Gerhard Beckmanns Meinung – Beim Berlin Verlag muss das Taschenbuch neu ausgerichtet werden

Dass der Berlin Verlag – eine der interessantesten literarischen Neugründungen des letzten Jahrzehnts – einen neuen Eigentümer fand, war eine der erfreulichsten Nachrichten des vergangenen Frühjahrs [mehr…], [mehr…]. Im Rahmen der Random House-Gruppe hatte er Gerüchten zufolge nämlich – trotz hoher Imagebedeutung – aus konzern-ökonomischen Gründen auf der Kippe gestanden.

Ein neuer Verlag braucht eine Weile, bis er sich wirtschaftlich trägt, weil ihm das Fundament einer Backlist fehlt. Den ursprünglichen unabhängigen Anteilseignern ging, weil sie die Dauer dieses Zeitraums wohl unterschätzt hatten, die Puste aus – insbesondere, wenn ich da recht gehört habe, Siegfried Unseld, der das daraufhin zu einer Kapitalerhöhung erforderliche Geld für seinen Suhrkamp/Insel Verlag benötigte, und sich wohl von Anfang an verrechnet hatte. Er hatte vermutlich auch darauf gesetzt, auf diese Weise die Taschenbuchrechte der Berlin-Titel sozusagen automatisch für Suhrkamp oder Insel gewinnen zu können. Arnulf Conradi ist ein ausgewiesener Spürhund für eine moderne internationale, vor allem für angelsächsische Literatur, die zumeist über Agenten geht – und mit denen tut Suhrkamp/Insel sich traditionell schwer. Unselds strategische Überlegung war richtig – die Titel des Berlin Verlags hätten das Suhrkamp/Insel-Taschenbuchprogramm ungemein bereichert. Die Erstoption hätte er auch gewiss gehabt – nur hätte er für die Titel dann auch die entsprechend hohen Marktpreise zahlen müssen. Die waren ihm dann aber wohl entschieden zu teuer.

Das hohe Taschenbuchpotential des Programms war, einmal abgesehen vom literarischen Renommée, der Grund, warum die damalige Verlagsgruppe Bertelsmann (heute Random House Deutschland) die Chance nutzte und den Berlin Verlag übernahm. Wiederum mit einem nicht einkalkulierten Nebeneffekt: Wenn der Hardcover-Verlag die Tb-Lizenzen gezwungenermaßen innerhalb des Konzerns vergibt, dem er angehört, verliert er die – in der Regel – vierzig Prozent, die er in freier Lizenzvergabe verdient. Dann muss er nämlich die kompletten Lizenzhonorare an den Agenten bzw. an den Autor abführen. Da literarische Verlage sich heute weitgehend aus Lizenzeinnahmen finanzieren, entstand somit ein gravierendes Finanzloch.

Diese Finanzierungslücke wurde noch größer, als der Berlin Verlag – mit Genehmigung von Random House – beschloss, ein eignes Taschenbuchprogramm aufzuziehen. Brancheninsider haben das Vorhaben von Anfang an mit einem Kopfschütteln registriert. Peter Mathews –zuvor Werbeleiter bei Rowohlt und dort anschließend für das Wunderlich-Tb-Programm verantwortlich –hat das Bestmögliche draus gemacht. Er hat in kurzer Zeit erstaunliche Erfolge verbucht. Sie haben offenbar nicht gereicht, zumindest dem neuen Eigentümer nicht – dem britischen Hause Bloomsbury (auch hier zu Lande bekannt als Harry Potter-Verlag).

Als Bloomsbury den Berlin Verlag übernahm, hat es alle Branchenkenner gewundert, dass er an dem hauseigenen Taschenbuchprogramm festhalten wollte. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass jeder Eigentümerwechsel über kurz oder lang strukturell und konzeptionell Änderungen mit sich bringt. Solch gewünschter Neuorientierung konnte sich Peter Mathews offenbar nicht anschließen. [mehr…] Was jetzt kommt, steht in den Sternen.

Ich bin mit den Gründern und Verlegern von Bloomsbury befreundet. Ich bewundere sie. Sie machen ein hervorragendes literarisches Programm. Anderseits gehören sie zu den kältesten Rechnern und darum auch zu den profitabelsten Unternehmen der Branche, nicht nur wegen Harry Potter – weshalb sie imstande waren, den defizitären Berlin Verlag zu übernehmen. Literatur ist bei Bloomsbury aber nur die Programmspitze eines kommerziellen Eisbergs. Da wird auch das Hardcover-Programm des Berlin Verlags gewiss schon bald anders sein als es den Feuilletonisten und Literaturhabern bisher lieb und teuer war.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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