Ulrich Genzler (60)

Ulrich Genzler
© Susanne Krauss

Ulrich Genzler wird heute 60 Jahre alt. Markus Klose gratuliert dem Heyne-Verleger zum runden Geburtstag:

Alle Wege führen nach Rom, jedenfalls galt das lange Zeit. Aber schon immer galt auch, dass der Weg zum Ziel möglichst bequem verlaufen sollte, es wurden z.B. Straßen gebaut und Gasthöfe. Später ist der Ort der Begierde weiter in den Norden Italiens gezogen, in den 80ern war es die Toskana, jetzt ist es vielleicht Südtirol. Und die Wegbewältigungen haben sich deutlich weiterentwickelt.

Ulrich Genzler und seine Frau Sophie von Lenthe fanden ihr Sehnsuchtsziel im Cinque Terre. Und das scheint auch praktisch, von München mit dem Wagen gut erreichbar, mit dem Flieger über Pisa, mit dem Zug über Milano: alles denkbare und angenehme Varianten. Ulrich aber entscheidet sich gerne … für das (selbstgebaute) Fahrrad. In knapp fünf Tagen leicht zu schaffen, klar, ein paar steile Alpenpässe liegen da im Weg, nicht immer findet sich gleich eine angemessene Übernachtungsmöglichkeit, auch das Wetter kann zwischen extremer Hitze und Schneeblizzard während einer Tour wechseln. Aber der Weg ist ja das Ziel, diese kleinen Unbequemlichkeiten sind schnell vergessen, wenn man auch den Apennin hinter sich gebracht hat und das Mittelmeer sieht. Und deshalb, vor lauter Vergnügen, wird die Reise gleich noch einmal geplant.

Es sind oft gerade nicht die direkten, scheinbar einfachen Wege, die der Heyne-Verleger sucht. Umwege, Beschwernisse scheinen manchmal sein Salz in der Suppe. Ein Blick in die Biografie soll schnell geworfen sein: Student in Berlin, Volontariat beim Hanser-Verlag, dann in der Bertelsmann-Kaderschmiede weiterentwickelt, erst Mosaik-, dann Goldmann-Lektor. Es rockte, der Weg schien vorgezeichnet. Dann aber: Wechsel zum Heyne-Verlag, raus aus der konzernigen Kraft, rein in die unternehmergeführte Emotionalität. Und dort dann die Rolf-, Springer- und Kartellamtsprüfungsphase, die schließlich zurück in die Bertelsmann-Welt führten. Hätte er also auch einfacher haben können … Der Radler-Alpenpass der Verlagskarriere, sozusagen.

Mit Ulrich Genzler zusammenarbeiten heißt, stets im Kopf variabel zu bleiben, sich zu bewegen. In einer unnachahmlich lässigen Art ist er durchaus ehrgeizig, aber nie ein Ehrgeizling. Er sieht jede auf ihn, auf das Team zukommende Kurve als Erreichen einer neuen Perspektive, kurze Tumulte und Verwirrungen gefallen ihm, überzeugt davon, dass daraus Gutes entstehen wird. Er bringt das zusammen, was kaum vereinbar scheint. Ein intellektueller, gebildeter und feinsinniger Mensch, der deutsche Baumbewunderer, amerikanische Sexschauspielerinnen oder schwedische Thrillerautoren auf spannende und dann eben doch konsistente Art mit Alfred Hilsberg, Philip K. Dick oder Wolf Haas zusammenbringt.

Richard Huelsenbeck dichtete einmal:
Soweit ist es nun tatsächlich mit dieser Welt gekommen
Auf den Telegraphenstangen sitzen die Kühe und spielen Schach.

Irgendwie stelle ich mir manchmal vor, dass es im Kopf des Ulrich Genzler so zugehen könnte. Und er sich daran freut. 100 Jahre Dada, 60 Jahre Uli. Gefällt mir, dieses Doppeljubiläum. Die programmatische Breite seines Tuns macht ihm Spaß, der Bruch mit den Konventionen inspiriert ihn. Und fraglos ist das eine der Großen Leistungen als Verleger, die ihm völlig zu Recht 2010 zum Verleger des Jahres gemacht haben. Er hält den Spagat zwischen hocherfolgreichem Boulevard und ambitionierter Programmarbeit. Seine Zuverlässigkeit, seine Netzwerkqualität, seine Großzügigkeit und natürlich die ganz besondere Mischung aus Marktnähe und Phantasie machen ihn zu einem der großen der verlegerischen Zunft. Und große Erfolge werden genauso wahrgenommen wie Fehleinschätzungen: gelassen, konstruktiv und als Basis einer nächsten Entscheidung.

Verlegerische Blütenträume kannst Du Dir ohnehin nicht leisten, wenn Dir jeden Abend zuhause Deine buchhändlerisch tätige Frau die Machbarkeitsgrenzen des Marktes beschreibt. Sophie von Lenthe kennt als Lektorin und seit neuestem auch Buchhändlertreff-Autorin viele Aspekte unserer Branche. Die gemeinsamen drei Kinder, die zum Anlass dieses Geburtstages eine gemeinsame Reise ins südlichere Italien organisiert haben, tragen zur analytischen Nüchternheit genauso bei wie seine guten Freunde, zu denen auch viele seiner Autoren gehören. Er verliert sicher nie die Bodenhaftung, oft genug trägt er durch seine Ratschläge dazu bei, dass auch andere sie behalten.

Ich werde Caspar Brötzman und David Bowie nie so gerne hören wie er, aber lange Espresso-Diskussionen (nach ihm gibt es in der Welt wahrscheinlich um die fünf Cafés, in denen man hervorragenden Espresso erhalten kann. ansonsten sollte man aber lieber verzichten), Rotwein-Verköstigungen und (Motorroller-) Bergstrecken möchte ich mit ihm noch viele erleben. Ich gratuliere sehr, sicher im Namen so vieler, zu Deinem 60. und wünsche Dir zumindest an diesem Tag einen perfekten Kaffee!

Falls Sie auch gratulieren möchten: Ulrich.Genzler@randomhouse.de

Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin: redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Runde Geburtstage}

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