Er hat den Sinn für sprachliche Schönheit Guntram Vesper und sein schriftstellerischer Mut

Für sein opus magnum Frohburg erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse und den Erich-Loest-Preis, nun erscheint  ein Band  mit gesammelter Prosa von Guntram Vesper unter dem Titel Nördlich der Liebe und Südlich des Hasses (Schöffling&Co).

Wiebke Porombka schrieb dazu in der Zeit:

„Das Werk von Guntram Vesper (…) ist zweifelsohne ein eminent konsequentes und unkorrumpierbares Beispiel für den Versuch, durch Erzählen, Sammeln, Wiederholen, Variieren und Ergänzen eines Reservoirs von Geschichten irgendwann zum Unverbrüchlichen vorzudringen“

Dieses Verfahren zeigt sich auch im neuen Band. 1941 in der sächsischen Kleinstadt Frohburg geboren, kam Guntram Vesper 1957 über Berlin in die Bundesrepublik. 1967 las er auf der letzten Tagung der Gruppe 47.  Sein umfangreiches Werk umfasst Prosa, Gedichte, Essays und Hörspiele. Er lebt als Schriftsteller in Göttingen.

BuchMarkt: Der neue Band Nördlich der Liebe und südlich des Hasses versammelt Prosastücke. Was findet sich in diesem Band?

Guntram Vesper: „Schon während der Vorgegspräche zu Frohburg ließ mein Verleger Klaus Schöffling die Absicht anklingen, innerhalb von drei Jahren eine Art Gesamtausgabe herauszubringen“

Guntram Vesper: Das Buch, fast 700 Seiten, versammelt Prosaarbeiten aus mehreren Jahrzehnten. Der jüngste Text ist 2015/2016 geschrieben worden, der früheste stammt aus der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, ich war Mitte zwanzig. Es geht also um ein Schriftstellerleben, das sich abbildet, aber auch um die politischen, gesellschaftlichen und ästhetischen Entwicklungen im Land – ich habe beim Korrekturlesen selbst gestaunt.

Worum geht es in den Texten?

Der Band ist in drei Teile gegliedert. Der erste Abschnitt, Kriegerdenkmal ganz hinten, ließe sich als meine Sturm-und Drang-Zeit bezeichnen, aber heruntergekühlt, ein Laboratorium mit Versuchsketten aus dem Material Sprache. Im zweiten Teil, Nördlich der Liebe und südlich des Hasses, den ich Roman nennen möchte, wird mein Zugriff auf Themen umfassender und lässt auch Gefühle zu, Angst,Hass, Liebe. Und der dritte Teil, Dunkelkammer überschrieben, gibt die Arbeiten wieder, die in den letzten Jahren in winzigsten Auflagen gedruckt wurden und kaum zu finden sind, ich habe mich dort zeitweise in bewusster Abkehr vom Betrieb für Stendhals happy few entschieden. Die Texte da sind also erst jetzt richtig greifbar für die Leser.

Wie kam es zu diesem Buch?

Durch Klick aufs Cover geht’s zum Buch

Ein alter Wunsch von mir. Über Jahre waren weder Kriegerdenkmal noch Nördlich in den Buchhandlungen erhältlich. Aber schon während der Vorgespräche zu Frohburg ließ mein Verleger Klaus Schöffling die Absicht anklingen, innerhalb von drei Jahren eine Art Gesamtausgabe herauszubringen.

Wie ist es, sich nach Jahren (Jahrzehnten) noch einmal mit den eigenen Texten auseinanderzusetzen?

Ich habe wirklich gestaunt. Ich lese ja nicht dauernd die frühen Bücher. Beim Korrekturlesen mit ihnen konfrontiert, staunte ich darüber, was möglich war und was heute möglich ist oder wäre. Damals: schriftstellerischer Mut, Zugriffszuversicht, Betonung des Eigenen, der Eigenständigkeit; später: Zunahme an Darstellungsfähigkeit, Sinn für sprachliche Schönheit, für den Fluss der Sätze. Gleichgeblieben sind die Vorliebe für originelle Inhalte, für Neuigkeiten, Seltsames, für Aberwitz und für die Anekdote im Kleistschen Sinn.

Waren Sie versucht, Dinge neu/anders zu schreiben?

Ja, war ich. Aber aus Erfahrung weiß ich auch, dass das in der Regel keinen Sinn hat, ich mache es nur in ganz seltenen Fällen und dann mit gemischten Gefühlen. Auch ein winziges Stück Gedrucktes ist ja ein Dokument.

Mit Ihrem Roman Frohburg haben Sie im vergangenen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Jetzt kommt wieder ein Prosaband.Was ist mit der Lyrik?

Wie schon gesagt, es gibt einen Dreisprung: 2016 Frohburg, jetzt die Prosa und 2018 die Lyrik.

Haben Sie immer schon beides geschrieben?

Ich habe mit Gedichten und mit Prosa angefangen und bin dabei geblieben.

Verstehen Sie sich eher als Lyriker oder als Prosaschriftsteller?

Als beides, unbedingt. Wenn der Schwerpunkt auch wechseln kann.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Vorläufer und Komplettierung von Frohburg. Oder auch: Zwilling, mit eigenem Gesicht, der jetzt nur ein bisschen später ausschlüpft als der dicke Roman. Die Vaterschaft ist gleich.

Welche Leserschaft soll angesprochen werden? In welchem literarischen Umfeld kann der Buchhändler das  Buch sinnvoll platzieren?

Ich möchte mich mit dem Band in den Reigen der Neuerscheinungen einreihen, vor allem wegen des umfangreichen dritten Teils; die beiden vorhergehenden Abschnitte leiten auf ihn hin, eine Entwicklungslinie wird deutlich, hin zu den drei Millionen Anschlägen, die ich in den letzten zehn, zwölf Jahren, Frohburg eingeschlossen, in meinen Rechner getippt habe. Ich würde mir wünschen, dass meine Bücher für jeden Leser etwas bieten, aber es ist sicher eine literarische Leserschaft, die meine Texte liest.

Und persönlich? Was lesen Sie da am liebsten?

Unser Esstisch, an dem ich seit Jahren lieber schreibe als in meinem Arbeitszimmer, ist umgeben, um nicht  zu sagen umzingelt von Bücherstößen, die hinter mir auf dem Fußboden sitzen und immer näher heranrücken, manchmal kann ich den Stuhl kaum zurückschieben. Ich lese ALLES. Auch ein schlechtes oder nicht so gutes Buch kann etwas bringen, man weiß das nie vorher. Erst blättern, dann anlesen, dann durchlesen. So geht das bei mir. Früher habe ich gesagt, wenn ich mich entscheiden müsste zwischen Lesen und Schreiben, würde ich mich für das Lesen entscheiden. Inzwischen bin ich nicht mehr so sicher. Halbe:halbe, denke ich jetzt. Zu sehr ist das Schreiben eine Lebenshaltung geworden, mein Reichtum der Nächte, wenn ich so sagen darf.

Und woran arbeiten Sie aktuell?

Tagebuch open end. Gedichtzyklus; Thema Zeitgeschichte/Gegenwart, es kann nicht anders sein. Schüsse im Erzgebirgsdorf Clausnitz 1954 und der Flüchtlingsbus Reisegenuß vom vergangenen Jahr, ich mittendrin.

In der vergangenen Woche sprachen wir mit Cassandra Clare über das Magische im Alltäglichen.

 

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