50 Jahre W. Fietkau Verlag

Wolfgang Fietkau

Der Berliner Wolfgang Fietkau Verlag wird im Juli 50 Jahre alt. „Ohne großen Bahnhof“ soll sein Jubiläum sein: Obwohl das „Unternehmen“ im Jahresdurchschnitt nur „0,9 Bücher“ (aber 2,2 Auflagen) herausbrachte, ist die „kulturelle Ausbeute“ beträchtlich.

Das poetische Werk von Dorothee Sölle gehört dazu (in sieben Ausgaben von 1969 bis 2000), sowie Gedichtausgaben von Kurt Marti, Rudolf Otto Wiemer, Arnim Juhre. In seiner Reihe „schritte“ brachte der Verlag auch Erstausgaben von Autorinnen und Autoren heraus, die der literarisch experimentellen Szene angehören. Konrad Bayer, Wolfgang Bauer, Christa Reinig seien genannt, Franz Mon, Ferdinand Kriwet, Reinhard Döhl und Ludwig Harig. Starke Beispiele für die literarische Kraft der 60er und 70er Jahre gaben Ute Erb, Max Bense, Aldona Gustas, Manfred Römbell, Margot Schroeder, Bert Berkensträter. Der Verlag hat von 33 Autorinnen und Autoren 44 Bücher herausgebracht.

Ein Charakteristikum des Wolfgang Fietkau Verlags ist: Alle in den letzten 45 Jahren erschienen Werke seines Programms sind lieferbar. Nicht weil die Erstauflagen so lange „reichten“ (das teilweise auch), sondern weil der kleine Betrieb, wenn ein Buch vergriffen war, immer wieder nachdruckte.

Da einzelne Bücher trotzdem manchmal für „vergriffen“ gehalten werden, sind sie im Internet „gebraucht“ teils wesentlich teurer als „neu“ im Verlag. Verlegen, meint Fietkau, sei eine Anstrengung auf Dauer. Manchmal dauert es etwas, bis die Nachauflage erscheint; denn das Unternehmen war von Anfang an nebenberuflich und muss bei der Zeit- und Krafteinteilung des Initiators mitunter in den Hintergrund treten.

Poetische Miniaturen aus dem Fietkau-Programm werden inzwischen gern von anderen Verlagen für Schulbücher, Anthologien, literarische Sammlungen oder Sonderausgaben übernommen. Zeitweilig, so der Verleger, ist die Bearbeitung der Lizenzanfragen umfangreicher als das Geschäft mit dem Buchverkauf. Das Gesicht des Verlages hat seit 1961 Christian Chruxin (1937 – 2006) geprägt, der zu den besten Buchdesignern seiner Zeit gehörte. „Ein Verlag“, sagt Fietkau, „muss ein Gesicht haben und nicht alle Naselang Farben, Schriften und Formate wechseln“. Dass er bei diesem Gestalter blieb, der bald auch für Rowohlt und andere arbeitete, hält der Verleger für einen wesentlichen Grund, den Autorinnen und Autoren eine angesehene und begehrte Plattform bieten zu können.

Das Startkapital betrug im Juli 1959 „genau 150 Mark“. Beim Einrichten der Buchhaltung half dem Anfänger der Publizist Ansgar Skriver, der seinerzeit in Dahlem selbst einen literarischen Kleinverlag betrieb. Zwischen 1963 und 1989 half Erika Fietkau die Verbindung zu den Autoren und Buchhändlern zu halten. Ein Teil der Bücher entstand seit 1970 in einer Heimwerkstatt – weitgehend in Handarbeit. So ist Fietkau bis heute Lektor, Drucker, Buchbinder, Packer, Lizenz„abteilung“, Werbe“chef“, Buchhalter. Vorausgegangen war eine Verlagslehre mit Abschluss an der „Kölner Schule“.

Als Fietkau den Verlag gründete, war er frisch examinierter Diakon in einer Berliner Kirchengemeinde. Das nebenberufliche „Kind“ schützte der Theologieprofessor Otto A. Dilschneider, der ein Faible für Literatur und verrückte Ideen hatte. Nach einer Anstellung als Redakteur beim Evangelischen Rundfunkdienst Berlin war Fietkau von 1967 bis 1982 freiberuflicher Journalist (Rundfunk und Fernsehen). Ende 1982 übernahm er die „abenteuerliche“ Aufgabe, den Berliner Wichern Verlag zu reaktivieren, zu der ihn die Publizisten Reinhard Henkys und Hartmut Walsdorff überredet hatten. Bis 2000 machte er dort den Geschäftsführer.

Seit 2001 arbeitet Fietkau, inzwischen im brandenburgischen Kleinmachnow am Berliner Stadtrand ansässig, wie vordem als freier Journalist und als selbstständiger Kleinverleger. Der Wolfgang Fietkau Verlag war Jahrzehnte hindurch regelmäßig mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Das ist nun für diesen Kleinverlag nicht mehr nötig, weil im Internet täglich rund um die Uhr „Buchmesse“ ist. Seit 1996 ist der Verlag mit einer Homepage dabei. Als Mitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels empfindet der Verleger: „Einer muss der Kleinste sein“.

Worauf er denn nun besonders stolz sei, auf Autorinnen und Autoren oder Auflagen oder Besprechungen oder das internationale Echo? Da hat der Verleger eine verblüffende Antwort: „Vielleicht darauf, dass ich die ganzen Jahrzehnte hindurch auf dem schwierigen Feld mit Autoren und Erben und anderen Verlagen, mit Buchhändlern, Hauswirten und Nachbarn oder dem Finanzamt so zurechtgekommen bin, dass ich nie einen Rechtsanwalt brauchte“. Als Kleinverleger müsse man natürlich auch im „Kleingedruckten“ bewandert sein.

www.fietkau.de

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