Die besten Krimis des Monats Krimibestenliste Februar 2019: Neu an der Spitze ist Attica Locke mit „Bluebird, Bluebird“

Die aktuelle Krimibestenliste mit den zehn besten Krimis gibt es hier zum Ausdrucken. An der Spitze der Krimibestenliste Februar 2019 finden Sie ganz neu auf Platz 1:

Bluebird, Bluebird von Attica Locke
In den USA ist die in Los Angeles lebende Attica Locke als Produzentin und Autorin der TV-Serie Empire, sowie als Verfasserin von vier Romanen bekannt. Im deutschsprachigen Raum ist Bluebird, Bluebird ihr beeindruckendes Debüt. Sofort auf Platz 1.
Ihre Perspektive auf Gesellschaft – und das ist immer auch das Verhältnis der Rassen – in Texas ist unerwartet und ungewöhnlich. Wie Locke selbst ist auch ihr Protagonist Darren Mathews kein sozialer Außenseiter; beide kommen aus der Mitte des schwarzen Mittelstands. Gäbe es keinen Rassismus, würde man sagen können, und zwar ohne Beigeschmack: Sie kämen „aus der Mitte der Gesellschaft.“
Darren stammt aus einer Familie von Gesetzeshütern. Ein Onkel war der erste Schwarze in der Elite-Truppe der Texas-Ranger, der andere ist hoch angesehener Rechtsanwalt in Houston. Seine Frau, und das ist nur einer seiner Konflikte, ist ebenfalls Anwältin. Er aber hat sein Jura-Studium (das in den USA ein Aufbaustudium ist) in der Elite-Uni Princeton abgebrochen, nachdem weiße Suprematisten 1998 den Afroamerikaner James Byrd Jr. zu Tode geschleift hatten. Darren konnte die Mischung aus „Mitleid und Verachtung“ nicht länger ertragen, mit der seine weißen Kommilitonen und Professoren daraufhin über Texas sprachen. Jetzt, wo er seinen Stern als Texas-Ranger abgeben musste, weil er vielleicht zugunsten eines alten Freundes der Familie agiert hat, soll er wieder an die Uni zurückkehren. Er will aber Ranger bleiben.
Locke wie Mathews sind Patrioten. „Es ist meine Heimat“, sagt Darren, und die wird er niemandem überlassen, schon gar nicht weißen rassistischen Dumpfbacken wie der Arischen Bruderschaft von Texas. Deren Initiationsritus verlangt eine „schwarze Leiche, Hauptsache, man häutete sie selbst.“
Darrens weißer FBI-Freund Gus hat ihn auf einen Doppelmord im fiktiven Lark im realen Shelby-County aufmerksam gemacht. Hier ermittelt er halb offiziell, und ist in diesem Kaff nur allzu bald mit allen Erscheinungsformen von Rassismus und der damit verbundenen Klassen- und Moralsysteme konfrontiert.
Locke beleuchtet wie unterm Mikroskop die Schattierungen von Hass und Angst, führt uns eine Gesellschaft im Stadium des Terrors vor. In einem Interview mit dem Guardian betont sie, dass schon unter Obama der Rassismus wieder zugenommen hat, nicht erst unter Trump. Weshalb sie an dem Manuskript auch nichts ändern musste.
Attica Locke, geboren 1974, stammt selbst aus Ost-Texas, und man kann annehmen, dass Darrens und ihre Ansichten nicht weit auseinander gehen. Ihre Eltern waren Aktivisten und nannten sie nach dem US-Gefängnis, in dem 1971 bei einem Aufstand 43 Personen ums Leben kamen.
Bluebird, Bluebird erhielt 2018 den „Edgar“ für den besten Kriminalroman des Jahres.

„Locke traut sich viel auf einmal zu: eine vertrackte Krimihandlung, eine Familiensaga, mehrere Liebesgeschichten, eine Abrechnung mit Rassismus, eine Hommage an ihre Heimat. Das hätte leicht schiefgehen können, ist es aber nicht. Attica Locke weiß von Anfang an, was ihr Held erst noch lernen muss: Das Leben ist zu komplex für einfache Lösungen.“ (Marcus Müntefering, Spiegel online)

 „Mit einer zutiefst menschlichen, überraschenden und wendungsreichen Geschichte von Mord, Familienkampf und Heimatliebe unterläuft Bluebird, Bluebird alle vertrauten Klischees, linke wie rechte, schwarze wie weiße.“ (Tobias Gohlis, Deutschlandfunk Kultur)

Neu auf der Krimibestenliste Februar stehen insgesamt sechs Titel. Diesmal sind es je 3 amerikanische, 1 argentinischer, 1 spanischer und 1 französischer. Mit zusammen 1748 Seiten. Zwei weibliche, vier männliche Autoren. Selten: Alle zehn Titel der Krimibestenliste Februar stammen von ausländischen Autoren.

Neu dabei sind außerdem:

Auf Platz 3: Die man nicht sieht von Lucía Puenzo

Erstaunlich, dass die 1976 in Buenos Aires geborene Lucía Puenzo erst jetzt erstmals auf der Krimibestenliste auftaucht. Die vielfach ausgezeichnete Drehbuchautorin und Regisseurin,  hat auf Deutsch schon drei andere Bücher veröffentlicht. Die man nicht sieht ist die kurze, schnell und vor allem plastisch erzählte Geschichte dreier Jugendlicher aus Buenos Aires, die ihren Lebensunterhalt als Diebesbande verdienen. Ihr Boss ist ein Ex-Bulle. Eines Sommers verdingt er sie an eine befreundete Bande auf der anderen Seite des Rio de la Plata. In einer dschungelartig verwilderten gated community  ca. hundert Kilometer östlich von Montevideo sollen sie eine Woche lang die Häuser der Reichen ausplündern. Ihre Reise ins Herz der Finsternis offenbart ihnen eine Innensicht der Uruguay inzwischen demokratisch beherrschenden Elite und ihrer Handlanger, vor allem aber eins: dass ihr Überleben am Ende der Woche nicht eingeplant ist.
Übrigens ist Die man nicht sieht in kurzer Zeit schon der zweite Kriminalroman auf der Bestenliste, der einen schrägen Blick auf Uruguay wirft. Mercedes Rosende aus Uruguay stand mit Krokodilstränen 2018 im Herbst zweimal auf der Krimibestenliste.

 „Die fast unparteiische und gnadenlose Art, in der Puenzo erzählt, was den kindlichen Räubern widerfährt, macht dieses Werk zu einem veritablen Noir-Roman.“ (Hanspeter Eggenberger, Zürcher Tages-Anzeiger)

„Die 42-jährige Lucía Puenzo hat da einen klugen und packenden Roman geschrieben.“ (Frank Rumpel)

Auf Platz 6: Versammlung der Toten von Tomás Bárbulo

Dass Tomás Bárbulo Schreiberfahrungen als politischer Journalist hat, merkt man diesem Romanerstling schon an. Was Humor und Plot anlangt, steht er in den Schuhen Größerer (Elmore Leonard, Donald Westlake), nicht aber, was das Setting betrifft. Meiner Kenntnis nach ist dies (neben denen des Griechen Petros Markaris) der erste Roman, der die Opfer der europäischen Wirtschaftskrise von 2008 ff. ins Zentrum des Geschehens rückt.
Guapo („Der Hübsche“, alle diese Loser aus Madrid haben sprechende Spitznamen) ist der Anführer einer Mini-Bande von Gescheiterten. Als ihm ein dubioser Anwalt anbietet, mit einem super einfachen Bankeinbruch in Marrakesch an Juwelen (schwer nachzuverfolgen) und Millionen zu kommen, sagen sie nicht nein, setzen sich in einen maroden Lieferwagen und brausen gen Süden. Zur Tarnung fliegen ihre Chicas nach – das Ganze soll aussehen wie ein Urlaub, mal nicht auf Sozialhilfe. Begleitet werden sie von einem Sahraui (schon die Herkunft aus einer unterdrückten Region des Maghreb signalisiert dem Kenner: unklare Loyalitäten!), der über Sprache und Kontakte verfügt. Das ist lustig, das ist spannend und temporeich.  Dennoch habe ich Lust bekommen, Bárbulos politische Buch La historia prohibida del Sahara Español (Die verbotene Geschichte der spanischen Sahara) von 2002 zu lesen. Bárbulo hat seine Kindheit an der Südgrenze Marokkos verbracht und ist der Korrespondent von El País in der Region.

Auf Platz 8: Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem

Dieser elfte Roman des 1964 in Brooklyn geborenen Jonathan Lethem verspricht – wie sein bisheriges Werk – erst einmal ein wildes Spiel mit dem Genre. Der wilde Detektiv, Kennzeichen von Literatur, lässt sich unter verschiedenen Blickwinkeln lesen, einer davon ist der des Detektivromans.
Wie in unserer Nummer 1 – Attica Lockes Bluebird, Bluebird – schwingt der Schock von Trumps Präsidentschaft mit. Im Wilden Detektiv wurde sie sogar zum Auslöser. Wie der seelenverwandte Roman von Thomas Pynchon Vineland, der 1984 mit der Wiederwahl Reagans zum Präsidenten beginnt, sucht Lethems Roman dreineinhalb Dekaden später nach der erschütterten Seele Amerikas nach Trumps Inauguration. Wer ist zu so einer tiefgründigen Suche besser prädestiniert als die mythische Figur eines Detektivs aus Kalifornien?
Bei Lethem ist das Charles Heist, verwildert aufgewachsen in einer Hippiekommune, deren Abspaltungen (die Kaninchen, eher weiblich orientiert; die Bären, eher maskulin) beide Anspruch auf ihn erheben. Er aber rettet hauptsächlich verstörte Kinder aus ihren Fängen. Und wohnt in Claremont am Fuß des Mount Baldy, wo Lethem auf dem Lehrstuhl von David Foster Wallace Literatur unterrichtet. (Man kann den Wilden Detektiv also auch als postmodern verlotterten Heimatroman lesen).Die Ich-Erzählerin Phoebe war aufstrebende Top-Journalistin in Manhattan. Als Reaktion auf Trumps Inauguration (klar, sie ist pink – erinnert sich noch wer an die Demos?) hat sie gekündigt und sucht die weggelaufene Tochter ihrer Freundin/Chefin. Die ist Richtung Mount Baldy unterwegs, wo sich ihr Idol Leonard Cohen in den neunziger Jahren zum Meditieren niedergelassen hatte. Cohen starb, welch Symbol, am Tag vor Trumps Inauguration am 14.1.2017. Clash zweier Äras?
Erst zwei Perspektiven – mindestens –  ergeben einen Einblick ins desorientierte Amerika, die der Schnattertante aus New York und die des toughen Detektivs. Er heißt Heist (=Raub), sie nimmt zeitweilig die Rolle der Teenagerdetektivin Nancy Drews ein, bekannt bei allen amerikanischen Kindern. Gefunden wird der Einblick in der verrotteten, in Tribalismus zerfallenen Hippiekultur, der Endstufe des großen amerikanischen Traums Go West.
In der Jury gibt es – mindestens – zwei äußerst interessant und lesenswert formulierte Perspektiven auf den Wilden Detektiv. Da Geographie – mir hat es großen Spaß bereitet, den Roman mit dem Finger auf der Karte zu lesen – eine große Rolle spielt, seien sie topographisch charakterisiert: Sylvia Staude (Frankfurter Rundschau) verortet den Wilden Detektiv im Lethem-Universum, Marcus Müntefering (Spiegel online) realer als Gegenbild zur New Yorker „Welt der Leitartikel, der Konzeptkunstinstallationen und der Sektempfänge“.

Auf Platz 9: Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter von Tito Topin

Fluchten scheinen die Spezialität von Tito Topin zu sein, jedenfalls dann, wenn der 86jährige  Zeichner, Szenarist und Romancier in die Romantasten greift.
Sein Roman Exodus aus Libyen (Krimibestenliste 2016) schilderte die Flucht aus Gaddafis Libyen quer durch Nordafrika, in Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter fliehen der Journalist Boris, seine frühere Geliebte Soledad und eine wegen Unzucht verfolgte Hochschwangere aus der französisch-katholischen Theokratie, die natürlich eine Priesterdiktatur der schlimmsten  Sorte ist, nach Lissabon, das schon während der Nazi-Zeit letzter Fluchtpunk aus Europa war. Hinter ihnen her: Polizei und Auftragskiller des pädokriminellen Bischofs, der aktuell Dienstherr im „göttlichen Innenministerium“ ist.
„Diese klassische Plotline ist das Gerüst des Buches. Topin reichert es an mit viel galligem Humor und nicht wenig Brutalität, das Tempo zieht einen mit, vor allem dank dieser kurzen, schnellen Passagen, die so flüssig und plastisch geschrieben sind wie gut geschnittene Actionsequenzen in einem Thriller. Die Lässigkeit dieser Prosa nimmt dem dystopischen Setting zugleich ein wenig von seiner Schwere. Und ganz nebenbei beweist Tito Topin, dass eine packende Geschichte sich auch auf schlanken hundertneunzig Seiten erzählen lässt.“ (Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Auf Platz 10: Desperation Road von Michael Farris Smith

Als wäre der Zufall tatsächlich mit den Besten, verdichten sich viele Motive der oben aufgeführten neuen Titel der Krimibestenliste im letzten, aber keineswegs schlechtesten Kriminalroman. Flucht, Rassismus, amerikanischer Süden, ausweglose Armut, qualvoll gefährliche Kindheit – all dies enthält die feine, sich ganz langsam zuziehende Story, die der hierzulande noch wenig bekannte Autor Michael Farris Smith in Desperation Road erzählt. Es ist die Geschichte zweier Verlorener, die in der kleinen Provinzstadt McComb in Mississippi wieder auf die Beine kommen wollen. Russell Gaines hat elf Jahre gesessen, weil er im Suff einen jungen Mann totgefahren hat. Dessen Brüder wollen jetzt an dem Haftentlassenen ihr Mütchen kühlen. Maben war drogenabhängig, hat dabei ein Kind bekommen, und sucht in McComb Hilfe und ein Frauenhaus. Sie wird von einem Cop aus dem Rasthaus, in dem ihre kleine Tochter schläft, quasi entführt und vergewaltigt. Als er sie nicht zu Annalee zurücklässt, sondern weitere Kumpel zum Gangbang ruft, erschießt sie ihn. Das ist die Ausgangslage für eine Geschichte von Flucht, Verfolgung und Mut, aber auch von kleinstädtischer Solidarität. Vielleicht wird Farris Smith, 1971 geboren, wohnhaft in Columbia Mississippi, hierzulande durch dieses Buch etwas bekannter.

Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal stehen Sara Paretsky mit Kritische Masse und Patrícia Melo mit Der Nachbar auf der Krimibestenliste.

Die Krimibestenliste Februar wurde am Sonntag, den 3.2.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gedruckt veröffentlicht, und ist online wiederzufinden unter www.faz.net/krimibestenliste und www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste. Unter diesen Webadressen finden Sie immer die aktuelle Krimibestenliste.

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