Hier zum Download zum Ausdrucken Krimibestenliste November: An der Spitze weiterhin: Garry Disher mit „Hitze“ (Pulp Master)

Die aktuelle Krimibestenliste von Tobias Gohlis in Zusammenarbeit mit Deutschlandfunk Kultur und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit den zehn besten Krimis gibt es hier zum Ausdrucken.

 

An der Spitze der Krimibestenliste November 2019 finden Sie weiterhin auf  Platz 1:

 

Hitze von Garry Disher (original 2015: The Heat) (Oktober Platz 1)
Die Figur des unverwüstlichen Verbrechers – gnadenlos gegen seine Feinde, präzise in Planung und Voraussicht, immer auf der Jagd nach dem großen Geld, das alle Planung und Voraussicht überflüssig machen wird, umlungert von Deppen, die ihn bewundern oder übertölpeln wollen – diese Figur war eigentlich schon aus der Zeit gefallen, als Donald E. Westlake unter dem Pseudonym Richard Stark 1962 Parker mit Payback auf die Piste schickte. In dem letzten, dem vierundzwanzigsten (!) Parker-Roman (Dirty Money von 2008) werden die Schwierigkeiten von Dieben erörtert, die wegen der beinahe kompletten Umstellung auf elektronische und Kartenzahlung nicht mehr an Bargeld kommen.
Umso erstaunlicher und kennzeichnend für einen Kontinent, der von Strafgefangenen erobert wurde und seinen höchsten Krimipreis nach einem Verbrecher (Ned Kelly, 1855 – 1880) benannt hat, ist die Karriere des Diebs Wyatt, den Garry Disher erstmals 1991 auf den Südosten Australiens losließ. Hier, im weniger reglementierten Kontinent, der zudem lange Zeit als terra incognita galt, hatte so jemand wie Wyatt  noch eine halbwegs reelle Chance – auch als Kontrastfigur zum Flugzeug- und Motorenschrauber und Beamten Hal Challis, einer anderen Serienfigur von Garry Disher.
Jetzt, pünktlich zu Dishers 70. Geburtstag am 15. August, ist auf Deutsch sein achter Wyatt-Roman erschienen: Hitze.
Wyatt ist zurück aus Frankreich, ohne Geld, aber mit der Genugtuung, „einen Mann getötet zu haben“. Jetzt braucht er einen neuen Job, und beinahe greift er auf die Idee eines Raubüberfalls zu, die ihm ein Kumpel offeriert. Doch die Knaben, die die Geschichte ausbaldowert haben, sind Wyatt zu unprofessionell, und er lehnt ab. Aber weil gerade ein Gangster niemals nur halb nein sagen darf, wird ihm der abgehängte Brutalo Jack Pepper später noch einmal in die Quere kommen. Da ist er längst aus dem lausigen Melbourne in die Ferienparadiese der Gold Coast in Queensland weitergezogen, um einen alten Jobvermittler zu treffen, der ihm Hunderttausend dafür anbietet, einen flämischen Meister zu klauen, der über Nazi-Umwege aus dem Besitz einer deutschen jüdischen Familie jetzt bei einem halbseidenen Neureichen – Australien wimmelt davon – gelandet ist, der sich zudem als Vergewaltiger kleiner Mädchen entpuppt. Alles gut? Die Auftraggeberin, eine wohlhabende Israeli aus den USA, wirkt seriös, auch wenn es die Umstände nicht scheinen. Wäre da nicht die ambitionierte Nichte des Jobvermittlers, die es satt hat, Botendienste für ihren Onkel zu leisten.
Dieser Wyatt-Roman gehört zum Alterswerk Dishers, das von neuer Leichtigkeit und Heiterkeit geprägt zu sein scheint. Jedenfalls ist Hitze weniger melancholisch gestimmt als der Vorgänger Dirty Old Town und endet vergleichsweise optimistisch mit einer Art ritt in den Sonnenuntergang. Was an der Ostküste ganz anders aussieht als an einer Westküste wie Kalifornien.
„Der Plot hat alles, was ein höchst unterhaltsamer Krimi braucht: Spannung, Action, Sex, Gefahr, Situationskomik, hinterhältige Figuren und Verräter. Disher hat aber noch viel mehr zu bieten.“ (Hanspeter Eggenberger, Zürcher Tages-Anzeiger)

Neu auf der Krimibestenliste November stehen insgesamt sieben Titel.

Diesmal sind es je
3 deutsche
1 österreichischer
1 englischer
1 irischer
1 französischer

Auf  Platz 2: Ein Schuss ins Blaue von Franz Dobler  

Nomen est Omen: Fallner (Vorname Robert) scheint auch im dritten Roman auf dem Weg bergab, Fälle kreuzen seinen Weg. Auch wenn es ganz dubiose, ominöse und scheinbar weltfremde sind: Aus dem Fallners Münchner Alltag übergeordneten Nebel der Geheimdienste sinkt das Gerücht herab, ein terroristischer Islamist sei in der Stadt, von einem Kopfgeld von zwei Mio. geht das Gerede. Das könnte SIS, die private Sicherheitsfirma von Fallners Bruder, sanieren. Und Fallner bekommt einen Brief, in dem ihm ein Zehntel der 2 Mio. für einen Mord angeboten wird.
Das sind nicht die Fakten, sondern das Plotgerippe.
Franz Dobler (*1959 in Schongau) ist auch DJ, Musikjournalist und Lyriker, daher spielt alles mit in Fallners Gespräche mit seinem jüdischen Kollegen Landmann hinein: Jazzstücke, Filmgeschichte, Religion, und wie Sternschnuppen rasen Kalauer und Gedichte durch die Nacht. Eine Nacht, die sich durchaus nicht irgendwo eindunkelt: im Hintergrund spielen Verfassungsschutz, verschwundene NSU-Zeugen und vor Social-Media-Panik scheppernde Untertöne.

Auf  Platz 3: Fliege fort, fliege fort von Paulus Hochgatterer

Fliege fort, fliege fort ist ein Vers aus einem Kinderlied, das Elvira lernen soll. Aber sie will nicht, es ist ihr zu garstig. Überhaupt ist dem behüteten Kind alles zu garstig, schließlich ist sie von einem Mann entführt und eingesperrt worden, der ihr zeigen will, was ihm vor Jahren selbst in einem Kinderheim angetan worden ist. Das war damals und ragt in die Gegenwart hinein, in der die Jugendlichen einer anderen Unterbringung wieder kämpfen müssen. In der „Burg“, über die ein völkischer Unternehmer und Lokalpolitiker die Kontrolle hat, sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Aus ihr heraus und mit Unterstützung eines jungen Künstlers geschehen aufrührerische Dinge: In einem Graffito wird der wohlmeinende Völkische karikiert, später brennt sein Auto, auch wird ein Schwarzuniformierter des selbsternannten Sicherheitsdiensts A18 angezwillt.
Paulus Hochgatterer, 1961 in Amstetten geboren, leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik im niederösterreichischen Tulln, und man geht nicht fehl, den Psychiater Raffael Horn, der hier, nach Die Süße des Lebens (2006) und Das Matratzenhaus (2010) zum dritten Mal samt Söhnen und musizierender Gattin auftaucht, als Alter Ego des Autors anzusehen. Horn leitet wie Hochgatterer eine psychiatrische Abteilung, und die drei Romane sind so etwas wie eine lockere Chronik des beschädigten Lebens. Mit dabei: Kommissar Kovacs und Benediktiner Joseph, Bob-Dylan-Fan, und vermutlich noch etliche andere Figuren, die aber aus der Binnenperspektive erzählt sind und, nur selten mit mehr als Vornamen versehen, eher einen herummurmelnden oder -schwimmenden antiken Chor abgeben als fest umrissene Figuren eines Kriminalromans.
Das macht Fliege fort, fliege fort reizvoll und rätselhaft. Das Rätselhafte tendiert zum unnötig Verrätselten, das Reizvolle besteht im Kommentieren. Denn alle Figuren, voran Kommissar Kovacs und Psychiater Raffael Horn, verhalten sich kontemplativ zum Geschehen, kommentieren eher als dass sie agieren. Selbst die kriminellen Akte – Entführung, Brandstiftung, Folter und Körperverletzung – sind Kommentare zur Lage, Ausdruck von Feindschaften und Kränkungen, Bewältigungsversuche. Ein Rezensent nannte es „Aufarbeitungskrimi“.
Wenn Fliege fort, fliege fort als Kriminalroman verstanden werden kann, dann als kommentierender Kriminalroman, der die krasse Gegenposition zum behavioristischen Schreiben bezieht. Hochgatterer dazu programmatisch im Nachwort, seine Bücher handelten vom „Sieg der Erzählung des Einzelnen über die behauptete Wahrheit der Mehrheit“.

„Zugleich entsteht durch die subtilen Charakterstudien ein dichtes Stimmungsbild des vergangenen und gegenwärtigen Österreichs. Dabei erweist sich Hochgatterer als sehr genauer, einfühlsamer und kluger Beobachter menschlicher Verhaltensweisen und Beziehungsdynamiken – ohne deshalb auf eine klare Haltung zu verzichten.“ (Sonja Hartl, buecher-magazin)

Auf  Platz 3: Federball von John le Carré (original 2019: Agent Running in the Field)  

Kaum zu glauben: John le Carré, gerade 88 geworden, vermag immer noch zu fesseln.
Und zwar bei Beachtung folgender Richtigstellungen:
Federball ist kein Roman über das deutsche Straßen-, Wiesen- und Familienspiel, sondern eine Agentengeschichte in 15 Badminton-Partien.
Federball ist kein Roman über den Brexit.
„Ach, der Brexit-Roman“ ist eine Party-Speech-Fehlleistung, die auf der allerschlichtesten Ineinssetzung von Autoren- und Figuren-Meinung beruht. Einer der Protagonisten ist ein sehr liebenswürdiger Idealist, der ununterbrochen auf Trump und Johnson und den Brexit schimpft. Aber die heiße Story des Romans zeigt, wie man jugendliche Idealisten wunderbar für alle möglichen widerlichen (geheimdienstlichen, d.h. Täuschungs- und Manipulations-) Zwecke missbrauchen kann.

Federball ist hingegen ein wunderbarer Enthüllungsroman, dessen Enthüllungen so leicht und leise daherkommen, dass man schon sehr genau lesen muss.
Federball ist hoffentlich nicht der letzte Roman John le Carrés, der eingestandenermaßen ohne Schreiben nicht leben kann. “I have no real leisure activity,” vertraute er Tobias Grey in der New York Times an.
Federball ist eine Liebeserklärung an das alte Europa und damit auch an Deutschland.

Federball ist ein hochaktueller Spionageroman auf der Höhe der Kunst, brillant geplottet, voller Energie – und kein bisschen „altersweise“ oder nostalgisch.“ (Ulrich Noller, Deutschlandfunk Kultur)

Auf  Platz 6: Hotel Cartagena von Simone Buchholz

„Junge, komm bald wieder“ war der Schlager im Musical „Heimweh nach Sankt Pauli“; Freddy Quinn sang so 1962 bis heute.
Henning, Junge aus Sankt Pauli, hat kein Heimweh. 1984 ist er abgehauen nach Cartagena, Kolumbien, nicht Spanien, weil ihm Hamburg auf den Keks ging. „Henning wollte kein Seemann werden. Er wollte einfach nur etwas anderes werden als das, was er war.“
In Cartagena fand er sein Glück, seine große Liebe, hier war alles easy. Er wurde zum Mittler zwischen dem Kartell dort und den Koksern in Hamburg, das ging nicht ohne Verluste. So weit ohne zu spoilern, dieser Teil der Geschichte.
Der andere handelt von einem 65. Geburtstag, einem an einer Ananas geritzten Daumen, einer Geiselnahme in einer berühmten Hotelbar am Hamburger Hafen. Und von einer Chastity Riley, die in Fieberwahn verfällt und sonst kaum etwas zur Lösung einer verfahrenen Lage (Euphemismus!) beitragen kann, sondern selbst weggetragen werden muss.

Chapeau! Simone Buchholz schreibt immer wilder, ohne den Krimiboden unter den Füßen zu verlieren. Man glaubt es nicht: Auch in ihrem neunten Roman mit Staatsanwältin Chastity Riley weht eine mächtig frische Brise. Bis zum Blow out.

Im Interview mit Andrea Gerk verrät sie, was sie mit Chastity verbindet.

Auf Platz 8: Bitterer Zorn von Norbert Horst

In den vierten Kriminalroman um den Dortmunder Kommissar Thomas Adam, genannt Steiger, sind Erfahrungen eingegangen, die Norbert Horst als Kriminalkommissar gesammelt hat. Allerdings in Bielefeld, wo er im Schwerpunkt Ausländerkriminalität Dienst tut.
Horst ist 1956 geboren, seit 45 Jahren bei der Polizei und der einzige deutsche Polizist, der wirklich gut literarisch schreiben kann. Gelernt hat er das Schreiben u.a. in seiner Schreibgruppe in Bünden/Westfalen, ihr ist Bitterer Zorn gewidmet.

Entführungen sind das Bindeglied zwischen den Fällen, mit denen die Dortmunder Kripoleute um Steiger zu tun haben: ein Mädchen, das in einem Trotzanfall ihrer Mutter weggelaufen ist, wird nach und nach deutlicher erkennbar als Tochter eines Clan-Patriarchen, der im Krieg mit einem andern Patriarchen liegt, eine Blutfehde, ausgetragen im Dortmunder Raum. Huryes Schicksal liegt jedoch in den Händen von Frauen, von Müttern, die sich gegen die von Männerehre bestimmten Gesetze ihrer Clans entscheiden. Verschwunden ist auch ein jugendlicher Einbrecher, ein Roma. Und eine andere Frau, die aber nur am Rande eine Rolle spielt.
Horst zeigt, dass fast alles, was man so zu wissen glaubt über Ausländer, Polizei, Hass und Liebe, nüchtern verdichtet im Romanalltag anders funktioniert und verwickelter. Die Wahrheit wird hier natürlich auch nicht erzählt, weil es die Wahrheit nicht gibt, wohl aber Verhalten jenseits der Klischees.
Wenn erzählende Literatur aufklären kann, dann diese.

2018 habe ich Norbert Horst in Bielefeld getroffen, hier meine Reportage.

Auf  Platz 9: Blutwunder von Lisa McInerney (original 2017: The Blood Miracles)

Vier Monate lang stand Lisa McInerneys Glorreiche Ketzereien 2018 auf der Krimibestenliste. Blutwunder folgt den Spuren einer der Hauptfiguren dieses hoch gelobten Erstlings: Ryan Cusack, als Pianist eine Begabung, als Mensch eher schwach steht hier im Zentrum. Um ihn herum ein Set widerwillig hilfsbereiter Frauen, denen der 20-jährige Naivling und Drogendealer einen Strich durch die freundschaftliche Rechnung macht. Unter ihnen Maureen, Protagonistin von Glorreiche Ketzereien, die hier eine betreuende und verwirrende Mutterrolle spielt. Allerdings kostet ihre unter Jahren patriarchaler Herrschaft erlernte Verschwiegenheit Ryan beinahe das Leben. An die tote Mutter schreibt er Briefe voller bekenntnishafter Verlogenheit, seine geliebte Freundin und bald auch Mutter seines Kindes Karine betrügt er mit einer aparten Betrügerin. Natürlich ist an allem nur das Kokain schuld, das er zusammen mit etlichen anderen Substanzen konsumiert, um den Irrsinn eines Lebens zu ertragen, das unter seinen Zielkonflikten stetig dem Zusammenbruch entgegenschwankt.

Hier die höchst erfreute Rezension von Frank Rumpel.

Auf  Platz 10: Die Alte von Hannelore Cayre (original 2017: La daronne)

Beinahe schon vergessen sind die beiden einzigartigen Romane um Anwalt Leibowitz, die von Hannelore Cayre seinerzeit in der Metro-Reihe im Unionsverlag erschienen sind: Der Lumpenadvokat (2007) und Das Meisterstück (2008). Darin schlägt sich ein Pflichtverteidiger – der allerunterste in der justiziellen Nahrungskette – durch die Dschungel zwischen Selbsterhaltung und Betrug.
Noch tiefer stehen nur Übersetzer wie Patience Portefeux. Jüdisch-betrügerischer Abstammung (böses Spiel mit antisemitischem Klischee) hat sie es dank der Verschwendungssucht ihres Alten und des Wohlstands ihres verstorbenen Mannes zu nichts anderem gebracht als „einer Expertise in Betrug aller Art und einem Doktortitel in arabischen Sprachen“. Da sie zwei Töchter großzuziehen und eine anspruchsvolle Mutter in einem teuren Altenheim zu versorgen hat, schuftet sie als Übersetzerin für Justiz, schwarz natürlich.
Dominique Manotti erinnert daran, dass unter Sarkozy und Hollande alle professionellen Übersetzer aus dem Polizeiapparat entfernt wurden, mit dem Ergebnis, dass bei der Terroristen- und Drogenjagd Freiberufler angeheuert werden, die der Kontrolle der Justiz entzogen sind.

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