. Der Messe-Mayer ist keine One Man Show.

 

 

Jetzt nur noch einen Tag lang durchschlafen.

 

Bis Oktober!

Herzlichst, Ihr und Euer
Matthias Mayer

 

herrmayer@hotmail.com

 

 

Wunderschöne Liedeinstiege von Karel Gott,
der goldenen Stimme aus Prag,
5 von 5:

„Toll wie die Lollo, schick wie die kleine Jane,
schön wie die Aphrodite einst in Athen.
Alles zusammen, das nenn‘ ich ideal,
so und nicht anders ist Lady Carneval.“

(Lady Carneval, 1969)

 

 

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