Auf Platz 1: Annie Ernaux mit "Erinnerung eines Mädchens" (Suhrkamp) Die neue SWR-Bestenliste für den Dezember ist da

Renommierte Literaturkritikerinnen und -kritiker nennen monatlich ‑ in freier Auswahl ‑ für den SRW vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen, und geben ihnen Punkte. Die Addition ergab folgendes Resultat für den Dezember:

1. Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens (Suhrkamp) 108 Punkte

Sommerferienlager, Normandie, 1958: Ein Mädchen wird missbraucht. Erinnert sich gut fünfzig Jahre später wieder, geht sich nach und den Fragen: Was machen Erlebnisse aus uns? Wie funktioniert Gedächtnis? Tiefenbohrung durch ein Leben in eine Gesellschaft, eine Zeit.

  1. Judith Schlanansky: Verzeichnis einiger Verluste (Suhrkamp) 107 Punkte

Die Welt, Antike bis heute: Was macht man mit Dingen, die verloren sind? Sapphos Gedichten zum Beispiel, dem Palast der Republik, dem Kaspischen Tiger? Man erzählt ihre Geschichten. Ihre Mythen, die wirklicher sind als die Wirklichkeit. Schalansky tut es. Im schönsten Buch des Jahres.

  1. Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers (Hanser) 65 Punkte

Paris, Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts: Turgenjew, der russische Landadlige im Liebesexil, schreibt in 25 Erzählungen das Panoptikum der Menschen seiner Heimat herbei. Poetisch, realistisch, ohne Mission, politisch, modern. 25 Lektionen in Menschlichkeit.

  1. Steffen Mensching: Schermanns Augen (Wallstein) 57 Punkte

Sowjetisches Straflager, 1941: Rafael Schermann, der Mann, der aus der Handschrift die Zukunft lesen kann, ist im Gulag dem Tod näher als dem Leben. Mensching schreibt seine Geschichte aus einem Totenhaus auf. Und eine neue Ästhetik des Widerstands.

  1. Elizabeth Bishop: Gedichte (Hanser) 35 Punkte

Überwiegend Boston, Mitte 20. Jahrhundert: Feine Geschichten in gebändigten Gedichten von Bildern und Bächen und Wäldern. Man lernt das Wundern wieder und den Zauber der Welt. Durch den genauen, den klaren Blick der Elizabeth Bishop.

  1. Ursula Krechel: Geisterbahn (Jung und Jung) 33 Punkte

Trier, nach dem Krieg, im Krieg: Kinder der Täter und der Opfer sitzen in einem Klassenraum zusammen. Und auch die Geister der Ermordeten, der Sinti, der Kommunisten. Wie kam es zu alldem, fragt Ursula Krechel in ihrer hochkonzentrierten Deutschstunde, und warum gibt es kein Entkommen?

  1. Eckhart Nickel: Hysteria (Piper) 28 Punkte

Deutscher Supermarkt, in nächster Zukunft: Ein Mann folgt der Spur verdorbener Himbeeren ins Herz und durchs Hirn einer ökofaschistischen Dystopie. Kultur ist Verbotskultur, der Mensch rettet die Welt, in dem er sich abschafft. Eleganter Thriller, irrwitzig, konservativ, dekadent.

8: Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger: „schreib alles was wahr ist auf“ Briefe (Suhrkamp) 25 Punkte

Umland von Rom, Sommer 1959: „seit deiner abreise steht die zeit still“, schreibt er. Eine literarische Freundschaft war kurz in Liebe umgeschlagen. Nicht das einzige Wunder im Briefwechsel zwischen dem größten Chefironiker und der größten lyrischen Diva der deutschsprachigen Literatur.

  1. Wolf Haas: Junger Mann (HoCa) 24 Punkte

Salzburger Land, 1973: Es ist Ölkrise. Ein dicklicher Junge verliebt sich, fährt über den Balkan, verunfallt mit Erwachsenen und dem Erwachsenwerden. Halbautobiografischer Abenteuerroman voller Sprach- und Perspektivartistik. Von Diät und Dichterwerden.

  1. Gerald Murnane: Grenzbezirke (Suhrkamp) 18 Punkte

An der staubigen Grenze zum Nichts im Herz Australiens, ungefähr heute: Ein alter Mann erstellt das Verzeichnis einiger Gewinne und Verluste seines Lebens. Vor allem seines Lesens. Einladung in die wunderbare Welt des genialen Eigenbrötlers Gerald Murnane.

Die Jurymitglieder nennen in freier Auswahl vier Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3).

Die Jury:
Helmut Böttiger (Berlin), Michael Braun (Heidelberg), Gregor Dotzauer (Berlin), Martin Ebel (Zürich), Julia Encke (Berlin), Eberhard Falcke (München), Cornelia Geißler (Berlin), Peter Hamm (München), Richard Kämmerlings (Berlin), Sandra Kegel (Frankfurt), Elmar Krekeler (Berlin), Sigrid Löffler (Berlin), Ursula März (Berlin), Ijoma Mangold (Berlin), Lothar Müller (Berlin), Klaus Nüchtern (Wien), Jutta Person (Berlin), Wiebke Porombka (Berlin), Iris Radisch (Hamburg), Ulrich Rüdenauer (Bad Mergentheim), Denis Scheck (Köln), Christoph Schröder (Frankfurt), Julia Schröder (Stuttgart), Gustav Seibt (Berlin), Hubert Spiegel (Frankfurt), Hajo Steinert (Köln), Daniela Strigl (Wien), Kirsten Voigt (Baden-Baden), Insa Wilke (Frankfurt), Hubert Winkels (Köln)

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