Nachruf von Friedrich Päfflin: "Der Präsident verbleibt im Schatten des Stammtisches" Wilhelm Unverhau

Wilhelm Unverhau

Wilhelm Unverhau, der langjährige „Präsident“ des legendären Münchner Buchhändlerstammtisches, ist am 1. Mai nach längerer Krankheit im Alter von 87 Jahren gestorben. Seine „Amtsgeschäfte“ als Spiritus rector des wohl ältesten aktiven buchhändlerischen Stammtisches hatte er seit einigen Jahren aber zum Teil in jüngere Hände abgegeben, die Kraft reichte nicht mehr.

Uns schrieb er noch zum Jahreswechsel: „Ich bin total aus der Zeit gefallen, meine diversen Gebrechen  lassen mir nur sehr wenig Luft.  Die Kraft reicht kaum für die Erfüllung meiner derzeitigen Angaben: Erinnerungen für meine Töchter, Buchvertrieb und die Sorge um meine Frau. Das Leben hat mich sozusagen aufgebraucht. BuchMarkt und Sie sind für mich eine schöne Erinnerung, BuchMarkt und der Stammtisch sind ja auch gleich alt. Nun bin ich alt.“

Lieber Wilhelm Unverhau,

auch Sie gehören zu meinen unvergesslichen Erinnerungen, die wenigen Besuche an Ihrem Stammtisch haben für mich zu unvergesslichen Freundschaften geführt, die bis heute halten. Ich trauere mit Ihrer Frau Christiane,  Ihren Töchtern und mit allen Mitgliedern und Freunden des Stammtisches um einen Mann mit großer Leidenschaft für unseren Berufstand und für die Bewahrung buchhändlerischen Wissens und Traditionen,  dem ich seit Gründung von BuchMarkt in großem Respekt verbunden bin. 

Ihr 

Christian von Zittwitz

Friedrich Pfäfflin, Stammtisch-Mitglied quasi seit der ersten Stunde, erinnert an seinen Präsidenten: 

Stammtische haben eine schlechte Presse, vor allem wenn sie sich ins politische Gelände vorwagen: »Stammtisch-Politik« ist kleingläubig, kurzsichtig, erfahrungslos, beschränkt und in der Mehrzahl der Fälle: politisch reaktionär.

Hier ist vom schieren Gegenteil zu berichten: Der im Herbst 1966 von Wilhelm Unverhau begründete Buchhändler-Stammtisch in der Max Emanuel-Brauerei der Münchner Adalbertstraße war die Bayerische Akademie der Buchhandelspraktiker: Wilhelm Unverhau saß ihr vor als »Präsident«, unverdrossen, zum Gespräch einladend, mehr als ein halbes Jahrhundert (und es gibt Gerüchte, dass der Tisch, freilich in anderer Form, schon 1955 gegründet worden sei). Nun ist Wilhelm Unverhau am 1. Mai im Kreise seiner Familie in München gestorben.

Natürlich drängt sich bei einer solchen Nachricht sofort das Wort von einer »Institution« zwischen die Zeilen. Gemach, gemach. Hier ging es pragmatischer zu: »Mehr Stammtische von solcher Art«, feierte der Redakteur der ›Welt der Literatur‹, Georg Ramseger, »könnten manche Querelen zwischen Sortimenter und Verleger bereinigen« und es sei nur natürlich, dass sich »in München die Buchhändler nicht dauernd Madonnenlilien über den Tisch« reichten. Teilnehmer können das bezeugen. Manchmal waren es sorgfältig zusammengestellte Distel-Bukette. Auch werde wie überall, bekannte ein gewisser Jan Feder in ›buchmarkt‹ 1976, an diesem Tisch »getrunken, geblödelt, geschwätzt, geklatscht, polemisiert, diskutiert«. Und er hatte recht: »Ich könnte mir den Stammtisch anders vorstellen, aber nicht ohne Wilhelm Unverhau.«

Am Buchhändler-Stammtisch traf man sich anfangs wöchentlich, in späteren Jahren an wechselnden Tischen zu festgelegten Zeiten: Unter Unverhaus unaufdringlicher Regie versammelte sich in geselliger Runde ein bunter Haufen von Berufsgenossen (seit 1995 auch mit Berufsgenossinnen), deren Politik vom Buch, vom Buchhandel, von den Verlagen und ihren Personalien bestimmt waren und sind. Autoren, Illustratoren – wie der zum Haus- und Hofpeintre avancierte Kurt Halbritter -, Verleger, Presseleute, Lektoren, Kollegen in der Buchherstellung, Werbung und Vertrieb waren stets willkommen. Donnerstage waren zu Zeiten für München-Reisen in der Republik der Buchhändler und Verleger deshalb beliebt, weil man sich dann abends an den Tisch treffen konnte.

Der Münchner Buchhändler-Stammtisch kannte heroische Zeiten: Schon das erste Jahr seines Bestehens, 1967, wurde mit einer Exkursion auf den Tegernseer Lieberhof festlich und ausladend begangen. Berühmt sind die regelmäßigen Volksspeisungen mit Gulaschsuppen, die der Verleger Klaus G. Saur auch dann servieren ließ, wenn er schon damals über den Wolken unterwegs war, um seine Bücher zu verkaufen. »Herrenabende« zu Mailorder-Kaisers Geburtstagen waren berühmt. Exkursionen auf der »Schwäbischen Dichterstraße« führten sogar einmal in Kaisers Geburtsort, nach Bad Teinach. Die »Münchner Jubilate«-Festivitäten wurden mit Aufführungen der Bayrischen Volksschauspieler der der »kgl. privil. Hauptschützengesellschaft München« begangen. Bilderreiche Flugblätter führen uns noch heute vor Augen, wie grün wir hinter den Ohren waren und dass die Brüder Beck, Heinz Friedrich, Kurt Lingenbrink, Reinhard Mohn, Christoph Schlotterer, Siegfried Unseld mit seinem Autor Peter Weiss und viele andere zu denen gehörten, die es sich nicht nehmen ließen, auf solchen Festen zu erscheinen.

Woran aber auch erinnert werden soll: Der Buchhändler Wilhelm Unverhau war der erste Verleger des Schriftstellers und Graphikers Christoph Meckel (1935-2020). Mitte der 50er Jahre erschienen in  der 4. Nummer der von ihm herausgegebenen ›Überflüssigen Hefte‹ erste Gedichte von Meckel. 1956 kam als erste selbständige Veröffentlichung Meckels, quasi als Schwerpunktthema der ›Überflüssigen Hefte‹, die Sammlung ›Tarnkappe‹ mit 7 Gedichten und 4 Graphiken in 400 Exemplaren heraus. Dass Christoph Meckel seine gesammelten Gedichte 2015 bei Hanser wiederum unter den Titel ›Tarnkappe‹ hat erscheinen lassen, erinnert an diese Anfänge mit Wilhelm Unverhau. 1965 war mit Meckels Bibliographen und Freund Wulf Segebrecht der Band ›Lyrik Prosa Graphik aus zehn Jahren‹ im Verlag Wilhelm Unverhau München erschienen. Später hat dieser »Verleger« mit Ludwig Hollweg und dem Volksschauspieler Wilhelm König der Münchner Stadtgeschichte zugewendet. Unverhaus Anfänge als Verleger fallen vermutlich mit seinen Probeläufen im Taschenbuchhandel der Akademischen Buchhandlung in München zusammen. Wenig später hat es ihn als Leiter der Werbeabteilung in den Deutschen Taschenbuchverlag verschlagen.

Der 1939 aus Mitau (Lettland) umgesiedelte, in Bayern wunderbar akklimatisierte Wilhelm Unverhau, den man jederzeit als Erzmünchner hätte passieren lassen, war niemand, der sich anderen aufdrängte. Was ihn auszeichnete – und das wird mir bewusst, wenn ich mir klarmache, dass ich vor 45 Jahren München verließ – war seine Treue: Jahr für Jahr kamen seine »Jahresberichte« vom Tisch, zufällig zu meinem Geburtstag, zunächst mit allerlei Statistiken, auch den Selbstvorstellungen der Tischgenossen: Dann aber mehr und mehr die eigene Familie miteinbeziehend, an die aus der Tischrunde verstorbenen Kollegen erinnernd. Zuletzt, aber auch das liegt schon wieder einige Zeit zurück, die Feststellung des ›Chronisten«, das »Haupt-Gebrechen« für beide, für seine Frau, das »Edelweiß« und ihn, seien die »Gehbehinderung«, die »Gleichgewichtsstörungen«. Und dann, 2019, in der letzten Nachricht ›in eigener Sache« die Feststellung des im Amte resignierenden Präsidenten: »Der Chronist bleibt im Dienst, der Präsident verbleibt im Schatten des Stammtisches …« 

Friedrich Pfäfflin

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