Sabine Kahl über den Deutschen Buchhandelspreis und die Frage „Was habe ich falsch gemacht?“

In dieser Woche sind die Preisträger des deutschen Buchandelspreises bekannt gegeben  worden – und diesmal hat es zwar viele neue Gewinner gegeben, aber wieder auch so manche Enttäuschungen. Kann man dagegen etwas (und wenn ja was?) tun? Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit Sabine Kahl, die zu den Buchhändlern gehört, die wieder nicht zu den Gewinnern gehört 

Sabine, schon im Vorjahr hatten wir uns über Deine Enttäuschung  unterhalten, dass es Deine schöne Schmargendorfer Buchhandlung es nicht aufs Treppchen geschafft hat. Jetzt höre ich, in diesem Jahr hat es wieder nicht geklappt?

Sabine Kahl: Grundsätzlich finde ich es wichtig, zu sagen, dass ich allen Preisträgern ihr Glück von Herzen gönne. Ich bin einfach enttäuscht, frage mich, was wir falsch gemacht haben und bin ratlos, wie ich es mit meiner Buchhandlung mal zu dieser Auszeichnung bringe.

Das hatte sich meine Frau nach drei vergeblichen Anläufen auch gefragt, auch mit Blick auf prämierte Wettbewerber in der Region.

Deswegen haben meine KollegInnen und ich uns im letzten Jahr die in Berlin ausgezeichneten Buchhandlungen sehr genau angesehen und uns gefragt, was diese KollegInnen machen, was wir nicht tun. Oder was sie so besonders gut machen, so dass wir davon noch etwas lernen und besser machen können.

 

Sabine Kahl mit ihren Mitarbeiterinnen: „Nach drei Jahren erfolgloser Teilnahme bin ich nicht nur ratlos, sondern auch ernsthaft frustriert. Für mich hat dieser Preis die beabsichtigte motivierende Wirkung verloren, solange nicht klar ist, was hier genau bewertet wird und wie die Bewertung zustande kommt“ (Durch Klick auf Foto mehr über ihr Team und die Buchhandlung)

 

Und was machen sie besser? 

Dabei haben wir u.a. gesehen, dass thematisch eingegrenzte Buchhandlungen in „ihrem“ Thema tiefer sortiert sind und speziellere Veranstaltungen anbieten. Aber wir sind eben eine Kiez-Buchhandlung, die Familien und ein etwas älteres Publikum als Kunden hat und deshalb bieten wir alle klassischen Warengruppen an. Deshalb sind wir z.B. auch Kinderwagen- und Rollstuhl-gerecht ausgebaut, gut ausgeleuchtet und gut lesbar beschriftet.

Also Läden wie Deiner, die eine Grundversorgung anbieten, haben es schwerer aufs Treppchen zu kommen? Macht Ihr zu wenig außerhalb des Ladens?

Ja, auch die schiere Zahl der Veranstaltungen hat uns beschäftigt: Wir schnaufen, weil es jede 2. Woche eine abendliche Veranstaltung (mit 50 bis 120 Gästen) gibt und alle 4 bis 6 Wochen am Samstag nachmittag eine Kinder-Veranstaltung. Die wenigsten ausgezeichneten Kollegen stemmen ein solches Programm (oder aber sie zeigen es auf ihrer Homepage nicht an). Dabei haben wir überwiegend etablierte Autoren oder lokale Größen zu Gast, unsere Kunden sind anspruchsvoll und wählerisch, aber weniger experimentierfreudig. Menasse, Vanderbeke, Duve, Prof. Michalsen, Dr. Yael Adler etc etc.. Nicht zu vergessen unsere regelmäßigen Büchertische in den umliegenden Seniorenstiften, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Das ist es also auch nicht, was die Jury wirklich wichtig findet?

Das weiß ich nicht, ich bin ratlos. Wir sind Mitglied im Börsenverein und im entsprechenden Landesverband, wir besorgen jedes entlegene antiquarische Buch, wir haben längere Öffnungszeiten als alle unsere umliegenden Einzelhändler, wir haben eine Einzelhändler-Vereinigung ins Leben gerufen, die Verkaufsoffene Sonntage im Kiez realisiert, wir arbeiten mit VLB-tix und empfangen gut vorbereitet rund 25 Verlagsvertreter pro Saison. Was soll ich noch tun?

Jede Jury ist sich der Kritik bewusst, dass es Kritik nach ihren Entscheidungen geben muss.

Ich würde es aber gerne genauer wissen, wie sie was bewertet, um zu verstehen, was wir ggfs. besser oder anders machen könnten. Dabei würde ich mich natürlich nicht verbiegen, nur um den Preis zu bekommen, aber vielleicht kapiere ich auch, dass ich mir meine jährliche Mühe schenken kann, weil ich die Parameter sowieso niemals erfüllen kann oder werde.

Das vermag ich mir nicht vorzustellen…

… und ich will es mir nicht vorstellen. Wir sind eine wirklich klassische Buchhandlung auf 175 m², die ihre Rechnungen mit Skonto bezahlt, die Mitarbeiter werden ordentlich entlohnt, meine Vermieterin bekommt pünktlich ihre jährlich steigende Miete und unsere Azubine geht gerade nach Frankfurt zum mediacampus. Also alles ist so, wie ich es selber in meiner Ausbildung zur Buchhändlerin 1978 gelernt habe. Vielleicht ist das alles etwas zu „normal“? Wir sind nicht in den hippen Stadtvierteln von Berlin angesiedelt, möglicherweise ein Grund, warum ein langjähriges Berliner Mitglied der Jury uns niemals kontaktiert oder gar besucht hat. Dabei handelt es sich um einen Verlagsvertreter. (Die Vertriebsleiterin in mir bekommt dabei Schnapp-Atmung …)

Die Jury ist neu…

Auch die in diesem Jahr neu zusammengesetzte Jury hat trotz aller gegenteiligen Bekundungen wieder Buchhandlungen ausgezeichnet, die schon in der Vergangenheit den Preis erhalten haben. Diese Kollegen müssen ihren Job also wirklich besonders gut machen. Oder vielleicht ist ihr Bewerbungsschreiben so überzeugend?

Hast Du eine Vermutung was Du falsch gemacht haben könntest?

Die einzige Frage, die ich im Fragebogen negativ beantworte, ist die nach den Sozialen Medien. Wir haben unser Portal bei Facebook geschlossen. Nicht nur, dass wir eine eher überschaubare Wahrnehmung hatten, es ist vielmehr die rechtliche Frage bzw. das beständige widerrechtliche  Vorgehen von Facebook und Co., dem wir uns verweigern. Viele unserer Kunden finden das übrigens richtig. Und wenn ich erlebe, wie oft ein Kunde im Laden eine Bestellung aufgibt und nicht willens ist, mir mehr als seinen Namen zu nennen (oder aber er sagt ich heisse Max Mustermann), dann spüre ich die verständliche Angst der Menschen vor dem Missbrauch ihrer Daten. Wenn also das fehlende Portal in den Sozialen Medien das K.O.-Kriterium für die Beurteilung der Jury ist, dann werde ich damit leben.

Du bist doch aber mit der Schmargendorfer Buchhandlung auch digital unterwegs?

Ja, natürlich. Für rund 600 Interessierte gibt es bei uns den wöchentlichen newsletter Literaturkurier, über dessen Rettung und Fortsetzung ich sehr glücklich bin. Und es ist wirklich erstaunlich, wie aufmerksam dieser newsletter gelesen wird. Ein noch so kleiner Fehler wird vielfach im Laden angesprochen … Das ist mir dann tausend Mal lieber als eine große Zahl anonymer Freunde in den sozialen Medien. Auch unsere Tolino-Sprechstunde erfreut sich guten Zulaufs, gerade die älteren Kunden haben oftmals interessante Fragen, bei denen wir dann auch mal nachdenken oder die Hotline anrufen müssen.

Ist Dein Ärger jetzt verraucht? 

Ehrlich gesagt, nein. Nach drei Jahren erfolgloser Teilnahme bin ich nicht nur ratlos, sondern auch ernsthaft frustriert. Für mich hat dieser Preis die beabsichtigte motivierende Wirkung verloren, solange nicht klar ist, was hier genau bewertet wird und wie die Bewertung zustande kommt. Und wenn ich im Frühjahr im BBL verfolgt habe, wie viele Kollegen ebenso unzufrieden sind wie ich, dann sollte Frau Grütters ihrer Jury vielleicht etwas Transparenz auferlegen. Und nun gibt es ja auch noch einen schönen Verlagspreis, auch dabei sollten die Spielregeln der Bewertung nicht im Dunklen bleiben, sonst ärgern sich diese Kollegen spätestens im 2. Jahr genau so wie ich.

Ärgern könnte man sich derzeit öfter.

Du meinst die Aktion der Stiftung Lesen? Ja, deren Idee, gemeinsam mit Amazon und den Filialisten Thalia und Hugendubel eine Million Bücher zu verschenken, ist aus meiner Sicht mehr als bedauerlich. Es hat mich schon gewundert, daß Amazon in den Stifterrat berufen wurde, aber dass dann dort gleich solche Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, zeugt von fehlender Sensibilität gegenüber dem unabhängigen Buchhandel und großer Ahnungslosigkeit für die Erfordernisse der Leseförderung. Da kann man als stationärer Buchhändler dem Kunden nur immer wieder die Wahrheit sagen: Das ist ein Danaer-Geschenk!

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Kommentare (12)
  1. Ich kann Frau Kahls Enttäuschung verstehen. Man gibt sein Bestes, doch die erhoffte Belohnung – in diesem Fall der Deutsche Buchhandelspreis – bleibt aus. Ähnlich ergeht es Autorinnen und Autoren, die Tag und Nacht an ihrem Manuskript arbeiten, intensiv recherchieren, versuchen das besagte Tüpfelchen auf dem i zu setzen, um es dann doch nicht auf die Bestsellerliste zu schaffen. Diese fragen sich auch: was habe ich falsch gemacht? Ähnliche fragen auch Köche, deren kulinarische Kreationen keinen Stern wert sind oder Maler, deren Bilder keine Galerie ausstellen will. Fazit: Wenn man von der Meinung Dritter abhängig ist, kann man tun oder lassen, was man will. Trifft man nicht zu 100% deren Geschmack, bleibt die Belohnung aus.
    Liebe Frau Kahl, ich drücke Ihnen und Ihrem Team die Daumen, dass es im nächsten Jahr mit der Auszeichnung klappt!

  2. Liebe Frau Kahl,
    danke für Ihre Ehrlichkeit! Ich denke, TRANSPARENZ ist das Zauberwort, an dem mehr als eine Jury zu messen ist, u.a. auch solche Jurys, die beispielsweise im Bereich Kinder- und Jugendbuch (Preisvergabe!) tätig sind. Denn auch da ist die Häufung bekannter Namen auffällig und die Kriterien nicht einsehbar …
    Was den Buchhandelspreis angeht, so empfinde ich diesen als Buchkäuferin hilfreich, was mich nicht im Mindesten davon abhält, nicht-prämierten BuchhändlerInnen zu vertrauen. Wie überhaupt die Kiezbuchhandlung ein zentrales soziales, mediales Bindeglied ist. Auch meine im Prenzlauer Berg.
    I.d.S. ist natürlich auch die Amazon-Aktion mehr als bedauerlich. Lebendige Leseförderung basiert auf Kundenbindung und dem Vertrauen zu den Fachleuten in den Buchhandlungen — von Seiten der KäuferInnen, zu denen auch die Kinder und Jugendlichen selbst zählen (!), von Seiten der Schulen, der Bibliotheken usw. Kundenbindung bei Amazon gibt es nicht; dort ist Bequemlichkeit das Zauberwort und das Buch nur eine Ware unter vielen.
    Die Stiftung Lesen ist schon mehrmals aufgefallen durch m.E. eher werbe- und kommerzorientierten Entscheidungen. Und leider ist in diesem Kontext auch der Interviewschnipsel mit Frau Reichstein/avj nicht begreifbar, die die Aktion ausdrücklich unterstützt — als Vertreterin auch unabhängiger Verlage! Dabei müsste es doch gerade zur Aufgabe der Verbände gehören, Unabhängigkeit und Vielfältigkeit zu unterstützen!
    Glück auf, Frau Kahl und Ihren KollegInnen!
    Heike Brillmann-Ede

  3. Danke für dieses sehr kompetente und unaufgeregte Interview. Wie Frau Kahl geht es wahrscheinlich vielen Kolleginnen und Kollegen. Mutig von ihr, dass sie sich möglicher Schmähungen, wie es sie in den vergangenen Jahren leider immer wieder gab (allerdings hauptsächlich auf Facebook, wo sie klugerweise ja nicht ist), zum Trotz öffentlich so klar äußert.

  4. Liebe Sabine, ein ein sehr interessantes und glaubwürdiges Interwiev; ich kann nur mit Dir und den anderen Kommentatoren/innen hoffen, dass Transparenz eintritt und ggf. einmal die Jury dazu selbst Stellung nimmt. Auf bald, herzlichen Gruß Barbara Steinert

  5. Auch ich kann Frau Kahl komplett verstehen. Es kann eigentlich nicht sein, das steht’s immer wieder die gleichen Buchhandlungen gewinnen. Und man sollte beachten, wie auch im Interview gesagt wird, oft sind es Buchhandlungen mit einem sehr tiefen Sortiment – das funktioniert aber meist nur in Städten, wo es mehrere Buchhandlungen gibt. Und auch das Thema Veranstaltungen- man versucht schon so oft wie möglich individuelle Lesungen zu machen, aber mit drei Leuten Personal und täglich 9h offen, ist auch irgendwann die Arbeitszeit ein Problem.
    Vielleicht sollte es dort noch andere Preiskategorien geben und vielleicht sollten Buchhandlungen die in dem einen Jahr gewinnen, für das nächste Jahr „gesperrt“ sein.

  6. Transparenz ist das Zauberwort! Denn schließlich handelt es sich hier um Steuergelder, die verteilt werden. Das betrifft dann auch die Zusammensetzung der Jury. Das muss nachvollziehbar sein. Und ja, es gibt wohl noch viel mehr als 118 Buchhandlungen, die entsprechende Anerkennungen verdient hätten, aber letztlich ist es dann die Entscheidung der Jury, die darin unabhängig zu sein hat und deren Entscheidungen zu akzeptieren sind. Und auch ich habe meine Enttäuschung herunterschlucken müssen, beim 2. Mal nicht einmal mehr dabei sein zu können, obwohl wir mit den LESEWÜRMERn einen Grundschulvorlesewettbewerb organisieren, an dem jedes jahr über 5.000 Kinder beteiligt sind. Ich hatte mich daraufhin entschlossen, mich nicht mehr zu beteiligen, denn die Zeit ist knapp und die Arbeit immer zu viel. Ich gönne jeder der ausgezeichneten Buchhandlungen Ihren Preis, denn jede hat auf ihre Weise als Kulturtankstelle vor Ort agiert.

  7. Liebe Frau Kahl, vielen Dank und Hochachtung für Ihre offenen und klaren Worte und aber auch zu Ihrem Engagement! Ich war auch frustriert, im 4. Anlauf ohne Erfolg – obwohl ich von vielen Seiten Bestätigung und Ermutigung bekam, mich wieder zu bewerben. Jedoch, wenn ich nun lese, was Sie alles machen und stemmen, muß ich nicht weiter frustriert sein – höchstens ob der Ignoranz der Jury solchen Buchhänder*innen wie Sie es sind und ohne Beachtung bleiben! Und ja – Transparenz über die Bewertung der Kriterien – würde dem Preis für die Zukunft sehr gut tun! HG SusAbö

  8. Sehr informatives und wirklich tolles Interview. Auch wir wünschen uns deutlich mehr Transparenz – vielleicht kristallisiert sich dann wirklcih heraus, dass wir grundsätzlich nicht in das Konzept des Deutschen Buchpreises passen. Denn sehr gute Arbeit mit viel Engagment und Kreativität leisten wir alle jeden Tag sehr gern!

  9. Liebe Frau Kahl,
    bravo für Ihre offenen Worte und ich kann Ihre Enttäuschung bestens nachvollziehen – ich war es auch als ich Sie und ihre wunderbare Buchhandlung nicht auf der Liste der ausgezeichneten Buchhandlungen Berlins habe finden können! Ich dachte mir das kann doch nicht, dass so ein Juwel übersehen / übergangen wurde und ein klein wenig hatte ich gehofft, Sie hätten sich vielleicht gar nicht erst beworben. Es ärgert mich jetzt umso mehr, weil ich weiss welchen Aufwand und wie viel Herzblut in Sie und ihr Team Tag für Tag, Woche um Woche in diese grossartige Buchhandlung stecken! Ich werde diesen zauberhaften Morgen mit Ihnen vor gut drei Wochen nicht vergessen (und auch den empfohlenen Besuch im Botanischen Garten und den Marsch dorthin – toll war das. Tausend Dank für den Tipp!). Ein grosses Bravo Ihnen und ihrem ganzen tollen Team und jetzt erst recht weiter so! Auf hoffentlich bald einmal wieder in ihrer Schmargendorfer Buchhandlung. Ihre Ba

  10. Liebe Frau Kahl, wie Sie frage ich mich nun auch schon zum wiederholten Male soll ich mich wieder bewerben? Wonach entscheidet die Jury? Wird beispielsweise in Relation gesetzt mit wieviel Personal, welche finanzielle Mittel, was ist überhaupt möglich zu stemmen. Ich mache nicht viele Lesungen, dafür aber das ganze Jahr mit allen Klassen dreier Grundschulen die Lesekofferaktion, befülle 350 Lesetüten und engagiere mich zum Welttag des Buches mit 350 Verschenkbüchern. Beliefere 4 Grundschulen, zwei Gemeinschaftsschulen, eine Förderschule und ein Gymnasium mit Schulbüchern. Und stemme die alles ganz Allein, ich bin Bote, Putzfrau und Sortimenterin in Personalunion, habe von 9.00 bis 19.00 und Samstag von 9.00 bis 14.00 geöffnet. Mehr geht nicht. Mein Trost – , wenn schon kein Buchhandelspreis und damit das uns allen gutbekommende Preisgeld (mit dem man dann im kommenden Buchhandeslpreisjahr wieder punkten kann) so doch Lob und Annerkennung von meinen Kunden.

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