Die besten Krimis des Monats Krimibestenliste Mai 2019

Die aktuelle Krimibestenliste von Tobias Gohlis in Zusammenarbeit mit Deutschlandfunk Kultur und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit den zehn besten Krimis gibt es hier zum Ausdrucken. An der Spitze der Krimibestenliste Mai 2019 finden Sie weiterhin auf Platz 1: Willnot von James Sallis


Willnot verhält sich zur normalen Krimikost wie Molekularküche zu Omas Rezeptbuch. „Botschaften? Nicht entzifferbare Signale? Oder Zufall – wie der Großteil des Lebens.“ Lamar Hale, Landarzt und Ich-Erzähler von Willnot, redet zwar nur von Anrufnotizen auf seinem übervollen Todo-Zettel. Aber er redet so darüber, wie er über alles redet, als ginge es immer darum, alles zu verstehen. Oder zumindest einzusortieren.
James Sallis, 1944 in Helena, Arkansas geboren, wohnhaft in Phoenix, Musiker, Poet, Kritiker, Autor fordert von seinen Studenten, „so viel wie möglich vom Leben“ in jede Szene zu packen, und reklamiert dieses Verfahren auch für sich selbst.
Weshalb Willnot zwar mit dem Fund von vier in einer Grube verbuddelten Leichen beginnt, diese werden dann aber zu etwas, was auf Lamar Hales Todo-Zettel stehen könnte. In diesem Buch, das beinahe wie das Tagebuch des Landarztes daherkommt, nur komprimierter, gibt es viel mehr Tote, und es gehört zu Sallis‘ Kunst, die natürlichen wie die unnatürlichen genauso unerklärlich zu machen wie die aufgefundenen und verbuddelten.
Ist eine Diagnose bereits eine Erklärung? Letztlich sagt sie so wenig oder viel wie die These, dass Lamars Kater Dickens etwas Falsches gegessen hat und deshalb ins Bett kotzt.
Warum „Bobby“ Brandon Lowndes, der mit sechzehn ein Jahr lang Lamar Hales Patient war, nach Willnot zurückgekehrt ist, warum er Kontakt zu dem hochbegabten jungen Einzelgänger Nathan aufnimmt, warum er angeschossen wird, ob dies mit seinem Background als militärischer Scharfschütze und mit den damit verbundenen Tötungen zu tun hat – wir erfahren es nicht, weil es Lamar nicht erfährt. Er nennt Bobby „einen dieser merkwürdigen Spiegel, mit denen das Leben einen manchmal konfrontiert.“
Das trifft auf Willnot auch zu, mit dem Unterschied, dass Willnot von Sallis zu dem Zweck konstruiert wurde, ein merkwürdiger Spiegel zu sein.

Kolja Mensing hat herausgefunden, dass in diesem Spiegel ein schwarzes Loch verborgen ist, das die Gefühle der Bewohner in schwarze Materie verwandelt. Lesen oder hören Sie seinen Beitrag in Deutschlandfunk Kultur.

Neu auf der Krimibestenliste Mai stehen insgesamt vier Titel. Diesmal sind es je 1 schweizer, 1 deutscher 1 englischer und 1 amerikanischer. Mit zusammen 1646 Seiten. Zwei weibliche, zwei männliche Autoren. Neu dabei sind diesmal:

Auf Platz 4: Asphaltdschungel von Joseph Incardona

Joseph Incardona wurde 1969 als Sohn eines Sizilianers und einer Schweizerin in Lausanne geboren. Der Verfasser von Theaterstücken, Drehbüchern und (Kriminal-) Romanen  lebt und arbeitet in Genf.
Asphaltdschungel ist sein zweites Buch, das auf Deutsch erscheint. Nach seinem Erscheinen wurde es 2015 mit dem renommierten Grand Prix de littérature policière ausgezeichnet. Bemerkenswert sind Setting und Sprache: Wie Julio Cortázars Autonauten auf der Cosmobahn von 1983 spielt der Roman im geschlossenen System der französischen Autobahnen und ihrer Raststätten. Da diese gewissermaßen als Magen und Darm des Versorgungssystems funktionieren, konzentriert der auktoriale Erzähler sich auf Makro- und Mikrobiologie dieses Systems. Mal beobachtet er aus der Vogelschau Mord, Prostitution, Liebe und Verzweiflung, mal erfasst er akribisch Gefühle in Form ihrer körperlichen Sekretionen. „Das ganze Leben ist eine verdammte Versuchsanstalt“ – so kommt es nicht nur der Polizistin Julie Martinez vor.
Pierre, ein verzweifelter Vater, vegetiert seit mehr als einem halben Jahr im Raststättensystem auf der Suche nach dem Mörder seiner kleinen Tochter Lucie, während zu Hause seine Frau ihre Verzweiflung mit Alkohol und Dauermasturbation zu betäuben versucht. Pascal, ein anderer Verlorener, ist nach einem Motorradunfall taub. Quasi unsichtbar macht ihn sein Job als Raststättenkoch, beste Voraussetzung für seine Selbstbetäubung durch fortgesetzten Kindesmord. Als mit Marie ein drittes Mädchen innerhalb kurzer Zeit entführt wird, begreift sogar die Polizei, dass hier eine Serie vorliegt – dass es sich um Mord handelt, kann sie nur vermuten, weil der Mörder ein beinahe perfektes System gefunden hat, sich der Leichen zu entledigen. Les autoroutes de France als Labor, in dem die menschlichen Zeitgenossen die Ratten sind, ohne Versuchsanordnung. That’s Noir.

„…ein ganz aussergewöhnlicher Thriller, der poetisch und dreckig zugleich ist, tiefschwarz und gnadenlos. Ein Buch, das einen peinigt, aber nicht mehr loslässt.“ (Hanspeter Eggenberger, Zürcher Tages-Anzeiger)

Im Deutschlandfunk Kultur erschien meine Besprechung des Top-Einsteigers im Mai. Zum Nachlesen und -hören: Tod an der Raststätte

Auf Platz 6: Die zweite Welt von Christine Lehmann

Pünktlich zum Internationalen (und neuerdings auch Berliner) Frauentag am 8. März erschien der 13. Kriminalroman mit „Schwabenreporterin“ Lisa Nerz. Die zweite Welt ist ein beachtliches Kunst- und fröhliches Diskursstück, das exakt an diesem Tag spielt.
Thekla Dannenberg begeistert über Lehmanns engagierte Coolness und bissig-selbstironischen Humor: „Die zweite Welt ist eine mit Sinn und Leben gefüllte, Literatur gewordene Timeline. Ein sensationeller Roman zur Lage der Frauen und dem Stand der feministischen Debatte im Jahr 2019. (…) Der Roman (ist) ein Aufbegehren gegen Spießigkeit, Selbstgerechtigkeit und selbsterklärte Ehrenmänner jeder Provenienz.“ Die ganze Rezension im Perlentaucher

Auf Platz 7: Fiona – Wo die Toten leben von Harry Bingham

Dass mit Wo die Toten leben erst der fünfte Band dieser sensationellen Serie um die walisische Polizistin Fiona Griffiths auf einer Krimibestenliste steht, hat mit dem merkwürdigen Umstand zu tun, dass Bücher manchmal erst den Verlag wechseln müssen, um erfolgreich wahrgenommen werden zu können. Die ersten drei Bände der 2012 im Original begonnenen Serie sind mehr oder minder untergegangen, bis sich der Rowohlt-Verlag dieser seltsamen Soziopathin angenommen hat.
Es gibt eine ganze Reihe von zeitgenössischen Krimiheldinnen, die mehr oder minder soziopathische Züge haben. Meine Liste (Ergänzungen bitte an krimibestenliste@togohlis.de ) beginnt mit Liza Codys Catcherin Eva Wylie (1992: Bucket Nut) und Carol O’Connells New Yorker Kriminalistin Kathy Mallory (1994: Mallory’s Oracle). Stieg Larssons Lisbeth Salander (2005: Män som hatar kvinnor) und Hans Rosenfelds Saga Norén (2011: Die Brücke – Transit in den Tod) kamen aus der skandinavischen Ecke dazu.
Harry Bingham kannte sie alle nicht, als er seine Figur Fiona entwickelte. Erst im Nachhinein wurde ihm klar, dass seine Bücher zu einer ganzen Welle ähnlicher Literatur gehören.
„So these works, and mine, all feature:
A woman in a traditionally male world
A woman who may or may not have a romantic love interest, but where that interest is no more central than it would be in any well-written drama that had a man at its centre
A woman who is defined primarily by her talent . . .
But who is also some version of crazy – which is to say, visibly, defiantly, permanently imperfect.“
Fiona ist jedenfalls verrückt. Manchmal – oft, wenn irgendein Scheiß passiert, der sie nicht interessiert – steht sie schlicht außerhalb dieser Welt. Die Toten sind ihr dann näher als die Lebenden. Das hat medizinisch damit zu tun, dass sie in ihrer Pubertät am Cotard-Syndrom erkrankt war, einer Form von Persönlichkeitsstörung, in deren schlimmster Ausprägung die Betroffenen sich für tot halten und sich nicht mehr körperlich wahrnehmen können.
Aber für Bingham, der mit dieser Krankheit durch seine Frau vertraut ist, die als Psychiaterin arbeitet, ist sie vor allem ein Mittel zur Untersuchung der condition humaine:
„I really wanted to use Cotards as a philosophical tool to explore the nature of what it is to be human. Fiona has to construct her own humanity, more or less from scratch. She has to piece it together and work to maintain it.“
Und da Fiona stetig auf dem Weg der Besserung ist, entwickelt sie sich und ist imstande, alle diese Gefahren zu bestehen, denen durchschnittliche Menschen eher nicht gewachsen sind: Die Durchquerung eines walisischen Höhlensystems, teilweise unter Wasser und ohne Stirnlampe; das Ertragen von Folter oder den Zustand, eingemauert zu werden wie eine mittelalterliche Anachoretin.
Bingham, 1967 in eine britische Adelsfamilie geboren, Oxford-Absolvent, ehemaliger Investment-Banker, stellt Fiona zwei Aufgaben, die zu groß sind: die Bewältigung ihres eigenen Lebens und die Aufdeckung einer geheimen, völlig skrupellosen Bande von superreichen Verbrechern, die in jedem Band der Serie neue, denkbare bizarre Verbrechen planen oder begehen.
Für mich ist Harry Bingham einer besten Kriminalschriftsteller unserer Zeit, hart an der Realität, aber fähig, das Bizarre aus ihr herauszukitzeln. Dazu – und das muss auch mal gesagt werden – ein glänzender Schreiber.

Hannes Hintermeier ist in der FAZ ähnlich begeistert: „Lange nicht mehr so gut unterhalten worden.“

Auf Platz 10: River of Violence von Tess Sharpe

Den Reigen tougher Frauen schließt im Mai Harley McKenna, 22 Jahre alt, Tochter von Duke McKenna, der in den nördlichen Wäldern Kaliforniens in dritter oder vierter Generation gewalttätiger Herrscher eines Hinterwäldler-Imperiums ist. Seine Geschäftsgebiete Waffen- und Drogenhandel, Meth-Produktion, Erpressung und Wucher schützt er mit rücksichtloser Brutalität. Acht Jahre alt war Töchterchen Harley, als sie erstmals Zeugin wurde, wie er einen Sprössling der verfeindeten Springfieldfamilie aufschlitzt. Mit siebzehn tötete sie erstmals selbst. Jetzt aber, wenn ihr Vater sterbend im Krankenhaus liegt, durchbricht sie die patriarchale Gewalt, indem sie die rivalisierenden potenziellen Nachfolger gegeneinander hetzt. Ohne Gewalt keine Freiheit, könnte man sagen.
Tess Sharpe wuchs auf und lebt im nördlichen Kalifornien, der Landschaft von River of Violence . Nach Jugendbüchern und einer feministischen Anthologie mit Hexenerzählungen ist River of Violence ihr erstes Buch für erwachsene Leser.  “Diese weibliche Selbstermächtigung, die sie (Harley) verkörpert, diese Mischung aus Kraft, Klugheit, Entschlossenheit und Empathie – die ist klasse. Das ist das komplette Gegenteil zur althergebrachten Definition von Frauen als schwach, unselbstständig und angepasst.“ (Jutta Günther, Radio Bremen Zwei)

Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal stehen James Sallis mit Willnot, Heinrich Steinfest mit Der schlaflose Cheng und Sara Gran mit Das Ende der Lügen auf der Krimibestenliste.

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Die Krimibestenliste Mai wurde am Sonntag, den 5.5.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gedruckt veröffentlicht, und ist online wiederzufinden unter www.faz.net/krimibestenliste
und www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste (ab Montag).
Unter diesen Webadressen finden Sie immer die aktuelle Krimibestenliste.

Am Freitag, dem 3. Mai um 8.20 Uhr  gab es wie immer einen Vorgeschmack auf die Krimibestenliste bei Deutschlandfunk Kultur.

Die Krimibestenliste finden Sie als Download unter Krimibestenliste Mai

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