Anne Rüffer über ihre 20 Jahre als Verlegerin von rüffer & rub „Solange nicht auf alle brennenden Fragen eine Antwort da ist, werden wir weiter Bücher machen“

In diesen Tagen blickt Anne Rüffer zurück auf 20 Jahre ihres Verlages rüffer & rub –  das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit der Schweizer Verlegerin:

Anne Rüffer: „Bücher machen glücklich! Und wenn man sie noch selber machen kann, machen sie doppelt glücklich“ (c) Lali Mazell

Wie fing es denn an? Gab es einen konkreten Anlass, einen Verlag zu gründen? Oder hast Du gedacht, mit Büchern kann man Geld verdienen?

Anne Rüffer: Im Gegenteil, mir ging es um meine Themen.

Und welche waren das?

Als Journalistin habe ich damals Langzeitreportagen geschrieben zu Themen wie Schizophrenie oder auch Kinder- und Jugendsuizid und hatte immer viel mehr Material, als ich im Artikel unterbringen konnte. Die Geschichten waren derart intensiv und relevant, dass ich fand, sie brauchen mehr Platz. Und was eignet sich besser, um sich mit so schwierigen Themen zu beschäftigen, als ein fundiertes, emotional packendes Buch?

Mit welchem Buch bist Du eigentlich gestartet? 

Wir hatten das grosse Glück, dass einer der bekanntesten Schweizer Regisseure, der den bis heute erforgreichsten Schweizer Film, »Die Schweizermacher«, gedreht hat. Seine Erfahrung mit einer schweren Depression hattte er niedergeschrieben und uns das Manukkript gegeben. Das war Rolf Lyssy, der sich damit in meinen Background mit Themen aus dem sozialen und medizinischen Bereich einfügte, verpackt in einer ungeheuer spannenden Lebensgeschichte. Dieses war ein fulminanter Start. Rolf Lyssy hat unglaublich viele Zuschriften bekommen, unzählige Lesungen absolviert, auch in Deutschland. 

Welche Projekte haben Dich denn in diesen 20 Jahren am meisten begeistert ? 

Das ist eine ganz fiese Frage, denn jeder Autor, den ich jetzt nicht nenne, könnte beleidigt sein?

Das meinst Du nicht ernst?

Stimmt, die kennen mich so gut, dass sie nicht beleidigt sind. Ich denke, es sind Bücher, die einem nahegehen, wenn man auch die Schicksale kennt. Mit grosser Anteilnahme bespielsweise habe ich das Buch von Ursulula Eichenberger herausgebracht, »Tag für Tag«, in dem sechs Kinder, die alle wissen, dass sie nur eine begrenzte Lebenszeit haben, von ihren Träumen, Wünschen und Vorstellungen erzählen. Daraus sind dann später auch zwei Dokumentarfilme entstanden, die ich als Autorin gemacht hatte – ich habe nebst der Arbeit für die Weltwoche auch für das Schweizer Fernsehen Dokumentarfilme zusammen mit dem Regisseur Stascha Bader gedreht. Dies hat sich gegenseitig sehr befruchtet; einerseits half mir die Erfahrung des Schreibens von Manuskripten für Filme und andereseits gab es die Themen im Verlag, die dafür geeignet waren, als Dokumentarfilme umgesetzt zu werden. Das war eine fantastische Koinzidenz.

Der Schwerpunkt Deines Programms liegt auf Sachbüchern zu Zeitfragen, Kunst, Kultur oder auch Medizin. Wie machst Du diese Themen publikumsfähig?

Die Bücher gehen immer von einer Fragestellung aus, diese muss so stark sein, dass sie einen grösseren Kreis betrifft, beispielsweise: Wie gehe ich damit um, wenn ich die Diagnose Demenz bekomme? Oder: Was, wenn ich eine Kunstsammlung geerbt habe und gar nicht weiss, wie das zu handhaben ist? Solange wir eine gute Frage, über ein Projekt stellen können, sozusagen als Klammer, und sie uns selber interssiert, gehen wir davon aus, dass wir damit ein Publikum ansprechen können. Das können auch Fragen sein, die einem an die Nieren gehen, zum Beispiel: Wie gehe ich als Mutter mit dem Wissen um, dass mein Kind bald sterben wird – und ich es doch noch  zu einer Behandlung motivieren muss? So, wie das Regula Meier mit ihrer 8-jährigen Tochter Marina durchstehen musste; diese Frau hat eine unglaubliche Kraft an den Tag gelegt und viel zur Frage: Wie kann ich einem Kind, das unheilbar Krank ist, das Leben erträglich machen? Ober bei Biografien: Was gab einer Person den Anstoss, aktiv zu werden? Wie kam zum Beispiel Monika Hauser dazu, in den Kosovo zu gehen und kriegstraumatisierten Frauen zu helfen? Was ist die innere Motivation, wie ticken diese Menschen? Das sind Schicksale, die exemplarisch viele Menschen motivieren, trösten oder ihnen etwas mitgeben können.

Seit dem Frühjahr 2018 gibt es bei Euch auch literarische Titel. Wie ist das angekommen?

Durch Klick auf Foto mehr zum Programm

Ich hatte geschworen, nie im Leben literarische Bücher zu machen!  Damit bewahrheitet sich wohl »Never say never again«. Das hat damit zu tun, dass Autoren von uns eben auch literarisch schreiben und uns ihre Texte gezeigt haben, die mich sehr begeistert haben, aber noch war ich nicht so weit, diese auch herauszubringen. Und dann kam es, dass Karl Rühmann, mit dem wir auf einer anderen Ebene ganz eng zusammengearbeitet haben (er war Agent für Fremdsprachenlizenzen), einen Roman verfasst hatte, den einer der renommiertesten deutschen Verlage ins Programm aufnehmen wollte, vom Autor aber ständig Umarbeitungen wünschte. Ich weiss nicht, wie viele Versionen entstanden, jedenfalls war er zutiefst unglücklich und fragte mich, ob ich mir den Roman nicht mal anschauen wolle und welche Version er mir geben solle. Ich sagte: Nur deine, deine ursprüngliche. Ich habe das Buch gelesen, »Glasmurmeln, ziegelrot« heisst es heute. Ich war fasziniert und habe überhaupt nicht verstanden, dass man das nicht grossartig finden kann. Der nächste Gedanke: Wir können Bücher machen, wir sind sorgfältig, dann werden wir auch literarische Bücher betreuen können. Und nachdem das ganze Team zugestimmt hat, haben wir es gewagt und sind nach wie vor alle begeistert. Wir haben gerade den zweiten Roman von Karl Rühmann herausgebracht, »Der Held«, und hoffen, damit auch wichtige literarische Bücher einem breiten Publikum vorstellen zu können. Wir treten keineswegs gegen literarische Verlage an. Ich möchte es auch vorläufig beschränken auf Texte unserer bestehenden Autoren oder Leuten, mit denen wir schon enger zu tun haben.

Wie bringst Du Deine „Nebentätigkeiten“ als Autorin oder als  Jurymitglied  des Right Livelihood Awards unter einen Hut?  

Eigentlich ohne Probleme, das hat ja alles sehr intensiv miteinander zu tun. Gerade der Right Livelihood Award, besser bekannt als der Alternative Nobelpreis, vertritt die gleichen Werte, wie wir in unseren Büchern. Wir kümmern uns um praktikable Lösungen für die drängenden Fragen unserer Zeit. Daher unser Slogan »Sachbücher zu Fragen, die Antworten verdienen«, und die Menschen, die den Alternativen Nobelpreis bekommen, haben genau diese Antworten, diese Lösungen anzubieten. Das ist quasi eins zu eins, als würden wir schon immer zusammengehören. Die eherenamtliche Jury-Tätigkeit, wie auch das Präsidium der Schweizer Right-Livelihood-Stiftung, bringt mich mit Menschen in Kontakt, denen ich vermutlich nicht so unmittelbar begegnen könnte und erlaubt mir ein Wissen über Dinge – egal, ob diese nun in Bangladesh passieren oder Nigeria oder Afghanistan erprobt werden –, das ungeheuer wertvoll ist auch für unsere zentraleuropäische Lebenssituation. Ich bin mir sicher, daraus wird noch viel Befruchtendes entstehen. Wir haben ja auch schon Bücher von Trägern des Alternativen Nobelpreises im Programm, neben der bereist erwähnten Monika Hauser sind das Tony Rinaudo, bekannt als »Der Waldmacher«, der den Preis 2018 bekommen hat und, darauf bin ich besonders solz, Hans Herren, der erste Schweizer Preisträger, der die Stiftung Biovision gegründet hat und die brennende Frage beantwortet: Wie ernähren wir die Welt? Und zwar auf eine so einleuchtende Weise, dass man sich nur fragen kann, wieso das nicht schon lange so passiert. Damit Change möglich werden kann, strengen wir uns an, diese Bücher in unserer Reihe »visionär« einem breiten Publikum näherzubringen.

Und Deine Pläne für die nächsten 20 Jahre rüffer & rub?

Beim 40jährigen Jubiäum wäre ich ja erst 83 – ja das könnte durchaus hinhauen… Ich glaube, das ist ganz einfach zu beantworten: Solange nicht auf alle brennenden Fragen eine Antwort da ist, werden wir weiter Bücher machen. 

Was ist denn Deine Triebfeder? 

Beim Büchermachen erschliessen sich einem total neue Welten auf sehr fundierte Weise, ohne dass man noch ein Studium absolvieren muss oder ohne dass man sich 20 Jahre Praxiserfahrung aneignen muss. Das können Bücher, die eröffnen mir die Möglichkeit, mich in bisher unbekannte Welten zu vertiefen und daraus Schlüsse zu ziehen für mein eigenes Leben. Das können sicher auch Filme leisten, aber Bücher ganz besonders. Abgesehen davon: Ich kann gar nichts anderes, und wäre wohl auch zu alt, um noch was anders anzufangen.

Gibt es Bücher, die Du nicht mehr verlegen würdest?

Ja, die gibt es. Meistens ist das Kriterium ja der Verkaufserfolg. Der ist für mich – jetzt schreien alle Finanzleute laut auf, und drum haben wir auch keinen (lacht) – ein Argument an dritter, vierter Stelle; weil auch ein Buch, von dem sich nur 400, 500 Exemplare verkaufen, seinen Wert hat, wenn die Qualität stimmt, der Inhalt, die Ästhetik, dann hat es auch mit 400 Lesern seinen Zweck erfüllt. 

Welchen Maßstab legst Du eigentlich an Buchprojekte an?

Ich komme nochmals zurück auf dieses Buch von der Mutter, deren Kind starb. Das ist kein Buch, das ich mitbringe, wenn ich irgenwo eingeladen bin, weil ich überhaupt nicht weiss, welche Themen in dieser Familie virulent sind oder welche Dramen stattfinden, damit möchte ich niemanden überfordern. Auch das Buch mit den kriegstraumatisierten Frauen bringe ich niemandem mit, wenn ich nicht weiss, wie dieser Mensch dazu steht. Aber die, die bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen, die finden wir, und umgekehrt finden die uns, und das rechtfertigt jedes dieser Bücher. Darum ist auch der Verkaufserfolg nachgeordnet. Ich wehre mich natürlich nicht dagegen, auf keinen Fall, und ich sage auch nicht, dass Bücher, die supererfolgreich sind, nicht auch ethische Werte beinhalten können. Wenn es mal zusammenkommt, wie bei Rolf Lyssy, das ist dann der Jackpot. Und den würde ich ganz gerne noch ein paarmal gewinnen, keine Frage. Aber wir kommen durch, und das ist mir wichtiger als das sogenannte strategische Bücher zu machen, ich glaube, da bin ich die falsche Person dafür.

Im Rückblick: Würdest Du heute noch einmal einen Verlag gründen?

Absolut und auf jeden Fall und zwar mit genau dem gleichen Team, das schon lange dabei ist und treu ist und grossartige Menschen sind, die das mittragen und die, was ich immer sage, vielleicht schon nicht mehr hören können: Bücher machen glücklich! Und wenn man sie noch selber machen kann, machen sie doppelt glücklich. 

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.