Gerhard Beckmanns Meinung – Sind AutorInnen wirklich so uninteressant und nebensächlich wie Verlagsvorschauen und Klappentexte tun?

Das Echo auf meine Kolumne über mangelhafte Klappentexte [mehr…] ist ungewöhnlich stark gewesen. Das Thema „Informationen zum Buch“ ist jedoch darüber hinaus von hohem Belang – für Buchhändler wie für Leser. Nachdem ich inzwischen die Vorschauen studiert habe, scheinen mir auch dazu ein paar Bemerkungen notwendig Auf Probleme bei den inhaltlichen Angaben möchte ich diesmal nicht ausdrücklich verweisen, obwohl sie – von Ausnahmen wie etwa Diogenes, die Frankfurter Verlagsanstalt oder Kiepenheuer & Witsch angesehen – in den Vorschauen der meisten Verlage auch nicht besser sind als die „Waschzettel“. Denn ganz besonders unzureichend sind hier die Autoren-Infos.

Gestatten Sie bitte, dass ich als konkrete Beispiele wieder Krimis anführe, weil ich mich mit diesem Genre in letzter Zeit sehr intensiv beschäftigt habe. Beginnen wir mit Titeln, die ich schon in der letzten Kolumne erwähnte.

Mal abgesehen davon, dass der Text zum Inhalt von Ingrid Blacks „Der siebte Tag“ weder das fulminante neue Irland-Portrait noch die neue, einmalige Gestaltung des Motivs Serienmord erwähnt, also genau die Besonderheiten nennt, welche den Roman für Buchhändler und Leser eigentlich überhaupt erst interessant machen – ganz abgesehen davon heißt es in der Autoren-Info bloß: „Die Schriftstellerin lebt in Irland.“ Kein Wort davon, dass „Ingrid Black“ ein Pseudonym ist, dessen (problemlose) Entschlüsselung dem Sortiment wie den Kritikern zur einer angemessenen Ersteinschätzung des Titels mithelfen könnte.

Haben Lektorat, Verlagsleitung, Vertrieb und Werbung den Roman und seine Bedeutung nicht kapiert?

Und warum verschweigt man bei C. Bertelsmann beim belletristischen Spitzentitel (!) „Das Pinocchio-Syndrom“, dass David Zeman als Autor ein Pseudonym ist? Einen „David Zeman“, der „an der Yale University unterrichtet, einen „David Zeman“, der regelmäßig Aufsätze über philosophische Themen schreibt“ – wäre zudem eine noch nichtssagendere Aussage überhaupt möglich? – wird niemand nirgends aufspüren. Gut, seinen wahren Namen kennt man nicht. Dennoch ist einiges über ihn publik. Der Verfasser dieses explosiven Polit-Thrillers über amerikanische Kollektiv-Ängste und ihre Folgen ist jedenfalls ein äußerst renommierter Philosophie-Professor in Yale, der ein – international einflussreiches – Grundlagenwerk zur postmodernen Erkenntnistheorie geschrieben hat und eingehend der Frage nachgegangen ist, „wie der menschliche Verstand eigentlich arbeitet“. Und welches Thema hat er in seinem erzählerischen Debüt gestalten wollen? „Die Mentalität und Attraktivität des Bösen in unserer Zeit“; vor allem in Hinblick auf Völkermord, ethnische Säuberungen und Terrorismus mit den politischen Reaktionen, die sie auslösen. Ich zitiere aus einem Exklusiv-Interview http://www.Wordjourneys.com/bookstand_/pinocchio_interview.htm. Warum wird so etwas vom Verlag nicht genutzt?

Offenbar behandelt man Autoren-Infos in Vorschauen (und Klappentexten) als eine Pflichtaufgabe, die man am besten schnell wie möglich abhakt.

Dass eine Autoren-Info Thema und Inhalt eines Buches beglaubigen und erklären könnte; dass sie zum Roman hinführen, Neugier auf ihn machen könnte; dass sie für Buchhändler und Leser da ist, also einen Zweck hat – forget it!

Die Kiepenheuer & Witsch-Informationen zu Frank Schätzings in meiner letzten Kolumne gelobten Thriller “Der Schwarm“ sind insgesamt vorbildlich. Ein in Verbindung mit Thema und Ausführung seines Romans interessantes Autorendetail – dass er auch ein erfahrener Taucher ist – wird jedoch unterschlagen. (Es ist seiner Homepage zu entnehmen.) Dafür wird jedoch erwähnt, dass er ein „Hobbykoch“ ist. Bitte, was soll das?

Oder nehmen Sie, als letztes, den in meiner Klappentext-Schelte erwähnten Titel „Sündenherz“ von Julie Parsons. Die höchst gelungene, den Leser aufklärend packende Darstellung des Umkreises von Pädophilie – das Besondere des Romans, das Wichtige, das ihn aus der Menge der Neuerscheinungen hebt: Fehlanzeige. Über die Autorin: So gut wie nichts. Braucht es auch nicht, wird Droemer sich gesagt haben; die Autorin kennt doch jeder; von ihr haben wir ja bereits Titel erfolgreich verlegt. Nur: Die vier SortimenterInnen, die ich fragte, weil mir selbst Julie Parsons und ihre psycho-thrillenden Qualitäten unbekannt waren, wussten nichts von ihr. Ein(e) Leser(in) ihrer bisherigen Romane vermochte ich in meinem recht großen und großteils lesewütigen Bekanntenkreis gleichfalls nicht aufzuspüren. Und ich hätte „Sündenherz“ sicher nicht gelesen, hätte mir schließlich nicht Elmar Krekeler, verantwortlicher Redakteur der „Literarischen Welt,“ nicht dringend dazu geraten.

Liebe Verlage, vor allem liebe Leute in Vertrieb und Werbung, darum, zum Ende, die Frage: Soll denn Lesen Zufall sein?

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.