Aus der Werkstatt der Verlage (II) Lucien Leitess: „Ist das jetzt der Koller, nach sechs Wochen Office-Home, von dem alle reden?“

Wir hatten in den letzten Tagen genügend Zeit, in den aktuellen Noviäten-Vorschauen zu blättern und vor allem deren Editorials zu lesen. Diese oft sehr persönlichen Verleger-Blicke auf ihre jeweiligen neuen Programme und auf die Branche derzeit wollen wir hier in loser Folge mit Ihnen teilen. Vorgestern machte Christoph Links den Anfang, heute folgt das Editorial von Lucien Leitess. Er schreibt in der Herbstvorschau seines Unions Verlages:

Lucien Leitess (c) Ayse Avas

Liebe Leserin,

Lieber Leser.

Nichts über das Coronavirus! Nichts über Rückbesinnung, Selbstbesinnung und andere Sinn- und Sinnesfragen. Keine heitere Phänomenologie des Videomeetings. Keine Ratschläge an die Branche, das Bundesamt für Kultur, Editorial-schreibende VerlegerkollegInnen, das ONIX-3.0-Gremium, die neue Verbandsspitze. Und ja keine Nabelschau. Das Verdikt der KollegInnen beim Brainstorming über das fällige Editorial ist eindeutig.

Einstweilen habe ich andere Sorgen. Streife durch die verlassenen Verlagsräume, verzweifelt auf der Suche nach einem der geheimen Privatlager an Klarsichtmäppchen, zum Plündern und Auffüllen des eigenen. Verwaiste Pulte, dröhnende Stille. Nur die PCs summen stoisch vor sich hin, mit blinden Bildschirmen, und lassen die Fernsteuerung aus dem Homeoffice über sich ergehen. Tastaturen sehnen sich nach Berührung. Hier eine Agenda, aufgeschlagen in der Woche der Leip ziger Buchmesse, da kam der Stillstand. Eine Lesebrille, eingefaltet neben der toten Maus.

Durch Klick auf Cover zur Vorschau

Inmitten dieser zur Erinnerung erstarrten Bürolandschaft leuchten die Memorabilien des Verlagslebens. Die aufziehbare, verstrubbelte weiße Rennmaus auf Rädern, vom wilden Finale in der Olé-Olé-Bar nach einem gesitteten Verlagsabend. Ein Säckchen mit mongolischen Pferdestutenmilchbonbons, die mitteleuropäische Geschmacksnerven interkulturell heftig herausforderten. Juri_Rytchëus aus Walrosszahn geschnitzter Tschuktsche mit seinem Fischkorb, als Mahnung, dass Hunger droht, wenn die Honorare knapp werden. Wettergegerbte »Unionsverlag«-Türschilder aus siebenundvierzig Jahren, darunter die Kalligrafie in arabischer Schrift, als Glücksbringer von Bachtyar Ali überbracht. Die Innereien der allerersten Festplatte, Skulptur gewordene Datenspur. Christoph Simons tanzende Zuckerdose und dazu sein Gedicht aufs Haus. Der rote Schal des 1. FC Union Berlin, der DDR-Wimpel fürs »Ausgezeichnete Kollektiv« und das zerfledderte »Große Buch vom Union-Brikett«. Alte Pokale des Jugendliteraturpreises und der ITB und die zerfallende Papierbarke des Verbands der LiteraturübersetzerInnen. Das Krokodil aus Kairo, seit Urzeiten Totem des Verlegerzimmers, an dem sich regelmäßig die Geister scheiden.

Aber nirgends Klarsichtmäppchen – vom Erdboden verschwunden. Auch diese Heftklammern in der vermaledeiten Sondergröße – gibts nimmer. Und noch immer kein Thema fürs Editorial.

Ist das jetzt der Koller, nach sechs Wochen Office-Home, von dem alle reden? Kennen Sie das?

Fragt aus dem Unionsverlag

Lucien Leitess

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