Auf Platz 1: “Die Geschichte eines Mordes”

30 Literaturkritiker und -kritikerinnen nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie “möglichst viele Leser und Leserinnen” wünschen, und geben ihnen Punkte (15,10,6,3).

Die Addition ergab für Juni 2010 folgendes Resultat (in Klammern die Position der Mai-Bestenliste):

Platz 1 (-) 67 Punkte
ERNST KAISER : Die Geschichte eines Mordes
Verlag Ralf Liebe
Mittelschwere Lektüre
Ein Mann gesteht einen Mord, den er nicht begangen haben kann. Aber er weiß Dinge, die nur dem Mörder zugänglich waren.
Ein Roman, in den vierziger Jahren von einem deutschen Exilanten geschrieben, nie veröffentlicht, verschollen.
Und dann doch überraschend aufgetaucht – eine literarische Entdeckung. mehr zu: ERNST KAISER : Die Geschichte eines Mordes

Ernst Kaiser: Die Geschichte eines Mordes
Ausschnitte gelesen von Karl-Rudolf Menke. Die SWR-Bestenliste Juni 2010 (4:46 min)

Platz 2 (-) 63 Punkte

RICHARD YATES: Ruhestörung
DVA
Leichtere Lektüre
Die Wiederentdeckung eines modernen Klassikers – John Wilder ist 36, er hat eine nette Frau, einen Sohn. Aber er trinkt, er dreht durch, kommt in die Psychiatrie, gelobt Besserung und beginnt wieder zu trinken. Ein Weg nach unten – gnadenlos. mehr zu: RICHARD YATES: Ruhestörung

Richard Yates: Ruhestörung
Ausschnitte gelesen von Karl-Rudolf Menke. Die SWR-Bestenliste Juni 2010 (2:46 min)

Platz 3 (-) 51 Punkte

SAMANTA SCHWEBLIN: Die Wahrheit über die Zukunft
Suhrkamp Verlag
Mittelschwere Lektüre
Samanta Schweblin setzt die in Argentinien große Tradition der Kurzgeschichte mit fantastischer Note … auf sehr aktuelle, inspirierte und entschiedene Weise fort. „Kurzgeschichten“, sagt sie, „bieten mehr Möglichkeiten, sich den Boden unter den Füßen wegzuziehen, und das ist es, was mich an der Literatur interessiert.“ (Eberhard Falcke) mehr zu: SAMANTA SCHWEBLIN: Die Wahrheit über die Zukunft

Samanta Schweblin: Die Wahrheit über die Zukunft
Ausschnitte gelesen von Doris Wolters. Die SWR-Bestenliste Juni 2010 (5:21 min)

Platz 4 (-) 44 Punkte

INGEBORG BACHMANN: Kriegstagebuch
Suhrkamp Verlag
Mittelschwere Lektüre
“Man kann erahnen, wie sich Ingeborg Bachmann entwickeln wird. Wenn dieses Tagebuch über etwas Aufschluss gibt, dann über ihren Bildungshunger und ihren literarischen Ehrgeiz – er ist der stärkste Antrieb. (…) “Freisein”: Für Ingeborg Bachmann war das die große Losung. In ihren letzten Kärntner Tagen schreibt sie: “Ich kann doch nicht ewig hierbleiben und warten, warten. Für mich gibt’s hier nichts zu tun, nichts zu lernen.” (Helmut Böttiger) mehr zu: INGEBORG BACHMANN: Kriegstagebuch

Ingeborg Bachmann: Kriegstagebuch
Ausschnitte gelesen von Doris Wolters und Karl-Rudolf Menke. Die SWR-Bestenliste Juni 2010 (5:07 min)

Platz 5 (9) 38 Punkte

WARLAM SCHALAMOW: Künstler der Schaufel
Matthes & Seitz Verlag
Schwierigere Lektüre
Der dritte Band der verdienstvollen Schalamowausgabe: Geschichten aus der Welt der sibirischen Lager. Die illusions- und schonungslose literarische Analyse einer geschlossenen Gesellschaft, die niemand unbeschadet überlebt. mehr zu: WARLAM SCHALAMOW: Künstler der Schaufel

Warlam Schalamow: Künstler der Schaufel
Ausschnitte gelesen von Karl-Rudolf Menke. Die SWR-Bestenliste Mai 2010 (3:46 min)

Platz 6 (-) 36 Punkte

KATHRIN SCHMIDT: blinde bienen
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Mittelschwere Lektüre
Neue Gedichte der Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2009, die im vergangenen Jahr auch den Preis der SWR-Bestenliste erhielt: Poesie der Gelegenheiten, der Situationen, des genauen Blicks, auf das, was passiert, was uns umgibt. mehr zu: KATHRIN SCHMIDT: blinde bienen

Platz 7-8 (-) 25 Punkte

IRIS HANIKA: Das Eigentliche
Literaturverlag Droschl
Leichtere Lektüre
Hans Frambach ist Archivar am “Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung”. Sein Eigentliches ist die Beschäftigung mit dem Holocaust. Aber wie viel Vergangenheitsbewältigung verträgt eine nachgeborene Biographie? Nach einem Besuch in Auschwitz beginnt sich Frambachs Leben zu verändern. mehr zu: IRIS HANIKA: Das Eigentliche

Platz 7-8 (2) 25 Punkte

HANS JOACHIM SCHÄDLICH: Kokoschkins Reise
Rowohlt Verlag
Mittelschwere Lektüre
Eine Jahrhundertgeschichte der Extreme, gebündelt in einer Biographie: die bolschewistische Revolution treibt den jungen Kokoschkin aus dem Land, dann kommen die Nazis in Deutschland an die Macht, ihm gelingt die Flucht in die USA, dann Prag, der Frühling und der Einmarsch der Sowjets. Die Gewalten wechseln – nur einer bleibt sich treu im Glauben an Freiheit mit menschlichem Maß: Kokoschkin. mehr zu: HANS JOACHIM SCHÄDLICH: Kokoschkins Reise

Schädlich: Kokoschkins Reise
Ausschnitte gelesen von Doris Wolters. Die SWR-Bestenliste Mai 2010 (4:31 min)

Platz 9 (-) 20 Punkte

JÁCHYM TOPOL: Die Teufelswerkstatt
Suhrkamp Verlag
Mittelschwere Lektüre
Eine Groteske um das Shoah-Business, Opferkonkurrenz und die Frage: Wie erinnern, dann, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben werden? Neben der Gedenkstädte Theresienstadt gibt es einen alternativen Gedenkort – mit Pizza und Party. Eine touristische Attraktion. Aber dann wird er geschlossen und zerstört.
Doch der Held bekommt schon ein neues Vermarktungsangebot aus Weißrußland. Schließlich hat man vier Millionen Tote zu bieten. mehr zu: JÁCHYM TOPOL: Die Teufelswerkstatt

Platz 10 (10) 19 Punkte

JULIAN BARNES: Nichts, was man fürchten müsste
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Schwierigere Lektüre
“Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.” Julian Barnes erzählt vom Tod. Von der Angst vorm Sterben und seiner Suche nach Trost in der Kunst, in der Musik, in der Literatur. Und versucht selbst, literarisch das Ende zu bannen. mehr zu: JULIAN BARNES: Nichts, was man fürchten müsste

Persönliche Empfehlung im Juni

von Hubert Winkels (Düsseldorf): MAIKE ALBATH: Der Geist von Turin
Berenberg Verlag
„Wer noch einmal einen Eindruck davon bekommen will, wie sich die literarische Intelligenz souverän zur politischen Macht verhält, wie sie im ästhetischen Modus geschichtsmäßig sein kann, wie sich Politik, Ökonomie und Kunst durchdringen über Ideen, Personen, Geschichten, in einer bedeutenden europäischen Stadt, der ist mit dem Maike Albaths Buch und dem darin verwobenen Geist von Turin gut beraten. Es ist narrative Geschichtsschreibung, der Mut machenden Art, selbst wenn man vom Ende des Prozesses her schaut und weiß, wer Italien heute regiert und wer das große Verlagshaus Einaudi, das wiederentdeckte kulturelle Kraftwerk, besitzt. (Hubert Winkels)

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