Dr. Günther Fetzer über seine beiden neuen Bücher "Das Taschenbuch. Geschichte – Verlage – Reihen" und die Neubearbeitung des Klassikers „Wie ein Buch entsteht“ „Wer soll das denn lesen?“

Nach zwölf Jahren hat Günther Fetzer (73) seine Lehrtätigkeit am Institut für Buchwissenschaft der FAU Erlangen-Nürnberg beendet. Davor war er viele Jahre als Lektor, Programmleiter und verlegerischer Geschäftsführer bei großen deutschen Publikumsverlagen tätig. Zum „Abschluss“ der Uni-Tätigkeit erscheinen in diesen Tagen zwei Bücher von ihm, „Das Taschenbuch. Geschichte – Verlage – Reihen“ bei Narr Francke Attempto, Tübingen, und die völlige Neubearbeitung des Klassikers „Wie ein Buch entsteht“ in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt. Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch:

Nach Ihrem Buch über die Lektoratsarbeit (Berufsziel Lektorat, 2. Auflage 2018) und der umfangreichen Verlagsgeschichte von Droemer Knaur (2017) erscheinen nun in diesem Herbst gleich zwei Bücher von Ihnen, die Geschichte des Taschenbuchs und die grundlegende Überarbeitung des Klassikers Wie ein Buch entsteht. Warum tun Sie sich das im reifen Alter von 73 Jahren noch an?

Dr. Günther Fetzer: „Die Branche hat nicht nur mit der verschärften Medienkonkurrenz zu kämpfen, sondern auch mit der brancheninternen Konkurrenz“

 

Dr. Günther Fetzer: In allererster Linie, weil es Spaß macht, Spaß daran zu recherchieren und nicht weniger Spaß zu schreiben. Hinzu kommt, dass ich mit dem Thema Taschenbuch auch beruflich über viele Jahre zu tun hatte. Das war zunächst bei Heyne, dem damals größten deutschen Taschenbuchverlag, der Fall, wo ich zehn Jahre als Cheflektor für das Taschenbuch verantwortlich war, danach beim seinerzeit noch in der Schweiz ansässigen Scherz Verlag und schließlich bei Droemer Knaur. Und in den Jahren der Lehrtätigkeit an der Uni habe ich mich immer wieder mit diesem Buchtyp beschäftigt, vor allem mit der Frage: Was ist eigentlich ein Taschenbuch?

Und was hat es mit dem Buch „Wie ein Buch entsteht“ auf sich?

Zu diesem Buch in der ursprünglichen Form besteht zunächst einmal ein sehr persönlicher Bezug. Als Branchenneuling war ich Anfang der 1980er Jahre Teilnehmer eines Wochenseminars, das vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstaltet und von Hans-Helmut Röhring geleitet wurde. Die Inhalte des Seminars bildeten dann die Grundlage des Werks Wie ein Buch entsteht, das 1983 in der ersten Auflage bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt erschienen ist. Damals war Röhring, der 2004 verstarb, Verlagsleiter von Hoffmann und Campe; 1983 gründete er den Verlag Rasch und Röhring.

Warum nennen Sie dieses Buch einen „Klassiker“?

Es war seinerzeit die erste umfassende Einführung in das Thema und daher gerade für Berufsanfänger sehr wichtig. Daraus hat sich in den folgenden Jahrzehnten ein Standardwerk entwickelt, das insgesamt neun Auflagen erlebte und zuletzt von Klaus-W. Bramann überarbeitet worden ist. Das Werk ist nun von mir vollständig neu bearbeitet und aktualisiert worden bis hin zur neuesten Vereinbarung vom Juni 2019 über den Normvertrag für Übersetzer.

Was sind die signifikanten Entwicklungen der letzten Jahre, die in das Buch aufgenommen wurden?

Natürlich wird die Digitalisierung der Branche und zwar auf allen Ebenen und in allen Sektoren ausführlich dargestellt. Aber auch die verstärkte Externalisierung von Aufgaben und Funktionen sowie die erhöhte Bedeutung der Agenturen haben Eingang gefunden. Vor allem werden auch die drei grundlegenden Verlagstypen Publikumsverlag, Fachverlag und Wissenschaftsverlag ausführlich herausgearbeitet. Und: Die Branche verzeichnet einen dramatischen Rückgang der Käufer. Zwischen 2013 und 2017 gingen 6,4 Millionen verloren. Das sind über 20 Prozent. Wir haben ein dramatisch verändertes Mediennutzungsverhalten. Die Altersgruppe zwischen 14 bis 29 Jahren nutzt das Internet – bei erheblichen Steigerungsraten – viereinhalb Stunden pro Tag!

Das allein reicht eigentlich aus, um Depressionen zu bekommen.

Ja, die Branche hat aber nicht nur mit der verschärften Medienkonkurrenz zu kämpfen (Stichworte Fernsehen, elektronische Medien, soziale Medien), sondern auch mit der brancheninternen Konkurrenz. So drängen etwa 75.000 Selfpublisher auf den Markt. Allein Books on Demand, die hundertprozentige Tochterfirma von Libri, machte nach eigenen Angaben im Jahr 2018 über 90.000 geprintete Selfpublishing-Werke von 45.000 Autoren im Buchhandel verfügbar. Dazu kommen noch 70.000 E-Books.  Auch der Markt des Gebrauchtbuchs ist heute eine Konkurrenz zur etablierten Buchbranche, denn der professionelle Gebrauchtbuchmarkt ist aus dem buchhändlerischen System „ausgewandert“ und wird heute zusammen mit dem Verkauf von Privat an Privat von Amazon dominiert. Dessen Marketplace ist seit 2002 in Deutschland verfügbar.

Noch kurz zum Taschenbuch-Buch: Was erfahren wir neben der Geschichte seit dem 19. Jahrhundert bei der Lektüre über die jüngeren Entwicklungen auf diesem Gebiet?

Entscheidend ist der Umbruch weg vom „System Taschenbuch“. War der neue Buchtyp nach dem Zweiten Weltkrieg definiert u. a. durch ein Erscheinen in optisch klar strukturierten Reihen, durch einfache Ausstattung, durch einen niedrigen Ladenpreis bei einheitlichen Preiskategorien, durch monatliches Erscheinen bei Fortsetzungsbezug sowie durch hohe Backlistrelevanz, so haben sich spätestens seit den 1990er Jahren Reihencharakteristik, niedriger Ladenpreis, Fortsetzungsbezug und Backlistrelevanz als Kriterien verflüchtigt. Hinzu kommt gerade in den letzten Jahren eine starke Reduktion der Novitäten, die Konkurrenz durch das Paperback (mit eigener Bestsellerliste seit 2012) und durch das E-Book, vor allem bei populären Genres, sowie die Selbstkannibalisierung durch Mehrfachverwertungen und umstrittene Aldi- und Rewe-Sonderaktionen mit Lizenzen aus namhaften Taschenbuchhäusern.

Dann zum Schluss die Frage nach der Zielgruppe: Wer soll diese Bücher denn lesen?

Natürlich sind das zunächst einmal wissenschaftliche Bücher und dienen von daher der Lehre, aber nicht nur an Universitäten und Fachhochschulen, sondern sie sind beispielsweise auch einsetzbar bei den Seminaren der Akademie der Deutschen Medien in München oder bei den Veranstaltungen des mediacampus Frankfurt, den Schulen des Börsenvereins. Vor allem Wie ein Buch entsteht ist allen am Lektorberuf Interessierten und allen Berufsanfängern zu empfehlen. Ich hoffe, gerade diese profitieren von dem Buch, wie ich seinerzeit von dem Seminar bei Röhring profitiert habe.

Was halten Sie davon, sich einfach mal selbst zu loben?

Darüber hinaus ist es aber auch ein Buch für alle in der Branche Tätigen und an der Branche Interessierten, denn – und das sei unterstrichen – es ist leicht lesbar und ohne wissenschaftlichen Ballast geschrieben. Ohne Frage gibt es weitere Bücher zum Thema, teilweise über 400 Seiten dick, das aber ist die konzentrierteste und konziseste Einführung.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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