Das Sonntagsgespräch Tullio Aurelio über die Arbeit mit nur einem einzigen Autoren und den Zwang zur Neuerscheinung

Tullio Aurelio mit seinem Kleinen Prinzen

Im Herbst 1971 ist er aus dem tiefsten Süden Italiens nach Deutschland gekommen. Eigentlich nur im Rahmen seines Studiums. „Leider oder Gott sei Dank“ sei er dann hier geblieben. Gott sei Dank, sagt die Verlagswelt. Dreißig Jahre hat er bei Patmos verbracht und das dortige Wachstum begleitet. Heute ist er Verlagsleiter bei Karl Rauch.

Tullio Aurelio denkt im Gespräch mit buchmarkt.de über sein Verhältnis zu seinem einzigen Autor nach, bedauert den Zwang zur ständigen Neuerscheinung und sieht den Buchhandel kritisch.

buchmarkt.de: Herr Aurelio, Ihre gesamte Tätigkeit dreht sich inzwischen nur noch um einen einzigen Autor: Antoine de Saint-Exupéry. Wie ist das, Verleger eines einzigen Autors zu sein?

Tullio Aurelio: Ach ja, was das bedeutet, Verleger für einen einzigen Autor zu sein … Zunächst einmal bin ich gar kein Verleger. Verleger – sagte ein Verleger – ist der, der Geld hat. Gemeint war natürlich, das Geld, das er in den Verlag investiert hatte. Der Verleger ist also der Eigentümer.

buchmarkt.de: Wie sollen wir Sie denn dann nennen?

Tullio Aurelio: Ich nannte mich auch bei Patmos nicht „Verleger“, sondern „Verlagsleiter“.

buchmarkt.de: Und wie ist es, „Verlagsleiter“ für einen Verlag mit einem einzigen Autoren zu sein?

Tullio Aurelio: Der Sprung vom einem Verlag wie Patmos mit über zweitausend Produkten und mindestens genauso vielen, wenn nicht zweimal so vielen Autoren, zu Karl Rauch mit einem einzigen Autor ist selbstredend groß. Aber immerhin kleiner als ein Sprung ins Nichts. Immerhin kann ich für eine gewisse Zeit den alten Rhythmus beibehalten, morgens nach Düsseldorf ins Büro fahren, der gewohnten Tätigkeit nachgehen.

Peter Bagel, der Haupteigentümer des Karl Rauch Verlags, hatte mir vor etlichen Jahren versprochen, mir seinen kleinen Verlag anzuvertrauen, wenn ich irgendwann nicht mehr bei Patmos sein sollte. Um mir den Sprung ins Nichts zu ersparen…

Das ist nun Ende 2007 geschehen. Man setzt sich kleiner, der Sturz wird abgefedert, und man hat den Eindruck, man ist weiterhin im selben Beruf wie früher, hat was zu tun und sitzt nicht nur zu Hause bei Kreuzworträtsel und Sudoku.

buchmarkt.de: Trotzdem ist der Alltag sicher anders als bei Patmos. Das Verleger-, Verzeihung: Verlagsleiter/Autorenverhältnis war dort wohl ein anderes …

Tullio Aurelio: Ja, das ist eigentümlich. Früher bei Patmos habe ich gern mit den Autoren gesprochen, oft inhaltlich mitgeredet und auch gestritten. Mit meinem jetzigen Autor ist das etwas schwieriger. Ich kenne ihn eigentlich gut, habe fast alles von ihm gelesen, einiges mehrmals. Andersherum kennt er mich gar nicht. Ein Dialog mit ihm kommt nicht kaum zustande. Fragen, wie er das eine oder andere gemeint hat, beantwortet er nicht.

buchmarkt.de: Und er schreibt nichts Neues…

Tullio Aurelio: Nein. Da kommt nichts mehr. Irgendwann hat er einen Weltbestseller geschrieben, und darauf ruht er sich aus. Seinen und unseren Kleinen Prinzen. Der Verlag lebt von ihm. Nicht unbedingt von den anderen Werken von Saint-Exupéry, sondern eher vom Kleinen Prinzen.

buchmarkt.de: Ist das auf Dauer nicht langweilig?

Tullio Aurelio: Es ist nichts Anstößiges, von einem Buch zu leben. Den Kleinen Prinzen aber nur nachzudrucken, ist längerfristig nicht nur langweilig, sondern auch gefährlich. Die Absätze gehen auf diese Weise kontinuierlich zurück. Der Buchhandel heute erwartet von den Verlagen Novitäten und kauft nur Novitäten ein. Also muss man ab und zu neue Ausgaben vom Kleinen Prinzen machen, andere Formate nutzen oder einfach einen neuen Umschlag drum herum machen. Das wirkt bereits, denn ein neuer Umschlag bedeutet eine Novität und Novitäten werden heute ja noch eingekauft.

Aber der Verlag sieht es auch als seine Aufgabe an, auch die anderen Werke des Autors auf dem Markt zu halten. Was dem Verlag, sprich dem Verleger bzw. Geldgeber, keinesfalls unmittelbar eine bessere Rendite bringt.

buchmarkt.de: Es erstaunt immer wieder, dass Ihr Konzept, sich auf einen einzigen Autor zu konzentrieren, zu funktionieren scheint. Wie geht das?

Tullio Aurelio: Wenn der einzige, auch noch verstorbene Autor keinen Best- oder Longseller hinterlassen hat, hat es wenig Sinn, mit ihm überhaupt zu tun haben zu wollen. Und wenn er noch so gut war. Man kann selbst seine Werke lesen, man muss sie aber nicht nachdrucken oder sogar periodisch neu einkleiden. Es reicht, in die Bibliothek zu gehen, um sie zu lesen.

Hat er irgendwann bedeutende Werke hinterlassen, dann macht es Sinn, sie nachzudrucken und für die Nachwelt zu pflegen.

buchmarkt.de: Saint-Exupéry hat auch heute noch eine treue Fan-Gemeinde.

Tullio Aurelio: Es sind die treuen Fans Saint-Exupérys, die am liebsten den Verlag zwingen würden, nichts, ja keinen Satz, ja kein Wort an einem seiner Werke zu verändern. Am liebsten soll der Verlag die alten Umschläge weiter benutzen und die alte Schrift. Der Buchhandel will es aber anders. In diesem Spagat lebe ich nun glücklich und zufrieden.

buchmarkt.de: Aber Sie bringen doch neu gestaltete Ausgaben auf den Markt. Warum das, wenn Ihre treuesten Leser das gar nicht wollen?

Tullio Aurelio: Als seine anderen Werken vor etwa 10 Jahren neu aufgelegt wurden – neuer Satz und neuer Umschlag –, wurden von einigen wieder Tausende von Exemplaren verkauft. Da der Absatz seither stetig zurückgegangen ist, lege ich die Bücher wieder neu auf. Sie sehen nun besser aus – moderner natürlich, aber nicht nur –, und ich hoffe, dass der Buchhandel sich um sie bemüht, wenn das Wort für den Buchhandel noch angebracht ist.

buchmarkt.de: Sie scheinen den Buchhandel sehr kritisch zu sehen.

Tullio Aurelio: Ich bin selbst sehr gespannt, denn die Welt des Buchhandels hat sich ja bekanntlich sehr verändert. Sie wartet jedes Jahr auf die Neuerscheinung von Eragon oder Harry oder Potter. Bücher wie Wind, Sand und Sterne oder Die Stadt in der Wüste sind voller Bilder, die man aber nur geistig sehen kann, und voller Symbole, die die Fantasie anregen. Aber diese Art von Fantasie scheint heute nicht mehr sehr attraktiv zu sein.

buchmarkt.de: Saint-Exupéry kann auf diese Entwicklung wohl nicht mehr reagiern …

Tullio Aurelio: Leider nicht. Aber Gott sei Dank konnten wir die gegenwärtige Schreibfaulheit unseres einzigen Autors kurzfristig überlisten. Einige noch nicht veröffentlichte Schriften von ihm wurden entdeckt und wir konnten mit echten Novitäten des Autors auftrumpfen. Manon und Der Pilot und der Mensch erblickten dieses Jahr das Licht der deutschen Welt. Mal sehen, wie diese posthume Geburt von der Presse und vom Buchhandel gefeiert wird.

buchmarkt.de: Was sind denn Ihre ersten Eindrücke? Wie nimmt der Handel die Titel auf?

Tullio Aurelio: Bei der Vorstellung von Manon im Buchhandel durch einen Vertreter fragte eine junge Buchhändlerin, ob Saint-Exupéry ein neues Kinderbuch geschrieben hätte. Ansonsten sind die Anfänge nicht schlecht. Wir bauen ja für die Ewigkeit. In Bayern 2 wird am 28. April der ganze Text von Manon von Juliane Köhler gelesen. Für die, die Bayern 2 empfangen: Es beginnt um 21:30 und dauert 50 Minuten.
Danach werden dann alle Buchhandlungen in Bayern dieses Buch massenhaft bestellen, und wir werden gezwungen sein nachzudrucken.

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