Garry Dishers "Leiser Tod" auf Platz 1 Hier die Krimibestenliste März 2018 zum Ausdrucken – und die Neueinsteiger in der Besprechung

An jedem ersten Sonntag des Monats geben 20 Literaturkritiker und  Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Kriminalromane bekannt, die ihnen am besten gefallen haben. Die Krimibestenliste ist eine Kooperation der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit Deutschlandfunk Kultur. Hier finden Sie die komplette Liste zum Ausdrucken.
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Platz 1: Leiser Tod von Garry Disher
Garry Disher (*1949) ist den deutschsprachigen Lesern seit 1999 bekannt, als bei Pulp Master mit Gier der erste Roman seiner Serie um den Berufsverbrecher Wyatt erschien. Zwei Jahre später kam bei Metro im Unionsverlag der erste Hal-Challis-Roman Drachenmann heraus. Wyatt ist der anständige Verbrecher, Challis der anständige Polizist. Beide Serien geben zusammen einen großartigen Blick auf’s Australische.
Hal Challis, inzwischen zum Leiter der CIU im fiktiven Waterloo auf der realen Mornington Peninsula aufgestiegen, wo Disher auch selber zu Hause ist, hat es in Leiser Tod mit Bankraub, Vergewaltigung und Sprayern zu tun. Doch das Großthema des sechsten Challis-Romans ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Challis‘ Freundin ist fern in Europa und bildet sich über Sexualverbrechen fort, an den Toren von Protzvillen werden Penisse gesprayt, DC Pam Murphy hat ein Verhältnis mit DS Jeannie Schiff usw. Disher breitet das ganze Tableau von Sexismus bis Zärtlichkeit aus, in allen Spielformen, Am spannendsten jedoch ist die Parallelhandlung um die junge Diebin Grace. Die ist auf ihrem ganz eigenen Emanzipationstripp: Seit Jahren wird sie von ihrem ehemaligen Liebhaber und Mentor gejagt. Grace ist großartig und zeigt, wie man sich solcher Schweinepriester erwehren kann, wenn man so tough ist wie sie.
Da Challis eine Leidenschaft für Flugzeug-Oldtimer hat, bezieht sich der Titel des Romans auf einen anderen Handlungsstrang, den Schwindel mit Antiquitäten und Kunst. Whispering Death war der nickname eines Bombenflugzeugs. „Ganz beiläufig entwirft Disher, ohne je ins Dozieren oder Belehren zu verfallen, auch in diesem Buch ein präzises Bild der Gesellschaft. Er versteht es, verschiedene Handlungsstränge virtuos zusammenzuführen, wobei die Geschichte bei aller Komplexität immer spannend bleibt. Und zum großen Lesevergnügen tragen vor allem auch der lakonische Stil und der trockene Humor viel bei. Australien hat eine ganze Reihe starker und aufstrebender Krimiautoren zu bieten. Altmeister Disher steht nach wie vor an der Spitze.“ (Hanspeter Eggenberger, Tages-Anzeiger)

Leiser Tod ist nicht Garry Dishers stärkster Roman. Die Vielfalt der Personen und Ereignisse geht dann doch zu Lasten der atmosphärischen Dichte, die zuletzt in Bitter Wash Road überwältigend war. Trotzdem ist Verlass auf Dishers klaren, klischeefreien Stil (präzise übersetzt von Peter Torberg), auf seine Fähigkeit, mit wenigen Sätzen Schauplätze und Figuren zu charakterisieren. Und es hat seinen Reiz, an der Hand einer Einbrecherin durch Wohnstraßen zu gehen und in dunkle Häuser zu schleichen.” (Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau)

Platz 2: 64 von Hideo YokoyamaPersönlich gesprochen: 64 ist ein Kriminalroman, wie ich noch keinen gelesen habe. Alle Vergleiche hinken und landen zu kurz. (Törichte) amerikanische und britische Medien haben den aus Vermarktungsgründen lancierten Vergleich mit Stieg Larsson aufgegriffen, der hierzulande prompt weitergeschleppt wird.
Nichts, aber auch gar nichts an Yokoyamas Epos erinnert auch nur im Fernsten an das Gestoppel des Schweden.
Hier ist nicht der Ort, diese durch und durch japanische, aber zugleich weltweit verständliche Geschichte mit ihren komplizierten Entwicklungen, mehrfachen Schichten von Verrat, Täuschung, Ehrerbietung, Solidarität und tiefer Enttäuschung aufzudröseln. Zwei Mädchen sind verschwunden: die siebzehnjährige Tochter des Protagonisten Yoshinobu Mikami und die siebenjährige Shoko. Erstere hat altersbedingt die Flucht aus der Familie ergriffen, vor allem aber, weil ihr Gesicht der verunstalteten „Fratze“ ihres Vaters ähnelt. Dies ist kein human-touch-Trick des Autors, sondern eine außerordentlich gelungene Setzung: Alle Aktivitäten ihres Vaters, dessen Loyalität sowieso zwischen allen Stühlen schwankt, sind mit der Patina der Scham versehen: Wie soll ein Mann sein Gesicht wahren, vor dem die Tochter geflohen ist?
Shoko ist in der ersten Woche des Jahres 1989, die zugleich die letzte der Regierungszeit Hirohitos war (daher 64 – so viele Jahre hat der Weltkriegskaiser gottgleich regiert), entführt und ermordet worden. 2002 droht die Verjährung, verschiedene Kräfte innerhalb der Polizei wollen dieses Datum zur Klärung innerbürokratischer Machtverhältnisse nutzen. Mikami, von der Mordabteilung abgestellt als Pressesprecher der Polizei, ist einer der wenigen, die immer noch ernsthaft Aufklärung und damit Versöhnung mit den trauernden Eltern erhoffen. Zwischen den sich bekriegenden Abteilungen Mord und Verwaltung muss er einen ganze eigenen Weg aus geheimer Recherche, Intrige, Diplomatie und Ermittlung finden. Und ist am Ende ein gereifter Mann.
Wenn es einen Nobelpreis für Kriminalliteratur gäbe: Yokoyama hätte ihn verdient.
Hideo Yokoyama wurde 1957 in Tokio geboren und arbeitete bis zu seinem 34. Lebensjahr als Polizeireporter in der mitteljapanischen Präfektur Gunma. 64 wurde in Japan ein Millionenerfolg, wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. als bester japanischer Kriminalroman 2013, und wurde 2016 unter der Regie von Takahisa Zeze als Rokuyon I und II verfilmt.
Ingeborg Sperl hat begeistert die Sperrfrist für Rezensionen 9. März ignoriert und schrieb im Standard: „64 ist ein Roman, der die moderne Gesellschaft Japans schildert, die feinen Abstufungen der Hierarchien und Intrigen, die Rituale der Höflichkeit, die immer noch exotische Stellung berufstätiger Frauen; eine fesselnde Mentalitätsgeschichte wird ausgebreitet, die Geduld und äußerste Konzentration verlangt. Das Personenverzeichnis ist hilfreich, nur Mut, es ist ein Leseabenteuer!”

Platz 5: Fast ein guter Plan von Wallace Stroby
Crissa Stone, von Leserinnen wie Lesern begeistert begrüßt als weibliche Variation des Berufsverbrechers à la Parker und Wyatt, beweist in ihrem dritten Fall Cleverness als Räuberin und Herz als Mutter und wahrer Kumpel. Dass sich im Kampf mit einem monströsen Widerling, einem Ex-Cop, der sich die ganze Beute
eines schiefgelaufenen Überfalls unter die Nägel reißen will, Crissa beide Qualitäten erfolgreich zum Einsatz bringen kann, widerspricht den bisher überlieferten Regeln: Sie kann so kaltblütig wie nötig und so herzlich wie nötig handeln. Darin ist sie den männlichen Vorbildern überlegen.
„Wir (sind) Crissa auch deswegen verfallen, weil sie eben keine Verbrecherin aus verlorener Ehre oder Ehe ist, sondern weil sie – wie Parker – einfach nichts besser kann. […] Crissa raubt nämlich nicht Banken aus, überfällt keine Tankstellen oder irgendwelche Villen. Crissa hat sich darauf spezialisiert, graue Gelder abzuschöpfen. […] Seine Crissa-Thriller, (sind) auch was die Ausleuchtung der gesellschaftlichen Schmutzecken der USA, in denen Stroby seine Geschichten spielen lässt, Meisterstücke.“ (Elmar Krekeler, Die WELT)

Platz 8: Der Klügere lädt nach von Castle Freeman
Castle Freeman, 1944 in Texas geboren, seit 1972 in Vermont ansässig, wurde 2016 mit seiner ausgefuchsten Hinterwäldler-Posse Männer mit Erfahrung, im gleichen Jahr als „Blackway“ verfilmt, dem deutschsprachigen Publikum bekannt. Mir kam der nachfolgende Roman Auf die sanfte Tour eher harmlos vor. Erstmals erzielte dort Provinzsheriff Wing durch gezielte Untätigkeit einen Erfolg gegen eingedrungene Russen. Dass hinter dem Erfolgskonzept Nichtstun eine Prägung durch allerschwärzeste Pädagogik steckt, deckt Freeman, von Buch und Buch heimtückischer, d.i. besser werdend, in Der Klügere lädt nach auf. Der englische Titel Old Number Five spielt auf das 5. Gebot an, das in Vermont auch meist eingehalten wird.
„Das ist Wilder Westen im Osten der USA, nicht damals, sondern heute. Und Freeman jubelt einem in diesem heiteren Plauderton, den Dirk van Gunsteren in ein fein dahin schnurrendes Deutsch übertragen hat, eine richtig üble Geschichte unter – wie eine Schicht Senf im Apfelkuchen, in dem auch noch eine Sardelle versteckt ist.“ (Frank Rumpel, SWR 2)

Platz 9: Mann am Boden von Roger Smith
Roger Smith, geboren 1960 in Johannesburg, ist nicht gerade für sein freundliches Menschenbild bekannt. Nach der Lektüre von Mann am Boden wird das Pendel nicht ins Gegenteil ausschlagen. John Turner hat eine üble Vergangenheit als Kleindealer und Sozialversager in Südafrika hinter sich. Diese Vergangenheit, erzählt in albtraumhaften Rückblenden, holt ihn wieder ein, als drei Einbrecher in seinem neuen Wohlstandsdomizil in Tucson auftauchen. Die Gewalt, die diese Psychos Turner, seiner Frau und seinem Nachbarn antun, drischt gewissermaßen die Wahrheit aus ihm heraus, die er so gerne in seiner neuen Existenz als Poolshark-Händler verdrängt hätte.
„Die Geschichte ist meisterhaft konstruiert. Die Handlung ist äußerst brutal, aber die Gewalt ist nicht Selbstzweck. ‘Die Leute tun es’, begründete der südafrikanische Autor in einem Interview die exzessive Gewalt in seinen Büchern, ‘darum schreibe ich darüber.’ So hart wie Mann am Boden war keiner der früheren Thriller, die fast alle auf Deutsch vorliegen. […] Nach und nach zeigt sich, dass – außer vielleicht der Teenager-Tochter der Turners – niemand ohne Schuld ist.“ (Hanspeter Eggenberger, Tages-Anzeiger)
„Mann am Boden […] ist ein Buch, das insgeheim der Frage nachgeht, ob nicht auch Menschen, die größte Grausamkeiten begehen, zu Liebe und Empathie fähig sind.“ (Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Platz 10: Hologrammatica von Tom Hillenbrand
Tom Hillenbrand, 1972 in Hamburg geboren, wurde im Februar 2018 zum Ritter im Orden der Eichenlaubkrone des Großherzogtums Luxemburg ernannt. Seine Kriminalromane um den Koch Xavier Kieffer gäben ein facettenreiches Bild vom kleinen Staat.
Auf anderem Terrain – literarisch wie topographisch – bewegt sich Hillenbrand mit seinen bisher zwei SF-Krimis. Drohnenland (drei Mal KrimiZEIT-Bestenliste 2014) spielte mit in die Zukunft extrapolierten Überwachungstechniken und der Allmacht der sozialen Netzwerke, in Hologrammatica hat er noch eine Schippe draufgelegt.
Im Zentrum seiner erfreulich wenig einseitigen Zukunftsvision stehen die Probleme Künstlicher Intelligenz. Ob sich die nach dem „Turing-Zwischenfall“ 2048 abgeschaltete Supermaschine Aether tatsächlich so weltherrschaftsgierig verhält wie beispielsweise der Computer Vixal4 in Robert Harris‘ „Angst“ von 2011 bleibt bis zum Schluss ein offenes Geheimnis.
Quästor (Privatdetektiv) Galahad Singh soll die verschwundene Superprogrammiererin Juliette suchen, die aus Paris verschwunden ist. Aber 2088 ist nun wirklich kaum mehr etwas so, wie es scheint. Die schäbige Realität ist per Holonet aufgeschönt, man wechselt – Knete vorausgesetzt – sein Design tagtäglich. Noch mehr Knete ist nötig, um sein Gehirn komplett in einem kleinen Quantenwürfel zu speichern, der dann in einen anderen Körper verpflanzt wird. Doch diese Welt der Quants, die auf die Normalos als „Schwammschädel“ herabschauen, ist nur Ausgangspunkt für ein sehr viel weiter gesponnenes Garn: in Richtung Transhumanismus, in Richtung Identität, in Richtung neuer Mensch – und natürlich KI.
Da aus den Kreisen der Jury noch keine Rezension vorliegt, gebe ich meiner uneingeschränkten Begeisterung Ausdruck. Hillenbrand schreibt sich in die Dick/Ballard-Klasse, wenn er so weiter macht.

 

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