Der Messe-Mayer Der Messe-Mayer Frankfurt 2019 Tag 1 von 6

 

 

Dienstag: Bielefelds große Stunde

 

Liebe Freunde,

 

herzlich willkommen zur Frankfurter Buchmesse, mal wieder!

 

Das Gastland ist dieses Jahr Norwegen, der Herbst ist dieses Jahr noch Sommer, und Literaturnobelpreise haben wir zwei – fast schon eine Art literarisches Schaltjahr.

Für diejenigen unter Ihnen, die zum ersten Mal zuschalten: Ich bin für die nächsten sechs Tage Ihr virtueller Messerundgang. Wenn Sie es nicht nach Frankfurt schaffen – nicht schlimm: Ich kann hier auch stellvertretend für Sie vor Ort die relevantesten Events verpassen und wieder mal nur Prominenten hinterherhecheln, Essen erschleichen und Erwachsene von echter Arbeit abhalten.

Ich habe wirklich keine Ahnung, warum sich das – ansonsten renommierte – Magazin BuchMarkt daraus einen Mehrwert erhofft, wo ich doch gerade und eher den Wenigerwert im Blick habe. Aber gleichwohl:

 

Ich bin erholt und bereit.

 

Wie Sie sehen, habe ich mein Reinhold-Messner-Frisuren-Experiment beendet; oder besser: Dora Heldt hat es beenden lassen, aber das ist eine andere Geschichte, die nur in meinem Dorf erzählt wird.

 

(Dora Heldt sagte mir eine Lesung nur unter Friseurbedingung zu.)

 

 

Aber abgesehen von meiner Adrettheit ist das sicher meine schlechtest vorbereitete Messe seit Jahren: statt ordentlich gedruckter Listen nur fahrige Schmierereien.

 

Heute nacht schlafen die Graphologen schlecht

 

Aber dennoch bin ich guter Dinge, denn mein erster Tag war bereits wunderschön.

 

 

Die Eröffnungspressekonferenz

 

Jede Buchmesse beginnt mit  – ach, das ist mir zu kompliziert. Kein Mensch weiß, wann die Buchmesse beginnt. Also eigentlich beginnt sie am 16. Oktober um 09.00 Uhr, aber vorher müssen ja schon die Leute rein, die den Leuten öffnen, die die Messe öffnen. Und vorher die, die alles kochen. Und so weiter. Juergen Boos schläft schon seit Wochen auf dem Gelände. (Außer dass er nicht schläft.)

Ich glaube, diese Messe hat begonnen, als Georgien im letzten Herbst die Gastlandrolle an Norwegen übergab. Es gibt dutzende von Anfängen dieser Messe.

Und die Pressekonferenz ist einer davon.

Dieses Jahr fand sie wieder im Pavillon auf der Agora statt, der von außen wie ein Baiser aussieht und von innen wie Ikea. Schade, dass nicht Schweden Gastland ist.

Wie immer sprachen zuerst Juergen Boos und Heinrich Riethmüller, die auch als Schlüsselmeister und Torwächter unserer Branche bekannt sind. Gäste waren Francis Gurry, australischer Generaldirektor der Weltorganisation für geistiges Eigentum, und Literaturnobelpreisträgerin Olga „nicht Peter Handke“ Tokarczuk.

 

Hashtag Messedirektor Juergen Boos

 

 

Ich hingegen habe noch niemals in meinem Leben von der Weltorganisation für geistiges Eigentum gehört.

 

Jetzt, wo ich verstanden habe, was Hashtags sind, kann ich die Ansprache von Herrn Boos am effektivsten zusammenfassen:

#Verlagsbranche
#geistigesEigentum
#Literaturnobelpreis
#digital
#ökologischerFußabdruck

Oh – das letzte war neu dabei.

 

Bei Verbandvorsteher Riethmüller hingegen:

#Umsatzplus
#Menschenrechte
#FreiheitDesWortes
#Vielfalt
#Klimakatastrophe

Oh – das letzte war neu dabei.

 

Als Olga Tokarczuk die Bühne betrat, war die Presserregung groß:

 

Leute, das ist nur der Nobelpreis und nicht Dan Brown.

 

 

Olga Tokarczuk, Francis Gurry, Heinrich Riethmüller (ohne Walkman)

 

 

Juergen Boos, Olga Tokarczuk und jemand, der Deutsch kann

 

Frau Tokarczuk sprach auf Polnisch und wurde dann jeweils übersetzt, was ich sehr reizvoll fand. Ich lausche bei fremden Sprachen gerne, ob ich Wörter heraushöre, die ich erkennen kann. Und tatsächlich: Beim Thema „Vielfalt“ fiel die Wendung „orientacja seksualna„. Was habe ich mich gefreut!

Ebenfalls reizend – und zwar so reizend, dass es für heute überschriftensinnstiftend ist – fand ich, wie Frau Tokarczuk von dem Moment erzählte, als sie am Telefon von ihrem Nobelpreis erfuhr. Sie war nämlich gerade unterwegs nach Bielefeld einer Lesung wegen, und die Einwohner von Bielefeld waren natürlich entsprechend kollateralerfreut und so weiter.

Das Reizende aber war für mich, einen langen, polnischen Monolog zu hören, in den andauernd das Wort „Bielefeld“ eingestrickt war. An diesem Morgen fiel also zweimal das Wort „Norwegen“, aber vierzehnmal das Wort „Bielefeld“ – und da habe ich die Dolmetscherin nicht mitgezählt.

Die Fahrt nach Bielefeld, so Tokarczuk, könne als Metapher für den namenlosen Zwischenraum stehen, in dem der Schriftsteller arbeite. Ja aber haargenau so sehen wir Deutschen Bielefeld doch auch!

Kann diese Konferenz denn noch schöner werden?

Ja, kann sie: Auf den Pressekonferenzen sehe ich immer wieder dieselben Kollegen. Wenn ich die Namen nicht weiß, denke ich mir immer spaßige Codenamen aus.

 

Den nenne ich „Pastewka“

 

 

Den nenne ich „Schlafanzug“

 

 

Den nannte ich bereits letztes Jahr „No Country for Old Men“

 

Habe ich aus dieser Pressekonferenz auch etwas gelernt?

Jawohl: Die Stadtbibliothek Oslo hat 24 Stunden am Tag geöffnet.

Wow.

 

 

Gastlandpavillon Norwegen

 

Jedes Gastland bekommt die komplette Ebene 1 im Forum zur Verfügung gestellt, um eine hallengroße Gesamtinstallation vorzunehmen, die eine Brücke schlagen soll zwischen Raum und Inhalt, zwischen Literatur und allen Sinnen, zwischen Kopf und Beinen, zwischen Land und Strand. Norwegen hat meine Erwartungen nicht enttäuscht. Das liegt auch daran, dass ich vorsichtshalber nichts erwartet habe.

Hahaha, nein, Quatsch. Ich hatte schon etwas erwartet, etwas in der Richtung klare Strukturen, klare Linien, hell und licht, viel Platz, wenig Tamtam. Und wirklich: Das gab’s alles!

Nur Kaffee gab es keinen.

 

 

Ein bisschen wie André Heller auf Entzug

 

 

Fun Fact: Die Objekte werden hernach an den Buchhandel verkauft

 

 

Allerdings fand ich einen simplen räumlichen Griff genial: Die beiden Enden der Halle waren komplette, riesige Spiegelwände, die den ohnehin leeren Raum irritierend vergrößerten. Das fand ich beeindruckender, als ich abbilden kann.

 

Wo ist Waldo? Direkt hinter dem Messe-Mayer.

 

Sich also in der Weite der Halle so sehr auflösen, dass man ganz Text wird – das kann ich mir vorstellen. Dazu muss man nicht bis nach Bielefeld.

 

Indes gab es in den Details durchaus Lustiges zu entdecken:

 

Krasse Sex-Stühle

 

 

Skandinavien und Thriller: eine ungewöhnliche Kombination

 

 

 

Verschiedene Düfte aus dem Leben (Gottlob ohne Bielefeld)

 

 

 

Ludwig Wittgensteins Boot ist in schlimmerem Zustand als Erwin Schrödingers Katze

 

Vielleicht sehe ich mir diese Düfte in den kommenden Tagen noch genauer an.

Aber ich will Ihnen sagen, was ich wirklich, wirklich schlimm fand: Zum ersten Mal gab es im Gastlandpavillon keinen Kaffee. Es kann nicht angehen, dass „Kaffee“ in einem meiner Messetexte erst als 930. Wort drankommt.

 

 

Gute Freunde

 

Wer hat einen Kaffee für mich, wenn ich einen brauche? Wer taucht dann aus dem Nichts aus wie ein verdammter Ifrit?

 

Matthias Seuring, Esquire. Ritter der Bohnenrunde.

 

(Und DAS war dann der Moment des Fotos, das ich zur Einleitung heranzog.)

 

Kaffee macht mein Gesicht

 

 

Ebenfalls Pause, aber nicht so gediegen wie ich: Harald Kiesel vom 360 Grad Verlag. Nur falls meine Selbolder daheim wissen wollen, woher ich so schöne Kinderbücher habe.

Heute gibt es Frikadelle an Autodach.

 

 

Die meisten Menschen sind eher zu einem Selfie bereit, wenn sie z.B. eine attraktive Requisite zur Seite haben:

 

So gesehen bei Edition Michael Fischer (Ich finde Ihre Visitenkarte nicht mehr, liebe Frau Kaktus)

 

 

So gesehen beim XXL Medienservice und Silvia Geist

 

 

 

So geschehen beim Leipziger Messedirektor Oliver Zille

 

 

Und natürlich auch so gesehen bei Kampa: Vertriebsleiterin Anica Jonas, die die Gegenlichtaufnahme begrüßt, damit man ihren Schlafanzug nicht sehe.

 

Daniel Kampa: Besonders schöne Erfolgsgeschichte. Schweizer Shootingstar der Verlagsszene, früherer Geschäftsführer bei HoCa, springt mit frisch gegründetem Kampa-Verlag auf die letzte Messe, schnappt Diogenes die gesamten Simenon-Rechte weg…

…und hat zufällig eine polnische Autorin namens Olga Tokarczuk im Programm, hahaha.

BÄM, Karriere des Jahres.

 

Grund zum Feiern, Grund zum Ausruhen: Anica Jonas, Daniel Kampa

 

 

Dinge, die ich sonst noch sah

 

Never gets old: Falls Sie noch nie am Aufbautage im Hause waren, dann kennen Sie auch nicht den wundervollen Zustand der Hallen, die seit Tagen aufgebaut, bestückt, befahren und befüllt werden und immer mehr im Chaos aus Kisten versinken, bis plötzlich alles zur Eröffnung auf magische Weise wundervoll wird.

 

Diese Bilder stehen für den namenlosen Zwischenraum, in dem sich die Messe kurz vor der Eröffnung befindet.

 

Was für ein äußerst krasses Jahr für KNV. Das wirtschaftliche Äquivalent für einen Herzstillstand ist sicher, auf einen Investor zu warten. Aber der Investor kam. KNV heißt jetzt KNV Zeitfracht und ist natürlich auf dieser Messe dabei.

Frisch dabei?
Wieder dabei?

 

Ganz gleich: Vielen Dank an Zeitfracht fürs fetteste Einspringen des Jahres.

 

Damit hatte Benedikt Taschen auch nicht gerechnet: Schneit ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ins Haus, weil er den Fotografen Sebastiáo Salgado im Programm hat.

(neben „Pussy Book“, „Butt Book“ und „Pussy Book 2“)

 

Gut, Themenwechsel. Der Frech-Verlag hat einfach bunte Krepppapierfransen von der Decke gehängt.

 

Und es sieht grandios aus!

 

 

Der Dumont-Verlag baut einfach klassische Gemälde aus Essen nach.

 

Und es sieht grandios aus!

 

 

Halle 3: Gleich drei Ameisen auf einmal!

 

Das Foto hätte ich mir aber auch schenken können.

 

 

Eins von mehreren Displays, die nun die Agora beflimmern:

 

Kann ich da auch irgendwo meinen Fire-Stick reintun?

 

 

Zeichen der Zeit: WWF hat eine Installation auf der Agora, die die Vermüllung der Weltmeere plastisch machen soll.

 

Da müsst Ihr schon mehr auffahren, WWF. So sieht jede Offenbacher Hofeinfahrt aus.

 

 

Dennoch: Dass es in Wahrheit viel schlimmer ist, ist ja noch viel schlimmer.

 

 

Lappan schlägt wieder voll zu: Prilblumen, John Travolta und Kim Wilde sind niemals eine gemeinsame Wirkmacht eingegangen, aber ich verstehe, was der Verlag damit sagen will.

 

Man muss den Messegästen eben was bieten.

 

Die Gesichter der Stars lassen sich nämlich entnehmen, und dann kann man selber travoltieren, wenn man möchte.

 

Man sollte dabei aber nicht gucken wie Roger Whittaker.

 

 

Als Kind mochte ich Roger Whittaker auf dem Plattenteller meiner Oma, deshalb wünschte ich auch jetzt, ich hätte eine bessere Überleitung.

Aber nachdem Kot eine beachtliche Karriere als cartooneskes Emoji hingelegt hat, das dann auch zum Nachbasteln oder als zuckerner Tortenschmuck kaufbar ist, bin ich nun über das hier gestolpert:

 

Und zum Glück nicht hineingetreten: Sandkotförmchen.

 

Ich sag’s immer wieder: Halle 4.0 ist eine üble Gegend.

 

 

Altbier-Anstich

 

Zu den Traditionen der Frankfurter Buchmesse gehört, dass das Branchenmagazin BuchMarkt alle Freunde, Leser, zwangsläufigen Nachbarn und unvermeidlichen Schnorrer zum Altbieranstich um 17.00 Uhr einlädt.

Auf dem Weg dorthin sammle ich schon mal einen aus der letztgenannten Gruppierung ein.

 

Kleinverleger Felix Busse geht natürlich nicht nüchtern zum Saufen.

 

 

Hier treffen sich Vertrieb und Messebau, Verband, Sortiment und Verlag, Dinosaurier und Sprotten, Chefs und Praktikanten – im Durst sind wir alle eins. Falls jemand noch keinen Durst hat: Die Laugenbrezeln dazu spendet Julia Graff vom Hädecke-Verlag.

 

Redaktions-Ammonit Christian von Zittwitz, Daniel „Gustav Gans“ Kampa und Ralf Tornow von Klett-Cotta.

 

 

Wir haben jetzt eine Zapfanlage! Ich nenne sie „Jörn Meyer 2“.

 

 

Verbandsjustiziar Dr. Christian Sprang ist circa fast genau so alt, wie Christian von Zittwitz schon Messen absolviert hat.

von Zittwitz: ein ganzes Sprangleben auf der Buchmesse.

 

Und was ich mich seit so vielen Jahren zweimal im Jahr frage: Woher wusste von Zittwitz damals, dass der Messe-Mayer in mir drinsteckt?

Deshalb, heute nochmal und immer wieder: Danke, dass ich so tief in dieser Branche drinstecken darf.

 

Wahrscheinlich bin ich heute einfach nur auf Ohrkontakt aus.

 

Apropos Kontakt: Hier sind drei Gründe, warum ich mich auf diesen Messen wohl fühle. Frau Doktor Reinilde Ruprecht von der Edition Ruprecht versorgt mich immer mit virtueller Schokolade, die ich mir immer abzuholen vergesse; Peggy Sasse vom legendären Kultverlag Zweitausendeins hat einen Chef, der gerne meine besten Whiskys beleidigt; und Maren Ongsiek vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist schlicht und einfach die Maren Ongsiek unter den Menschen. Niemand sonst schafft das.

 

Die heiligen drei Königspilsener. Ach nein, ist ja Altbier.

 

 

Eigentlich sollte ich Holger Ehling und Alexander Elspas zusammen ablichten und „Büchergilde“ drunterschreiben, aber Elspas war nur mit Anica Jonas feixend zu erwischen.

Anica Jonas wurde heute in diesem Text unverhältnismäßig oft erwähnt.

 

Mein Highlight des Altbierabends bleibt aber Peggy Sasses Versuch, beim Biertrinken Haltung zu erringen.

 

Erste Brennstufe: Ui, Schaum.

 

Zweite Brennstufe: Erst mal rein damit.

 

 

Dritte Brennstufe: Downton Abbey.

 

Sie sehen also: Um nicht zu unserem Prä-Messe-Altbier-Feierabend zu kommen, braucht man schon einen guten Grund oder muss leider zum offiziellen Norwegen-Empfang mit Lachshäppchen.

 

Also bei uns sah es nach mehr Spaß aus.

 

 

Zum Geleit

 

So überschreibe ich meinen Tagesabschluss, meine Coda, mein Outro; als hätte ich Ihnen noch irgendetwas Großspuriges mitzugeben und suchte nicht nur nach einem glimpflichen Übergang in das Ende meiner Tagesfotomenge.

Ah, doch, eine Sache kann ich da ankündigen: Interessante Foodtrucks und Zelte, die ich letztes Mal noch nicht gesehen oder frequentiert habe!

 

Eigentlich will ich auf einer Messe etwas beißen, aber andererseits will ich wissen, wessen Suppen so gut sind, dass er damit auf Messen geht.

 

 

 

Alternative zu Flammlachs und Kibbeling: Auf die Güte des Essigs kommt es an.

 

 

Tja. Wenn die da auch Kaffee drin haben, stehe ich sofort zur Adoption zur Verfügung.

 

Ab Mittwoch ist die Messe geöffnet, lesen Sie mehr dazu in meinem nächsten Bericht!

 

Und hier sehen Sie ja, was man davon hat, wenn man ungefragt andere Journalisten bei der Arbeit fotografiert und veröffentlicht:

 

Das spektakuläre Pressezentrum: unautorisiertes Foto von mir mit freundlicher Genehmigung © Nicola Bardola

 

Haben Sie einen schönen Messemittwoch!

 

Herzlichst,
Ihr und Euer
Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

 

 

Norwegens beste Edvards, Teil 1 von 6:

 

Edvard Munch

 

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