Mit 70 Jahren promovierte sie über „Vergessene Jugendschriftsteller der Erich-Kästner-Generation“ Gudrun Pausewang – ein persönlicher Nachruf von Birgit Lockheimer

Am vergangenen Donnerstag ist Gudrun Pausewang im Alter von 91 Jahren gestorben. Lektorin Birgit Lockheimer erinnert in einem persönlichen Nachruf an die Autorin.

Gudrun Pausewang, Birgit Lockheimer

„Ich meine, das ist das letzte Mal, dass wir uns sehen“, sagte Gudrun Pausewang im September 2018 zu mir, als ich sie im Seniorenwohnheim in der Nähe von Bamberg besuchte. Sie sollte Recht behalten.

25 Jahre durfte ich sie als Lektorin begleiten, in den letzten Jahren waren wir einander auch zunehmend freundschaftlich verbunden, obwohl mir das von ihr angebotene „Du“ nicht ganz selbstverständlich über die Lippen ging. Acht Bücher haben wir gemeinsam auf den Weg gebracht, das erste war die 1995 im Verlag Nagel & Kimche erschienene Seejungfrau in der Sardinenbüchse, unser letztes Au revoir, bis nach dem Krieg im Gerstenberg Verlag. In all den Jahren habe ich ihre professionelle Art der Zusammenarbeit sehr geschätzt.

Gudrun Pausewang war immer offen gegenüber Änderungsvorschlägen des Lektorats, solange es nicht „ans Eingemachte ging“, wie sie sich gerne ausdrückte. Damit meinte sie ihr Engagement für den Frieden und den Schutz der Umwelt und gegen Krieg, Atomkraft und Nationalsozialismus, aber in dieser Hinsicht waren wir uns sowieso einig. Kritik durch die deutlich Jüngere nahm sie aufgeschlossen und souverän auf und nach der Besprechung bedankte sie sich jedes Mal bei mir für das Lektorat. Unter all meinen Autorinnen und Autoren war sie diejenige, die redigierte Manuskripte am promptesten durchsah und zurücksandte. Was mich zugegebenermaßen manchmal etwas in Stress versetzte, weil ich nicht immer ebenso prompt reagierte wie sie.

Gudrun Pausewang vergaß keinen meiner Geburtstage, ich konnte sicher sein, dass ihre Glückwünsche immer als allererste bei mir eintrafen. Im Büro und auch zu Hause bewahre ich noch eine ganze Reihe ihrer Briefe auf. Auch nach Jahrzehnten sieht man ihrer geschwungenen klaren Handschrift noch die ehemalige Grundschullehrerin an.

Gudrun Pausewang war die letzte Autorin, die mir mit der Schreibmaschine getippte Manuskripte schickte, bevor auch sie sich einen Computer zulegte und sich die neue Technik aneignete. Zwar musste die Herstellungsabteilung zum Einlesen ihrer Disketten älteren Datums ein externes Laufwerk besorgen, aber ich war beeindruckt, wie sie ihr Leben lang dazulernte. Im Ruhestand besuchte sie noch einmal die Universität und promovierte mit 70 Jahren über „Vergessene Jugendschriftsteller der Erich-Kästner-Generation“.

Das aktuelle Zeitgeschehen verfolgte Gudrun Pausewang auch im hohen Alter mit unvermindertem Interesse, sie blieb immer neugierig auf die Welt. Wenn ich sie in ihrem Haus im hessischen Schlitz besuchte, nahm sie mich gastfreundlich auf, bekochte mich, wir sprachen über Manuskripte und Projekte, über unsere gemeinsame Liebe zu Südamerika, über Gott und die Welt. Aber Punkt 20 Uhr wurde das Gespräch für die Tagesschau unterbrochen.

Gudrun Pausewang hatte Humor und sie konnte über sich selbst lachen. Anlässlich ihres 85. Geburtstags war ich zur offiziellen Feier der Stadt Schlitz eingeladen. Die nicht gerade große Jubilarin trat ans Rednerpult, um dann vor den geladenen Gästen darüber zu witzeln, dass sie bei ihrem 80. Geburtstag noch übers Pult hatte schauen können.

Unser vorletztes Treffen fand für mich überraschend im Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse statt, als wir uns bei der Preisverleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises, wo Gudrun Pausewang für ihr Lebenswerk geehrt wurde, auf der Bühne begegneten. Das versammelte Fachpublikum erhob sich spontan und zollte der Preisträgerin mit Standing Ovations Respekt.

Gudrun Pausewang war ein geradliniger Mensch, ein Mensch mit Haltung. Au revoir, Gudrun, Du wirst mir und uns allen fehlen.

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