Das Sonntagsgespräch Sabine Scholl über ihre Arbeit als Jurorin des Internationalen Literaturpreises

Sabine Scholl

Immer freitags hier ein Autorengespräch: Diesmal mit Sabine Scholl (Foto), die als Jurorin für den ILP Internationaler Literaturpreis tätig ist.

Am 14. Juni wird der Preisträger ILP bekanntgegeben. Am 25. Juni treffen sich die sechs Autoren der Shortlist und ihre Übersetzer zum „Fest der Shortlist“ im Haus der Kulturen der Welt: Joanna Bator/Lisa Palmes (Dunkel, fast Nacht), Alexander Ilitschewski/Andreas Tretner (Der Perser), Johannes Anyuru/Paul Berf (Ein Sturm wehte vom Paradiese her), Valeria Luiselli/Dagmar Ploetz (Die Geschichte meiner Zähne), Shumona Sinha/Lena Müller (Erschlagt die Armen),Ivan Vladislavić/Thomas Brückner (Double Negative). Dann wird auch die Auszeichnung an das Preisträger-Duo verliehen. Wir sprachen mit Schriftstellerin und Essayistin.Sabine Scholl über ihre Arbeit als Jurorin. Zuletzt erschien ihr Roman Die Füchsin spricht im Verlag Secession.

Deutschsprachige Verlage haben in diesem Jahr 151 Titel, übersetzt aus 31 Sprachen, für den ILP eingereicht. Aus der Fülle der Kandidaten hat die siebenköpfige Jury sechs Titel für die Shortlist ausgewählt. Eine Herausforderung. Wie viele Bücher haben Sie für den ILP gelesen?

Sabine Scholl: Ich zähle nicht mit, denn der Lesevorgang erfolgt in mehreren Schritten. Manche Bücher habe ich – aus Interesse oder auf Verdacht hin – schon gelesen, bevor die Liste der Einreichungen komplett ist. Manche lese ich bereits vor der ersten Jury-Sitzung, um mir eine Meinung zu bilden, ob der Titel auf der Liste bleiben soll oder nicht. Schließlich erhält jeder Juror während der ersten Sitzung an die 20 Bücher zugewiesen bzw. wählt sie selbst und erstellt nach Lektüre eine Favoritenliste von vier bis fünf Büchern. Sobald sich Vorlieben der anderen Juroren – wir kommunizieren währenddessen schriftlich – herauskristallisieren, beginne ich auch diese Titel zu lesen, um mich für die zweite Auswahlsitzung vorzubereiten, bei der über die Shortlist entschieden wird. Und steht die Shortlist, lese ich diese Bücher erneut, um herauszufinden, welches meiner Meinung nach den Preis erhalten soll.

Können die Jurymitglieder zusätzlich Titel einbringen, die ihnen selbst am Herzen liegen?

Ja, das ist möglich.

Wie läuft die Juryarbeit ab?

Idealerweise werden zu jedem gelesenen Titel kurze Statements verfasst, auch für die abgelehnten, damit die Mitjuroren den Entscheidungsprozess nachvollziehen und eventuell Einspruch erheben können. Schließlich steht es jedem Juror frei zu den von anderen favorisierten Titeln ebenfalls Gutachten zu verfassen und vorerst schriftlich in die Diskussion einzutreten. Meist ist sehr spannend zu beobachten, wie sich die Einschätzungen bereits in diesem Arbeitsschritt auf manche Bücher konzentrieren. Danach kommt es zur Live-Diskussion um die Shortlist, die meist sehr heftig, aber auch anregend, oft sogar lustig verläuft. Am schwierigsten ist die endgültige Entscheidung für die Preisvergabe. Einigt man sich nicht aufgrund von Argumenten, kann auch abgestimmt werden.

Welche Titel können die Verlage einreichen und nach welchen Kriterien beurteilt die Jury die Bücher?

Die eingereichten Titel müssen Werke der internationalen, zeitgenössischen erzählenden Literatur sein, innerhalb der letzten zehn Jahre in Originalsprache erschienen sein, zwischen Frühjahr des Vorjahres und Frühjahr des aktuellen Preisjahres in deutscher Erstübersetzung erschienen sein oder erscheinen.
Für meine eigene Lektüre trug ich – durch Selbstbeobachtung – folgende Kriterien zusammen: Konstruktion, Schlüssigkeit, Spannungsbogen, Figurenaufbau, Motivation, Erzähltechniken, inhaltliche, sprachliche und formale Innovation.

Was bedeutet das konkret?

Wie wird Faktenwissen aus Geschichte, Politik, Wissenschaft etc. eingearbeitet? Wie steht es um die realpolitische Aktualität? Wird der Text gegebenenfalls mit Wissen überladen? Zeigt er eine vielfältige Welt oder bleibt er auf ein Milieu beschränkt? Der Lesevorgang ist jedoch nicht nur analytisch geprägt, wichtig ist auch, ob und wie ein Text nachwirkt. Wie verändert das Buch den Leser? Was bleibt nach drei Tagen als Eindruck haften? Was nach drei Wochen? Bei der Vergabe eines Preises für Internationale Literatur sollte zusätzlich Globalgeschichtliches bedacht werden.

Zu diesen Kriterien kommt die Bewertung der Qualität der Übersetzung. Und obwohl bei sieben Juroren aus verschiedenen Bereichen des Literaturbetriebs klar ist, dass es verschiedene Meinungen gibt, einigt man sich aufgrund von Argumenten, die sich auf den literarischen Gehalt eines Textes beziehen, doch erstaunlich oft. In den letzten Jahren wurde zudem eine Auflösung der traditionellen Genrezuordnungen deutlich, was die Einschätzungen nicht gerade vereinfachte. Diese formale Offenheit vieler Einreichungen erfordert Offenheit auch von der Jury.

Die Vermittlungsarbeit des Übersetzers ist ein wichtiges Kriterium des ILP. Nach welchen Kriterien bewerten Sie die Arbeit der Übersetzer?

An erster Stelle steht die Lesbarkeit. Das heißt, die Übersetzungsarbeit bleibt im Idealfall unsichtbar und der Text lässt sich ohne Stolpern rezipieren, weil sich die Sprache (wie) natürlich und flüssig anfühlt. Bei reinen Erzähltexten, wie z.B. Krimis gelingt das meist problemlos. Sobald Sprache auch als Material eingesetzt wird, oder der Autor mit Anspielungen auf andere literarische Werke hantiert, geht die Arbeit des Übersetzers in Richtung Sprachschöpfer oder Rechercheur. Besonders kompliziert wird es, wenn Sprachen gemischt werden, oder viele Sprachebenen bzw. Slangs vorkommen. Da diese verschiedenen Regionen bzw. sozialen Schichten entstammen sind sie nicht eins zu eins übertragbar. Meiner Erfahrung in dieser Jury nach, ist die Qualität der Übersetzungen jedoch meist sehr hoch. Nur bei manchen Büchern merkt man, dass unter Zeitdruck gearbeitet, dass zu wörtlich oder zu platt übersetzt wurde. Interessant ist, dass nun immer mehr Übersetzerduos oder gar –kollektive zusammenfinden, um sich die Arbeit an einem umfangreichen Werk zu teilen.

Erstmals wird in diesem Jahr das Preisgeld anders aufgeteilt. Von insgesamt 35.000 Euro erhält der Übersetzer nun 15.000 statt bisher 10.000 Euro. Wie kam es zu dieser Neuerung?

Die Jury war in diese Entscheidung nicht eingebunden, aber ich denke mal, dass diese Aufteilung mit gestiegener Wertschätzung für die Vermittler zwischen den Sprachen zu tun hat.

Die Kandidaten für den ILP haben in 31 Sprachen geschrieben. Achten Sie bei der Auswahl der Shortlist auf eine ausgewogene Verteilung der Herkunftsländer der Autoren?

Ja, derartige Überlegungen stellen sich im zweiten Schritt, nachdem die literarische Qualität erwiesen ist. Dieses Jahr sind zwei Autoren aus Osteuropa dabei, ein Roman in polnischer, einer in russischer Sprache geschrieben. Ein Buch stammt von einer Inderin, die auf Französisch veröffentlicht, ein Buch wurde auf Schwedisch verfasst, berichtet aber von einem ugandischen Schicksal, schließlich gibt es das Buch eines Südafrikaners mit kroatischen Wurzeln, verfasst in englischer Sprache und dann ist da noch das Buch einer spanischsprachigen Mexikanerin auf der Liste, das sich mehr oder weniger auf die gesamte Weltliteratur bezieht.

„Die diesjährige Shortlist versammelt Erzähltexte, deren Autor_innen und Figuren allesamt ungefestigt zwischen Sprachen, Kulturen und Systemen leben“, heißt es in der Begründung der Jury. Was genau meinen Sie damit?

Die Autor_innen leben nicht an ihrem Geburtsort und schreiben nicht alle in ihrer Muttersprache. Entweder sind es Kinder von Migranten oder sie wählten einen anderen Aufenthalts- und Bezugsort, als den, an dem sie geboren wurden. Diese bewegten Lebensumstände spiegeln sich auch in den in ihren Texten beschriebenen Figuren.

Sind Ihnen weitere Gemeinsamkeiten bei den Kandidaten aufgefallen?

Beide osteuropäische Autoren, sowohl Joanna Bator als auch Alexander Ilitschewski erforschen geographische Räume, graben in belasteter Vergangenheit und rekurrieren auf mythische bzw. märchenhafte Elemente. Sowohl das Buch von Ivan Vladislavić als auch das von Valeria Luiselli sind von Bildelementen bestimmt, beim Südafrikaner ist es die Auseinandersetzung mit Fotografie, bei Valeria Luiselli führt der Kontext von konzeptueller Kunst zu formalen Experimenten. Johannes Anyurus und Shumona Sinhas Texte sind zwar autobiographisch geprägt, weisen aber beide weit darüber hinaus, ermöglichen damit allgemein gültige, aktuelle und sehr politisch bestimmte Einsichten zur Situation unserer Weltgesellschaft.

 

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