Der Messe-Mayer Leipzig 2019 / 1 von 5: Maja, Milch und Meta-Nutzen

 

Mittwoch: Maja, Milch und Metanutzen

 

Liebe Freunde,

 

herzlich willkommen zu dreißig Jahren Leipziger Buchmesse und zum 11. Leipziger Messe-Mayer.

Der Messe-Mayer wird Sie täglich durch die Messe begleiten, also als Mensch vorweg, weil ich immer in Ihrer Nähe sein könnte, während Sie was Dummes, Schönes oder Lustiges sagen oder tun, und auch als Dienstleistung des Branchenmagazines BuchMarkt, das Sie neben allen wichtigen und wesentlichen Informationen zur Messe auch mit dieser subwichtigen und parawesentlichen Glosse täglich unterhält.

Nutzen hat das schon lange keinen mehr (und konzeptionell auch noch nie gehabt), aber es macht allen Beteiligten großen Spaß. Das ist sozusagen metanützlich.

Ich moderiere diese Glosse dieses Jahr als Grizzly Adams.

 

Der Mann aus den Bergen (Rhön, Spessart)

 

Den Aufbau- und Eröffnungsmittwoch hat man bang auf den Frühlingsanfang gelegt und ihm allerlei Gesteck gewidmet, damit Petrus uns nicht wieder eine Schneedecke schickt und die Türklinken vereist. Das hatten wir hier alles schon. Crazy Leipzig, Mister Freeze. Aber es scheint zu klappen:

 

Sonnenstrahl frisst sich durch die noch zugige Hallenluft bis hin zum Gepflanz

 

 

Als ich die Kamera aus meinem Messe-Koffer holen will, finde ich die Thienemann-Kino-Freikarten, die ich letztes Jahr im Kino so gut hätte gebrauchen können.

 

Vielleicht langt’s noch für die Spätvorstellung.

 

Na, und das sind doch lauter gute Omen für den Auftakt. Kinokarten gefunden, Wetter okay, Rasierer kaputt. Und Kanada und Kosovo sind zum ersten Mal mit dabei!

 

Irgendwo jedenfalls.

 

 

Pressekonferenz zur Eröffnung

 

Ein nicht sehr großer, aber immens hoher Raum steht für diesen Empfang zur Verfügung. Aber Häppchen gab es heute keine. Anscheinend hat man in Leipzig keine große Lust mehr, sich angenehm von Frankfurt abzuheben.

 

So ein hoher Raum, und dann keine Häppchen.

 

Die fünf Musketiere, die jedjährlich die Messe eröffnen, sind die Leipziger Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, Buchmessedirektor Oliver Zille, Messedirektor Martin Buhl-Wagner, Börsenvereinsgeschäftsführer Alexander Skipis und Julia Lücke, die Pressesprecherin.

 

Letztes Briefing des Zille

 

 

Da Vinci hätte es so ähnlich gemalt, aber mit mehr Personal

 

Ich habe immer leicht unken, wenn ich diesen Konferezen dieselbe Redundanz unterstelle wie den jährlichen Neujahrsansprachen des Kanzleramtes, denn für Meinungsfreiheit und Leseförderung und gegen Zensur und Unrecht ist man ja jährlich, aber als neue Schlagworte fielen in diesem Jahr die Medienerziehung und der Übersetzermarkt, und nicht ein einziges Mal die Vielfalt und die Meinungsfreiheit. Hut ab.

(Für die Nichtnennung von Vielfalt will ich aber keine Gewähr übernehmen.)

Stolz erwähnt sein muss hingegen der Ausstellerzuwachs von 2 %. Das klingt nicht nach viel, aber wenn das so weitergeht, müssen wir in 50 Jahren das Gelände verdoppeln. Falls Prozentrechnung so geht.

 

Dieses Jahr hat Leipzig sogar beschlossen, das Gastland „sichtbar zu machen“ (Zille), anstatt es also wie sonst unter einer Papierserviette zu verstecken. Dieses Jahr wird es, nunja, präsentiert eben. Man hat ja immer ein Gastland, aber dieses Jahr wird es richtiggehend gefrankfurtert. Ich weiß nicht, ob Tschechien einen eigenen Pavillon verbasteln muss, aber sie haben immerhin für diese Messe eine eigene Leserzeitschrift!

 

Na gut, jeder Anabelist hat fünf.

 

Mit dem tschechischem Kulturminister Antonín Staněk und dem international renommierten Illustrator Peter Sís hat die Messe zwei hochkarätige Fürsprecher der tschechischen Belange gewinnen können.

Minister Staněk hat eine Rede in sagenhaft brüchigem Deutsch mehr ab- als vorgelesen, aber der anhaltende Applaus galt der sympathischen Unverdrossenheit, mit der er die harschesten deutschen Kofferwörter meisterte. Denn als Tscheche muss er ja Übung mit herausfordernder Phonetik haben.

 

Noch ein einziges Kofferwort, und ich singe die Biene Maja.

 

 

Peter Sís guckt zwar hier sehr ernst, aber das ist eben sein ernstes, tschechisches Gesicht. Eigentlich war seine englische Rede voller Anekdoten und Schmunzelstellen und voller Leidenschaft.

 

Peter Sís ist renommiert

 

 

Peter Sís hat nicht nur tschechische, sondern auch technische Probleme

 

 

Peter Sís zeigt seine Dias in einem immens hohen Raum ohne Häppchen

 

Weil die Tschechen eigentlich die ganze Redezeit aufgebraucht haben, haben die restlichen Redner noch ein paar Kamellen ins Publikum geworfen und dann diesen Vormittag offiziell beendet.

So ganz stimmt dieser Hergang nicht, aber ich musste gegen Ende nach draußen, weil meine Mama einen Barcode nicht gefunden hat.

 

(Meine Mama vertritt mich in meinem Buchladen.)

(Ich bin jetzt Geschäftsführer.)

 

 

Mein Gang durch die Hallen

 

Gerade weil es am Eröffnungstage noch nicht viel zu sehen gibt, habe ich Zeit für die Kleinigkeiten und Besonderheiten vor der Messe.

Das mögen Bilder der Ruhe und der Mitte sein:

 

Gibt es das auch in säkular?

 

 

 

 

Der malerische Eingang West, zu Ehren der CosPlayer extra benannt nach dem großen TV-Batman Adam West

 

 

Nicht nur vor der Messe gibt es eine Wasseranlage, sondern auch dahinter lädt ein besonders brackiger Tümpel zum raschen Verweilen ein

 

 

Echte Enten, die Wappentiere gehaltvoller Berichterstattung

 

 

Stylishes Kontrastschwarzweiß: Die Vorwände für dieses tolle Hallenmotiv werden jedes Jahr dünner

 

Aber dann gibt es auch verstörende Bilder wie diese hier. Und das ist auch gut so, denn Kunst will nicht nur unser Behagen.

 

Aber will Kunst mein Unbehagen wirklich so sehr?

 

 

 

Äh, was? Drilldo?

 

Da steht weder ein Verlag noch eine Standnummer dran. Aber das Produkt ist echt, ich habe es gegoogelt. (Das wird sich super machen in Browserverlauf der Redaktion.)

 

Jedes Jahr darf man von Neuem gespannt sein auf das Treppenstufenmotiv der Glashalle: Diesmal wird das Lesen gefeiert.

 

(Das wird es jedes Jahr, aber diesmal sagen wir es auch!)

 

 

 

Die älteste Homepage der Welt, wow

 

 

Bei Rowohlt hat man sich das Leipziger Mustermessenmännlein© in die Auslage gestellt, weil man dort nicht weiß, dass das ein streng geschützes Warenzeichen ist.

Einzig noch schlimmer wäre es, ein unerlaubtes Foto dieses unerlaubten Vorganges zu veröffentlichen.

 

 

Dafür darf ich aber schon einen Tag vor der eigentlichen Messe mein erstes Geschenk abgreifen: Den ganz, ganz neuen Bobo Siebenschläfer, und zwar zusammen mit Bobo-Kuscheltuchpuppe. Danke, Rowohlt-Vertreterin Andrea Ribbers!

 

Und genau wie Bobo immer werde auch ich am Ende dieser Geschichte selig eingeschlafen sein.

 

Und so zeigt jeder, was er hat. Der relaunchte Kultverlag Zweitausendeins zum Beispiel wedelt mit dem Poster zum Woodstock-Buch. Ich zeige zugleich das gelungene und das misslungene Foto:

 

Versuch 1: Frau Sasse verdeckt das Plakat, Herr Mayer verdeckt Frau Sasse, und alles ist halbscharf.

 

Versuch 2: So soll das sein.

 

Versuch Eins ist natürlich das hübschere Foto.

 

Auch bei Droemer Knaur ist man guter Dinge, aber das habe ich dort auch noch nie anders erlebt. Die Messehelden packen an, bis alles im Lot ist.

 

Drei von denen ergeben fast einen Bernhard Fetsch!

 

Ich helfe inzwischen hier aus:

 

Das sogenannte „Kleine Leipziger Frühstück“: Circa zwölf belegte Brötchen, Arbeitshandschuhe und eine Küchenrolle.

 

Und als Theatermensch habe ich ja eine große Schwäche für Zettel mit Regieanweisungen, so wie diesen hier:

 

Nachts am Computer noch Listen tippen: Das wäre genau mein Ding.

 

 

Zum Geleit

 

Apropos nächtliches Tippen von Dingen, die genau mein Ding sind: Ich schließe nun für heute und beziehe mein gewohntes, liebgewonnenes Quartier im Gewerbegebiet Sachsenpark. Dort erwarten mich drei Überraschungen:

 

 

Erstens: Ich habe nun von meinem Hotel aus einen Ausblick auf ein schöneres, neueres Hotel.

 

Das war letztes Jahr schon so, aber ich hatte es vergessen.

 

Zweitens: Durch großflächige wie plötzliche Lagerhallenbebauung ist der Messeblick nun noch besser geworden:

Beachten Sie bitte den Leipziger Messeturm in der linken Bildhälfte hinten.

 

…aber wie Karl Kraus ja sehr richtig sagte: Gemütlich bin ich selber.

 

Und drittens:

Der MVB war in meinem Zimmer.

 

Feine Idee, hier das verbandseigene Kundenmagazin auszulegen. Und nächstes Jahr dann eine Drehsäule mit allen Magazinen von Anabel.

 

Nun: Mag ich als frischgebackener Inhaber auch dieses Jahr schlecht vorbereitet und schlecht rasiert sein – ich werde wieder viel Spaß haben und kann Ihnen jetzt schon ein paar interessante Gesprächspartner verheimlichen. Den wie zufälligen Charakter des Hingehudelten, der sonst immer eine hochessenzielle Drechselarbeit ist, werde ich eben dieses Jahr noch sehr viel authentischer hinkriegen.

 

So könnte ich den Messe-Mayer ebenfalls nennen.

 

 

Krassestes Getränk des Tages, serviert vom frisch relaunchten Bernhard Fetsch beim Athesia-Kalenderverlag:

 

Ein Sektkelch kalte Milch.

 

Keine Sorge, am Wochenende gibt’s natürlich wieder Whisky. Aber ich liebe kalte Milch, und mir war gerade danach.

 

Einen guten Messedonnerstag wünscht

Ihr

Matthias Mayer

 

herrmayer@hotmail.com

 

 

 

 

 

Wunderschöne Liedeinstiege von Karel Gott,
der goldenen Stimme aus Prag,
1 von 5:

„In einem unbekannten Land,
vor gar nicht allzu langer Zeit,
war eine Biene sehr bekannt,
von der sprach alles weit und breit.“

(Die Biene Maja, 1976)

 

 

 

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Kommentare (7)
    • Dann fehlt ja einer der Wichtigsten! Aber – Wie soll er denn jemanden durch den Kakao ziehen, wenn er nur kalte Milch trinkt? Das wäre ja richtig ungemütlich!

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