Maren Bonacker über die Jury-Arbeit für den HUCKEPACK-Bilderbuchpreis „Solche Vorbilder wünschen wir allen Kindern in ihrem wirklichen Leben“

Heute wurde bekannt, dass der HUCKEPACK-Bilderbuchpreis in diesem Jahr anAdrian hat gar kein Pferd (cbj) von Marcy Campbell (Text) und Corinna Luyken (Illustration) geht. buchmarkt.de sprach mit Jury-Mitglied Maren Bonacker über Bilderbücher, die Kinder stark machen.

buchmarkt.de: Der HUCKEPACK-Preis hätte eigentlich im Rahmen der Fachtagung „In Bilderbüchern Stärke finden“ verliehen werden sollen, die aus bekannten Gründen ausfallen muss. Wie muss ein Bilderbuch sein, damit es seinen Lesern Kraft gibt?

Maren Bonacker

Maren Bonacker: Die Bilderbücher, die wir für den Preis in Betracht ziehen, schaffen alle ein bisschen mehr als das Gros der auf dem Markt befindlichen Bilderbücher. Sie nehmen die Kinder ernst und zeigen ihnen, dass sie auch mit kleinen Dingen Großes bewirken können. Das trifft für alle Titel aus unserer Longlist zu, und wir möchten Kinder damit ermutigen, sich selbst über all diese kleinen Dinge in ihrem eigenen Leben bewusst zu werden, mit denen sie tatsächlich etwas bewirken.

Dies ist auch das Hauptkriterium für den Huckepack-Preis?

Ja. Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen nichts vorzugeben, sondern sie behutsam selbst darauf zu bringen, wie wichtig sie für unsere Gesellschaft sind, ihnen Respekt und Wertschätzung zu zeigen – das ist besonders für die Kinder des Projekts „Vorlesen in Familien“ von Bedeutung, aus dem heraus der Preis vor ein paar Jahren gegründet wurde. Die Kinder, für die wir gezielt nach diesen Büchern suchen, machen diese Erfahrungen in ihrem Leben selten. Die Bücher und Geschichten sollen ihnen deshalb zeigen, wie wichtig sie als Menschen für uns alle sind, sollen sie dazu ermutigen, nie aufzugeben.

Die Jury hat eine ganze Reihe von Bilderbüchern ausfindig gemacht, die in dieser Hinsicht eine Auszeichnung verdient hätten. Ihre Shortlist umfasst elf Titel …

Der BuchMarkt spöttelt gern über unsere lange Shortlist … Aber wir stehen dazu! Und wenn man die hohe Zahl der geprüften Titel berücksichtigt, sind elf Titel wirklich eine „Shortlist“. Wir publizieren jedes Jahr eine pädagogisch-didaktische Begleitbroschüre zu diesen Titeln, und wir wissen, dass viele Kitas und Grundschulen schon nach der kurzen Zeit, in der es den HUCKEPACKBilderbuchpreis gibt, auf diese Liste hinfiebern und all diese Bilderbücher in ihrer pädagogischen Arbeit einsetzen. Den Verlagen, die diese besonderen und oft in der schieren Menge an alljährlich erscheinenden Büchern untergehenden Bilderbücher publizieren, gebührt unser Dank und unser Respekt – und den drücken wir am besten aus, indem wir jedes Jahr eine Top Ten UND einen Preisträger auf die Liste setzen.

Wie wichtig ist Ihnen die Illustration? Oder kommt es Ihnen vor allem auf die Aussage des Textes an?

Uns ist beides wichtig, und sogar noch etwas mehr: Neben klarem Inhalt und ansprechenden Illustrationen, die nicht nur abbilden, sondern durchaus die Phantasie ein bisschen fordern, legen wir großen Wert auch auf die Sprache. Die Bücher auf unserer Liste müssen sich gut vorlesen lassen – sie sind schließlich Teil eines Vorleseprojekts. Wir hatten schon Bücher mit tollen Inhalten und Bildern, die aber sprachlich so holperten, dass wir sie nicht berücksichtigen konnten. Unsere Jury setzt sich sehr bunt zusammen, wir sind in den Bereichen Kita, Schule und Erziehung ebenso zu Hause wie im Journalismus, der didaktisch-pädagogischen Vermittlung von Büchern und nicht zuletzt dem Buchhandel.

Was hat die Jury dazu gebracht, sich für Adrian hat gar kein Pferd (cbj) von Marcy Campbell und Corinna Luyken zu entscheiden?

Das waren zum einen die wunderbaren Illustrationen von Corinna Luyken, in denen ein Traumpferd erscheint, das es gar nicht gibt, und zum anderen die Figur von Zoes Mutter, die Marcy Campbell so großartig agieren lässt. In dem Streit, den Zoe mit Adrian ausficht, weil sie glaubt, er würde lügen und sich wichtig machen, wird Zoes Mutter nur sehr behutsam aktiv: Sie liefert keine langen Erklärungen, sondern sie ZEIGT Zoe, was hinter Adrians Geschichte steckt. Indem sie ihre Tochter mit in Adrians ärmliche Wohngegend nimmt, wo sie den Menschen vorbehaltlos mit Respekt und Freundlichkeit begegnet, gibt sie  Zoe die Möglichkeit, selbst zu verstehen, warum Adrian diesen Traum vom Pferd so dringend braucht. Sie ist damit ein wunderbares Vorbild für alle Kinder, die diese Geschichte lesen – solche Vorbilder wünschen wir ihnen allen in ihrem wirklichen Leben.

Wie werden Sie den Titel nun feiern – ohne Preisverleihung?

Hm ja – das geht nun leider ziemlich unter. Wir sitzen ziemlich weit verstreut – von Bremen bis runter in den Schwarzwald, so dass ein gemeinsames Feiern auch ohne Corona-Auflagen eher schwierig wäre. Aber wir haben natürlich schon gefeiert, als wir abgestimmt haben und klar war, dass wir uns tatsächlich alle auf dieses Buch einigen konnten. Das ist immer ein sehr spannender Prozess, und man hält bis zum Schluss den Atem an, was denn nach all den Sitzungen und Plädoyers tatsächlich für ein Ergebnis herauskommt. Mit „Adrian“ sind wir sehr glücklich!

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