Edgar Hilsenrath (85)

Edgar Hilsenrath, Volker Dittrich

Der Autor Edgar Hilsenrath feiert heute seinen 85. Geburtstag. Sein Verleger Volker Dittrich gratuliert und erinnert sich, durch welche Umstände er überhaupt der deutsche Hilsenrath-Verleger wurde…

Im Februar 2003 besuche ich Edgar Hilsenrath zum ersten Mal in seiner kleinen Wohnung in Berlin-Steglitz. Hilsenraths Frau Marianne öffnet mir. Edgar Hilsenrath sitzt auf der Couch auf seinem Stammplatz. Es ist sehr warm in der Wohnung. An der Wand ein altes Foto des Autors und Gemälde, die seine Frau gemalt hat. Ohne Umschweife, in seiner sehr direkten Art, sagt der von mir hochverehrte Autor, er wolle, daß ich eine Werkausgabe von ihm mache. Ich lache laut auf. Edgar Hilsenrath grinst mich an. Seine Augen blitzen.

Warum lachst Du?

Der Piper Verlag gibt Ihnen alle Rechte zurück, weil nicht mehr genug Bücher abgesetzt werden, und ich soll es als kleiner unabhängiger Verleger riskieren, eine Werkausgabe Edgar Hilsenrath zu publizieren?

Ja, warum nicht. Es gibt 3000 Buchhandlungen in Deutschland. Man muß nur die richtige Werbung machen, so wie damals Helmut Braun mit meinem Roman „Der Nazi & der Friseur“. Der habe es auch geschafft.

Wieder muß ich lachen. Marianne, die Psychologin und Malerin, beobachtet mich genau und fragt, ob ich einen armenischen Cognac möchte. Gern! Sie geht in die Küche und kommt mit einem gläsernen Krummsäbel zurück. Den Cognac habe Edgar in Armenien geschenkt bekommen.

Für die Armenier sei er ein Volksheld, sagt der Autor. Sein Buch „Das Märchen vom letzten Gedanken“ über den Völkermord an den Armeniern habe dort Kultstatus.

Der Roman ist in Märchenform geschrieben. Mit einer großen Leichtigkeit erzählt der Autor nicht nur von dem Genozid an den Armeniern, sondern schildert auch das Leben der Armenier vor der großen Katastrophe in solch einer liebe-, humorvollen und poetischen Weise und mit einer Genauigkeit, daß die Armenier glauben ließ, daß Edgar Hilsenrath einer von ihnen sei.
Der Cognac erhitzt mich noch mehr. Ich frage nach einem Glas Wasser und schaue mir das Bücherbord an. „Fuck America“, von dem Buch habe ich noch nie etwas gehört, und ich dachte ich kenne Ihr ganzes Werk. Das sei eine serbische Ausgabe, in Deutschland sei es unter dem Titel „Bronskys Geständnis“ erschienen.

Ich denke an den Kosovo-Krieg. Ob er sich vorstellen könne, das Buch auch im Herbst unter dem Titel „Fuck America“, als ersten Band einer Werkausgabe herauszubringen? Hilsenrath gluckst kurz auf und schaut mich spitzbübisch an. Natürlich könne er sich das vorstellen.

Jetzt bin ich zu schnell vorgesprescht. Die Voraussetzung sei aber, sage ich einschränkend, daß ich eine Anschubfinanzierung von der Kunststiftung NRW erhalte. Dort könnte ich als Kölner Verlag einen Antrag stellen. Und Helmut Braun, der mich auf Edgar Hilsenrath ansprach, wollte bei dtv nachfragen, ob sie Interesse an einer Lizenz für eine Taschenbuchausgabe der geplanten Werkausgabe hätten. Wenn dtv und die Kunststiftung zusagen würden, dann ginge ich das Risiko ein.

Hier können Sie den ganz persönlichen Geburtstagsgruß des Verlegers an seinen Autor weiterlesen.

Wie man weiß, ist die zehnbändige Werkausgabe 2008 im Dittrich Verlag abgeschlossen worden, und Volker Dittrich hat mit Hilsenrath eine Lesereise durchs Land gemacht; wahrscheinlich weiß er selbst nicht, mit wievielen Stationen. Immerhin, lieber Edgar, das darf ich als Branchenjournalist sagen, der ein paar von diesen großartigen Veranstaltungen miterlebt hat, hat Volker es geschafft, Dich als Autor in Deutschland einer großen Zahl an Lesern bekannt zu machen. Einer von denen bin ich. – Lieber Edgar, auch von mir alles Gute zu Deinem runden Geburtstag, Dein

Ulrich Faure

Möchten auch Sie Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum Jubiläum gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto vom Team/des Verlegers oder der Verlegerin: redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Jubiläum

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.