Gerd Haffmans (65)

Gerd Haffmans

Gerd Haffmans wird heute 65 Jahre alt. Stephan Opitz gratuliert ihm zum Geburtstag:

Wer Hans Wollschläger erinnert, der wird noch wissen, dass der auch einfache Mitteilungen richtig bedeutungsvoll machen konnte. Mir erzählte er irgendwann 1981, dass ein Freund von ihm demnächst einen Verlag gründen würde, in Zürich. Mehr wolle er noch nicht sagen.
Aber sein Ton, diese dunkle, leicht angebrochene Grundmodulation, reichte damals, um mir Respekt einzuflössen – der ging nicht ganz weg, paarte sich aber mit Freude, als ich das erste Verlagsprogramm des Haffmans-Verlages in Zürich in die Hände kriegte: Da war er, unser Verlag.

Mit „unser“ meine ich keine Geheimgesellschaft, sondern diejenigen, die z.B. Peter Rühmkorf oder Arno Schmidt verehrten und Gottfried Benn über „Astern, schwälende Tage“ hinaus schätzten, diejenigen, die Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid damals schon nicht mehr als Geheimtipp handelten, Wollschlägers Ulysses-Übersetzung gekauft und gelesen hatten und seine Polemiken gegen das Christentum und den Kulturbetrieb bewunderten, schließlich diejenigen, welche die, heute würde man sagen, „Neuen Formate“ Diogenes-Verlag und 2001 kaufend und lesend begriffen hatten und dem Prädikat „besonders wertvoll“ eher distanziert auf der Grundlage schulischer Sozialisationen der 50er und 60er Jahre gegenüberstanden. Und die mit dem Vogel „Rabe“ auf einmal nicht nur mehr Hans Huckebein verbanden.

Das sind nun 26 Jahre her – fest steht, dass der lektüre- und buchentwickelmäßig hoch taktfeste Diogenes-Lektor Gerd Haffmans, als Waise aufgewachsen im Münsterland und gelernter Buchhändler aus Köln, 1982 zu Zürich einen Verlag begründete, der in den 80er Jahren und bis einiges in die 90er hinein wärmende Lagerfeuer anzündete: Für alle diejenigen Menschen, welche mit ihren intellektuellen und literarischen Interessen zwar hier und da immer schon angedockt hatten, auch eine Menge edition suhrkamp in den Bücherregalen stehen hatten, aber keine Bücheradresse für die Empathieentwicklung mehr oder weniger berechenbarer Einzelgänger. Die lieferte der junge Haffmans-Verlag und das geschah mit einer hohen Sensibilität für Ästhetik und Form, Literatur- und Geschichtsbewusstsein, Anarchie, Hedonismus, Komik, Satire.

Auf einmal wurden so unterschiedliche und doch zusammengehörige Bücher publiziert wie erste Dokumentationen von Gerhart Polts Schaffen, Robert Gernhardts Gedichte, Erzählungen und Zeichnungen, ein Henscheid nach dem anderen und erstklassig schöne und schlaue Übersetzungen, z.B. des Tristram Shandy oder des gesamten Saki und des Ambrose Bierce. Und auf einmal gab es Sherlock Holmes in neuer Frische neben Otto-Filmbüchern, traten elegante Erzähler wie Bernd Eilert auf den Plan, Hannibal wurde von Gisbert Haefs zu neuem Leben erweckt undundund. F.K. Waechter, vor allem aber Volker Kriegel verliehen dem ganzen Gesicht und Farbe und Pfiff und Schmiss und klugen Witz. Man sollte sich an Großtaten erinnern wie die Zürcher Joseph Conrad Ausgabe oder die 1000seitige Dokumentation der Entstehung des Gedichts Selbst III von Peter Rühmkorf (jetzt in schöner Broschur bei 2001 neu verlegt), vorgelegt zum 60. Geburtstag Rühmkorfs am 25. Oktober 1989. Das ging zwar etwas schief, doch das lag am Luftverkehr – Haffmans wollte mit dem ersten Exemplar zur Geburtstagsfeier auf der Cap San Diego erschienen (denn zur Buchmesse hatte es nicht geklappt, was Rühmkorf nicht so flott fand), das Flugzeug wurde statt nach Hamburg nach Düsseldorf geleitet, der Verleger nahm von dort ein Taxi und erreichte die Feier zu einem Zeitpunkt, der noch alles möglich machte, bloß keine einigermaßen konzentriert anzuhörende Verlegeransprache mehr.

Eine rühmende Herzählung aller Haffmans-Bücher ab Anfang der 90er würde mühselig werden – zum einen begann Haffmans (spätestens hier nutzt man in Darstellungsfällen dieser Art das Adjektiv „umtriebig“), wir versuchen rein deskriptiv zu bleiben, in großem Stil Taschenbücher zu produzieren, zum anderen konnte man dann und wann ein bisschen Larmoyanz vom Typus „Warum kaufen denn nicht mehr Leute unsere Bücher und warum reagiert die Kritik nicht hymnischer“ beobachten, schließlich griff mit der steigenden Produktion auch die Gaußsche Normalverteilung und nicht jedes Buch hielt allen Antrittskriterien des Hauses zum Raben stand. Weniger deskriptiv konnte man sich spätestens da auch fragen, ob es denn Aufgabe aller Leute sei, Haffmans-Bücher zu kaufen und Aufgabe der Kritik, jene hymnisch zu begrüßen. Jedenfalls wurde seit Ende der 90er klar, dass Haffmans und sein Mitaktionär Urs Jakob sich übernommen hatten.

Das Kapitel des zäh ablaufenden Niedergangs von Gerd Haffmans als unabhängiger Verleger und der damit verbundenen umfassenden Vertrauensverluste kann und soll hier nicht aufgeschlagen werden. Daß dabei etliche feine Freundschaften und unerschütterliche Produktionsbegeisterung für das Zürcher Verlagshaus auf der Strecke blieben, versteht sich, und zwar mehr als nur am Rande (Arno Schmidt Stiftung, Robert Gernhardt, Volker Kriegel, Eckhard Henscheid, Gisbert Haefs pp). Da war dann in vielerlei Hinsicht Schluß und manche Enttäuschungen verlieren sich nie.

Gerd Haffmans lektoriert und verlegt wieder – und zwar bei 2001. Von der Rühmkorf Neuauflage war schon, von der schönen Hörbucheinspielung der Grimm-Märchen mit Fanny Müller zum Jahresanfang 2009 ist jetzt die Rede, den Raben gibt es wieder, als ob ihn nichts erschüttert hätte – zählebige Vögel sind das ja bekanntermaßen.

In den 80ern und frühen 90ern hat Gerd Haffmans kluge und schöne deutschsprachige Literaturgeschichte geschrieben – immer unter der Voraussetzung, dass so etwas wie Geschichte auch klug und schön vonstatten gehen kann. Manchmal geht das. Oder man kann zumindest manchmal das Gefühl haben, da ist einer, der eine Geschichte klug und schön macht.

Herzlichen Glückwunsch zum 65ten!

Kontakt: haffmans@bluewin.ch

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