ARCHIV Zum Artikel im Psychologie-Special: Asperger, eine unsichtbare Behinderung

Auszug aus dem Artikel:

„Medikamentierbarkeit und Therapiemöglichkeiten sind marginal; meistens geht es darum, das Vorhandene ins Mögliche einzubinden, also den Betroffenen Ratschläge an die Hand zu geben im Umgang mit einer Situation, die sich nicht ändern lässt. Deshalb richtet sich auch sehr viel Literatur nicht an den Patienten selbst, sondern an Eltern oder Partner von Aspies. In der Natur der Sache liegt es, dass sich bei einem solchen Spezialthema viele Nischen-, Klein- und Selbstverlage sammeln.“

Aktuelle Literaturtipps zum Thema Asperger:

Literatur für Eltern

Wenn Asperger in der Kindheit entdeckt wird, ist es stärker ausgeprägt und schwieriger zu verstehen, aber je früher man dem Menschen in seiner Blase entgegenkommt, desto besser findet er in die Welt hinein. Oder gar aus seiner hinaus. Aber über die bloßen Fallgeschichten hinaus, die immer einen großen Anteil in der Aspergerliteratur einnehmen, gibt es gerade im Kinder- und Bilderbuchbereich so viele Bücher für die Kleinsten, dass es einen eigenen Artikel wert wäre. Ich beschränke mich daher auf Empfehlungen für Eltern. Fürs Erste.

Bernadette Dauck: Anders besonders, Drachenmond-Verlag

Bernadette Dauck: Anders besonders, Drachenmond-Verlag

Ein 16jähriger Hochbegabter erfährt seine Asperger-Diagnose, und seine Mutter schildert diesen langen Weg, aber sie schildert ihn positiv und mit viel Mitgefühl, lesenswert für alle in ähnlichen Situationen, aber auch wenn man als Außenstehender eher etwas über den Alltag mit Asperger wissen möchte und nicht nur an klinischen Fakten interessiert ist. Übersichtlich, präzise und doch packend.

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Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom, Trias

Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom, Trias

Attwood gilt als führender Experte auf dem Gebiet der Asperger-Forschung. Dieses Standardwerk für Eltern und Therapeuten wurde in 28 Sprachen übersetzt und wird von Pädagogen, Medizinern und auch Privatleuten immer wieder zu Rate gezogen. Es enthält Tests, Anregungen und einen umfassenden Überblick über die Gesetze, die in der Welt der Asperger-Patienten gelten. Hervorragender Einstieg.

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Regine Winkelmann: Früher war ich falsch… heute bin ich anders, Pro Business Verlag

Regine Winkelmann: Früher war ich falsch… heute bin ich anders, Pro Business Verlag

Auch dies ist ein Tasachenbericht einer betroffenen Person, aber aus einer sehr extremen Perspektive: Als Autistin, die selbst vier autistische Kinder zur Welt brachte, weiß Frau Winkelmann sehr schonungslos, unmissverständlich und offen in ihre Welt einzuladen.

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Literatur für Partner

Erwachsene Asperger sind auf andere Art schwierig: Sie mögen nicht so sehr in Not sein wie ein Kind, weil sie gelernt haben, sich zu helfen; aber dafür ist es Ihnen ungleich schwieriger, aus ihren Mustern auszubrechen. Es braucht einen Partner oder eine Partnerin mit immenser Geduld und Genügsamkeit, ja geradezu mit Nehmerqualitäten. Die Zärtlichkeit eines Aspergers kann auch mal sein, die ganze Wohnung zu putzen und Sie danach alleine zu lassen.

Corinna & Bob Fischer: Ich liebe einen Asperger!, Trias

Corinna & Bob Fischer: Ich liebe einen Asperger!, Trias

Ein Ehepaar schildert in diesem Fallbuch, wie seine Ehe funktioniert und wie nicht. Zwar sind die Fischers in vielen Fragen sehr religiös motiviert, aber auch jenseits des christlichen Gedankens finden sich hier viele Beispiele, in denen betroffene Paare sich wiederfinden können. (Meine Frau meint ja, da brauche es auch immer das Gegenbuch „Ich hasse einen Asperger“, denn nur mit Liebe sei dem nicht beizukommen.)

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Eva Daniels: Geliebter Fremder, Trias

Eva Daniels: Geliebter Fremder, Trias

Wie bei Trias zu erwarten, definiert sich diese Lebensgeschichte über ihre Klarheit und ihre Nützlichkeit. Sehr lebensnah, alltagstauglich und frei heraus schildert die Autorin alles, worauf es ihrer Meinung nach ankommt. Das Buch richtet sich zwar sehr ausschließlich an Partnerinnen, die bereits mittendrin sind im Schlamassel und nicht direkt an die dazugehörenden Männer, aber der Aha-Effekt lohnt sich auch für den Mitleser. Alles, was Frau schon immer wissen wollte, ist auch für uns Männer aufschlussreich.

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Katrin Bentley: Allein zu zweit, Wörterseh

Katrin Bentley: Allein zu zweit, Wörterseh

Diese kleine Biographie dient in erster Linie dazu, die Unsichtbarkeit hinter der Behinderung auch dem Partner anzuerkennen: Belastung, Druck und Enttäuschungen im Beziehungsleben mit einem Asperger sind nach außen ebenfalls unsichtbar. Seinen eigenen Gefühlskompass im Blick zu behalten ist da sehr schwer, und Leidengenossinnen werden hier an die Hand genommen, damit sie sich nicht schuldig oder als Versagerinnen fühlen. Für alle, die lieber eine Biografie als ein psychologisches Sachbuch lesen.

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Rudy Simone: 22 Dinge, die eine Frau wissen muss, wenn sie einen Mann mit Asperger-Syndrom liebt. Kommode-Verlag

Rudy Simone: 22 Dinge, die eine Frau wissen muss, wenn sie einen Mann mit Asperger-Syndrom liebt, Kommode-Verlag

Ein so kompliziertes Thema herunterzubrechen auf eine Liste mit 22 Punkten – das gefällt dem Asperger schon mal. Mit Humor und auf den Punkt hat dieser schöne Führer den Überblick eines seriösen Buches, obwohl es durch sein Understatement so sympathisch einfach daherkommt.

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Special Interest für alle

Diese Kategorie will um Verzeihung bitten dafür, dass ich alles Übrige in ihr unterbringe. Bücher, die von oder für Asperger geschrieben wurden oder die nicht ins Eltern- oder Partnerregal passen. Oder aber in beide sehr gut, und ich will mich nicht entscheiden.

Kai Vogeley: Anders sein, Psychologie Verlagsunion bei Beltz

Kai Vogeley: Anders sein, Psychologie Verlagsunion bei Beltz

Ganz frisch ist dieser Ratgeber für erwachsene Betroffene herausgekommen. Sehr umfassend, gründlich und systematisch dient er allen, die Umgang mit hochfunktionalen Autisten haben oder selbst eine Diagnose hatten oder davor stehen. Empfehlenswertes Kompendium auf hohem, dichten Niveau.

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Denise Linke: Nicht normal, aber das richtig gut, Berlin Verlag

Denise Linke: Nicht normal, aber das richtig gut, Berlin Verlag

Autismus und ADHS lautet die Doppeldiagnose, die man sehr häufig antrifft; aber eben kaum bei Frauen. Denise Linkes Buch ist eine kuriose Lebensgeschichte, es ist ein wichtiger Einblick in die Kombination beider Syndrome, und vor allem ist es hinter den Zeilen von Bedeutung, weil Denise Linke die Herausgeberin von Deutschlands erstem Autismus-Magazin wurde.

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Arnold Pollak: Auf den Spuren Hans Aspergers, Schattauer

Arnold Pollak: Auf den Spuren Hans Aspergers, Schattauer

Wer war der Mann eigentlich, der diese Verschiebung oder Störung des Spektrums als erster erkannte, benannte und erforschte? Für ein größeres, breiteres Verständnis im Gesamtbild der Autismusforschung liegt hier ein sehr wissenschaftshistorisches, biographisches Werk vor für alle, die sich eingehender und tiefer mit dem Thema befassen wollen. Aber erwarten Sie keine langweilige Mediziner-Biografie! Packend wird hier die Geburtsstunde einer Autismus-Abspaltung erlebbar gemacht.

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Heilmann / Eggert-Schmid Noerr /Pforr: Neue Störungsbilder – Mythos oder Realität? Psychosozial-Verlag

Heilmann / Eggert-Schmid Noerr /Pforr: Neue Störungsbilder – Mythos oder Realität?, Psychosozial-Verlag

Kritische Auseinandersetzung mit umstrittenen Modediagnosen wie ADHS, Asperger oder bipolarer Störung. Auffälliges Verhalten im Kindes- und Jugendalter wird immer häufiger medizinalisiert, aber nicht jeder Flegel hat gleich ein Syndrom. Dieses Buch befasst sich sachlich und umfassend mit den sozialpädagogischen Aspekten und Entwicklungen, ist aber wahrscheinlich in erster Linie interessant für Leser, die beruflich mit dem Thema zu tun haben.

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Rudy Simone: Aspergirls, Julius Beltz

Rudy Simone: Aspergirls, Julius Beltz

Dass mehr Männer als Frauen mit Asperger auf die Welt kommen, spiegelt das Themenangebot wieder. Es gibt weniger Bücher, die sich mit dem weiblichen Aspekt einer Spektrumsstörung befassen. Der sorgfältige Ratgeber sei weltweit der einzige für weibliche Fälle, egal ob Kinder, Mädchen oder erwachsene Frauen.

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Clay Marzo: Die Welle meines Lebens, Sorriso Verlag

Clay Marzo: Die Welle meines Lebens, Sorriso Verlag

Dass ein Asperger die Superfähigkeit hat, sich völlig in einer Aufgabe zu verlieren, hatte ich noch nicht erwähnt. Clay Marzo macht das auf dem Surfbrett. Er vergisst Schlafen und Essen und ist nur noch ganz Welle. (Das kenne ich von der Buchmesse.) Sehr packend und lesenswert.

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Christine Preißmann: Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus, Kohlhammer

Christine Preißmann: Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus, Kohlhammer

Bei all dem Erfahrungs-, Tatsachen- und Durchhaltejournalismus zum Thema Asperger ist es eine Wohltat, endlich auch etwas zum Thema Inklusion zu lesen. Der Tenor ist ja meistens: Wie halte ich es mit einem Autisten aus? Aber in diesem Werk stellt sich endlich die Frage: Wie kann man die Welt ein ganz klein wenig autistenfreundlicher machen?

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Matthias Mayer

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