Claudia Baumhöver (50)

Claudia Baumhöver

Claudia Baumhöver wird heute 50 Jahre alt.

Die Verlegerin des Hörverlags verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Münster und ließ sich zunächst zur Kindergärtnerin ausbilden, bevor sie Sozialpädagogik studierte. Mit dem Diplom in der Tasche ging Baumhöver nach München, wo sie das journalistische Gewerbe ansteuerte und für die Feuilletons von „Münchner Merkur“ & Co. schrieb.

Mit 26 Jahren bekam sie den ersten Job – als Pressereferentin bei Leo Kirchs Taurus Film, ein Jahr später leitete sie die Öffentlichkeitsarbeit von Columbia Pictures. Bis der amerikanische Verleihmulti sie nach Moskau delegierte, wo, wie sie heute sagt, „die Gabe der Improvisation oberste Tugend war.“

Als 1993 mehrere Verlage den Hörverlag gründeten, um gemeinsam ihre Rechtesubstanzen als Audiobooks zu verwerten, übernahm Claudia Baumhöver den schwierigen Job, als Verlegerin des jungen Unternehmens das Hörbuch gesellschafts- und damit marktfähig zu machen.

Dass sie das geschafft hat, steht außer Frage: Viele alte und neue Verlage sind auf den Siegeszug des Hörbuchs aufgesprungen, den Claudia Baumhöver mit dem Hörverlag – seit Jahren der Marktführer in diesem Segment – so richtig ins Rollen gebracht hat.

2007 wurde sie zur Verlegerin des Jahres gewählt – zu Recht, wie selbst Mitbewerber neidlos anerkennen.

Die Rede von Hanser-Verleger Michael Krüger bei ihrem Geburstagsfest [mehr…]lesen Sie hier (und im Auszug im Februar-Heft von BuchMarkt):

Wenn alle seriösen Lobredner verhindert sind oder angeblich verhindert sind oder nicht sprechen wollen oder können oder angeblich nicht können aus zwielichtigen Gründen, dann muß ich immer die Lobrede halten. Mir eilt der zweifelhafte Ruf voraus, witzig zu sein. Ich soll angeblich auch dann noch witzig sein, wenn ich gar nicht witzig sein will; angeblich lacht alle Welt, wenn ich meine todtraurigen Ansichten zum Stand der Dinge vortrage. Ich verstehe die Welt schon lange nicht mehr, also muß es sich um ein Mißverständnis handeln, daß ich hier stehe und reden soll.

Nun also zu Frau Baumhöver. Sie kam 1959 in Münster zur Welt, was an sich schon traurig genug ist. Wer will denn um Himmels willen in Münster zur Welt kommen, und dann noch 1959? Da ich der Älteste unter Ihnen bin, weiß ich, welche dunklen Glocken an der Wiege der kleinen Claudia geläutet haben:

Heinrich Lübke wurde zum Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt, und der Bundespräsident von Persien, Schah Reza Pahlewi, heiratete Farah Diba – zwei Nachrichten, die alles andere als komisch sind: denn mit Farah Diba kam eine Frisur in die Welt, von der wir uns lange nicht erholen konnten. Und Franz Josef Strauß forderte die Atombewaffnung der Bundeswehr, worüber auch keiner lachen möchte. In der DDR, die es damals noch gab, sollten die Schriftsteller den Bitterfelder Weg beschreiten, also das Leben der Arbeiterklasse besingen, was nun wirklich ein Witz war. Damals, an der Wiege von Claudia, wurde der schöne Vers geboren:

Dort flieht der positive Held,
weil ihm der Weg so bitter fällt

Sie erblickte also 1959 in dem furchtbaren Münster das Licht der Welt, und wir dürfen annehmen, daß das westfälische Licht nicht besonders hell war. Münster ist ja in der Hauptsache schwarz. Daß sich Frau Baumhöver hier ins oberste helle Stockwerk eingemietet hat, ist ja wohl der Tatsache zu verdanken, daß sie endlich ihre schwarzen Münsteraner Wurzeln abstreifen wollte. Was sie zwischen Münster und München getrieben hat, liegt auch weitgehend im Dunkeln. Inge Feltrinelli erzählte mir gestern, daß Claudia bei der Münsteraner Landjugend war, was mich natürlich gefreut hat. Man kann sich gut vorstellen, wie sie Kartoffeln und Trüben aus der westfälischen Scholle gezogen hat. Wenn man den Geheimakten der CIA glauben darf, wurde sie Ende der achtziger Jahre in Moskau gesehen. Münster, Moskau, München, da kommt man ins Grübeln. Später wurde sie in den Aufsichtsrat des Bibliographischen Instituts gewählt, das bekanntlich in Mannheim beheimatet ist. Münster, Moskau, Mannheim, München – ich glaube, ich muß das nicht ausmalen. In Moskau soll sie übrigens mit der Produktion einer vielteiligen TV-Serie über „Die Welt des US-Films“ beschäftigt gewesen sein, was man glauben darf oder nicht. Auf jeden Fall – das ist verbürgt – hat diese TV-Serie maßgeblich zum Sturz des kommunistischen Regimes beigetragen, weil die Sowjet-Bürger nun alle so leben wollten wie in der Welt des US-Films, was man nachvollziehen kann. Damit ist Frau Baumhöver wesentlich für die Herausbildung der neuen russischen Oligarchie verantwortlich, die schon lange darauf wartet, als Mitgesellschafter in den HörVerlag aufgenommen zu werden, weil die Holtzbrinck-Gruppe sich schamhaft ziert. Wer das nicht versteht, dem ist nicht zu helfen.

Aber das sind alles nur Spekulationen. Klarer wird die Sache zu dem Zeitpunkt, da Frau Baumhöver, nach einer Zwischenzeit in einer Stuttgarter Abstellkammer, nach München kam. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß München geradezu auf Frau Baumhöver gewartet hat. In München gab es eine Leerstelle, die HörVerlag heißen sollte und jetzt Baumhöver heißt. Diese Leerstelle gehörte eigentlich dem Stuttgarter Klett-Verlag, der dort ein paar seltene Hörbücher gepflanzt hatte, die allerdings nicht so recht gedeihen wollten. Viel Grün, wenig Blüten. Also wurde das winzige Terrain aufgeteilt in mehrere noch winzigere Teile, die nun Klett und Hunzinger und Verlag der Autoren und Schott hießen. Und weil man noch mehr Farbe brauchte, kamen der Österreichische Bundesverlag, Suhrkamp und Piper dazu. Sogar Hanser wurde eingeladen und nahm auch prompt an. Und als Frau Hunziger starb, kam Kiepenheuer und Witsch dazu, dafür ging Piper wieder weg. Piper liegt jetzt in Schweden und der Österreichische Bundesverlag in Stuttgart. Kein Mensch kennt sich mehr aus. Man fragt sich nur – und nicht nur in Bayern -, was man vor der Gründung des Deutschen HörVerlags gehört hatte. Wahrscheinlich wurde damals noch gelesen, wenn ich so sagen darf.

Der Rest ist eigentlich bekannt. Aus dem winzigen Hör-Gärtlein ist ein großer Garten geworden, teils englisch, teils französisch. Überall Sichtachsen, Grotten, verschwiegene Teiche, aus denen es flüstert. Und überall sprechende Skulpturen, von Homer bis Harry Potter. Und schon bald stand hinter jedem Baum ein Spion eines anderen Verlags und hat in sein Handy geflüstert, was er sah. Inzwischen gibt es mehr als hundert Kopien von Claudias Gärtlein, aber eben nur Kopien, das Original hat sich gottlob erhalten. Ich möchte hier noch einmal auf die Ausbildung bei der Landjugend verweisen, so etwas hält sich.

Und wenn Claudia nicht gärtnert, schlägt sie sich tapfer mit einer Enforcement-Richtlinie herum, das sollte auf keinen Fall vergessen werden. So etwas kann nur sie. Deshalb hat sie auch ein Gutachten des Fraunhofer Instituts über die Auswirkungen der Bagatellklausel auf die Verfolgbarkeit von Urheberrechtsverletzungen in Internet-Tauschbörsen initiiert. Sie wissen sicher, was ich damit sagen will. Ein Hörbuch dazu ist – soweit ich weiß – noch nicht in Planung, aber mein Freund Felix von Manteuffel hat sich schon angemeldet, und der BR wird natürlich Co-Produktionspartner.

Ich habe leider keine Zeit gehabt, all die Preise und Auszeichnungen herauszusuchen, die der HörVerlag im Laufe der Zeit eingeheimst hat. Ich hole das nach, wenn ich demnächst die Rede zum zwanzigsten Bestehen des Verlags in gewohnt witziger Weise zu halten mich gezwungen sehe. Deshalb komme ich zum Schluß, der – was Sie alle freuen wird – erfreulich kurz ausfallen wird. Denn wir haben nur noch zu danken. Zu danken dafür, daß eine, die aus dem pechschwarzen Münster kommt, einen der farbigsten deutschen Verlage hier in München aufgebaut hat. Trotzdem ist sie, wie ich an der Menge der Zuhörer ablesen kann, beliebt geblieben, was uns zu denken geben sollte. Die Gesellschafter, für die ich hier spreche, verneigen sich mir großer Anerkennung.

Am Anfang waren alle Gesellschafter sogenannten männlichen Geschlechts. Sie können sich denken, was ich damit sagen will. Ein wahnsinniges Gebalze hub an. Das gilt besonders für jene Gesellschafter, die heute Gott sei Dank nicht anwesend sind, wir können also frei sprechen. Jeder hat versucht herauszufinden, wie das Privatleben der schönen Claudia aussah, und jeder wollte es auf seine Weise bereichern. Die Erfolgsquote lag – wenn ich richtig informiert bin – weit unter der Remissionsquote, also bei Null. Also hatte sie kein sogenanntes Privatleben oder sie hat es so gut versteckt, daß keiner es knacken konnte. Claudias secret.

Im Buchreport* (* stimmt nicht, es war BuchMarkt 2/2009) habe ich zum heutigen Anlaß folgende ganz persönliche Anmerkung geschrieben, ich zitiere wörtlich:

Diese Frau ist nicht zu fassen. Wenn sie sich zum Beispiel freut, fängt sie an zu hüpfen. Ja, wirklich, wenn Sie zufällig in München einer blondgelockten Frau begegnen, die auf der Stelle hüpft, dann ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Claudia Baumhöver, die sich freut. Das ist um so bemerkenswerter, weil Claudia über eine Garderobe verfügt, die eigentlich nichts fürs Hüpfen gedacht ist: Schwere, unten gebauschte Kleider und jede Menge Schals und Tücher, die sie in einer berauschenden Weise einwickeln. Kurz: Wenn die Frau, die sie hüpfen sehen, einen modischen Hosenanzug trägt, ist es auf keinen Fall Claudia Baumhöver.

Zweitens ihre Mimik: Sie kann im Wechsel von einer Sekunde zur anderen ein betrübtes Gesicht machen und dann wieder laut auflachen. Das ist nichts für Menschen, die langsam sind, weil es passieren kann, daß sie beim Anhören einer Komödie besorgt dreinblickt und dann schallend auflacht, wenn man gerade mit der Tragödie anfangen will. Sie gibt das Timing vor, und man ist verloren, wenn man sich nicht daran hält.

Claudia ist die Königin der Literatur fürs Ohr. Als sie sich für dieses Amt bewarb, gab es außer wenigen kleinen Anbietern und der Deutschen Grammophon und Klett nichts. Sie betrat eine leere Bühne und fing an. Zunächst lebte sie in einer winzigen Kammer, heute bewohnt sie ein Reich, das schönste Verlagsreich in München: Es kann vorkommen, daß ihre immer gut gelaunten Mitarbeiter(innen) auf Tretrollern oder Rollschuhen durch die weiträumigen Flure rasen, damit das Klacken der Schuhe die andern nicht beim Hören stört. In einem Zimmer spricht Adorno, im andern Harry Potter, im dritten Henning Mankell. Jeder läßt jeden zu Wort kommen, wenn er was zu sagen hat.

Heute, da jeder einen Audio-Verlag betreibt, ist das Land in unzählige Grafschaften und Fürstentümer aufgeteilt. Aber sie bleibt die Königin Claudia.

Ich habe mich, wie bei Königinnen üblich, nie gefragt, wie alt sie ist. Sie wird fünfzig. Als ihr Autor, gelegentlicher Sprecher und Gesellschafter hoffe ich natürlich aus ganz egoistischen Gründen, daß sie noch lange Königin bleibt – und noch viele Gründe hat, plötzlich und unaufgefordert zu hüpfen. Einmalig!

Liebe Claudia – was daran komisch sein soll, weiß ich beim besten Willen nicht. Trotzdem: Herzlichen Glückwunsch

Kontakt: claudia.baumhoever@hoerverlag.de

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