Andreas J. Meyer (85)

Andreas J. Meyer

Andreas J. Meyer, dessen von ihm gegründeter Merlin Verlag im letzten Jahr mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Boualem Sansal für Furore gesorgt hat, wird heute 85 Jahre alt.

Auf die Frage, welchen Rat er jungen Buchhändlern und Verlegern mit auf den Weg geben wolle, antwortete er vor kurzem: „Durchhalten! Den Unsinn mitmachen, soweit es nötig ist, aber auf keinen Fall weiter. Alles ernst nehmen, aber nicht zu ernst. Das Zitat von Wilhelm Raabe suchen und danach leben: ‚Sieh nach den Sternen, hab‘ acht auf die Gassen.‘“

Andreas J. Meyer wurde am 18. Dezember 1927 in Hamburg geboren. Sein Vater, der liberale Hamburger Landgerichtspräsident Dr. R. J. Meyer, wurde 1933 zwangspensioniert und als Vorsitzender des Hamburger Kunstvereins zum Rücktritt veranlasst. Seine Mutter Lilly war Pianistin.
Andreas J. Meyer absolvierte eine Lehre als Verlagsbuchhändler bei Lambert Schneider in Heidelberg. Anschließend betreute er die von der Goethegesellschaft Sao Paulo und dem Börsenverein veranstaltete erste deutsche Buchausstellung nach dem Krieg in Brasilien, Argentinien und Chile. Im Anschluss daran studierte er Kunstgeschichte, Soziologie und Politische Wissenschaften in Hamburg. Das Studium finanzierte er durch Arbeit bei Helmut Gmelien im „Theater im Zimmer“ und im Chronos Bühnenverlag. Weil die avantgardistischen Theaterautoren bei Chronos keine Chance hatten, gründete er am 14. November 1957 in Hamburg den Merlin Verlag, zunächst als Bühnenvertrieb.
Heute ist der Merlin Verlag einer der renommiertesten unabhängigen Verlage in Deutschland. Erst im letzten Jahr konnte der Verlag einen seiner größten Erfolge feiern, als dem algerischen Autor Boualem Sansal der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen wurde. Prägend für das Erscheinungsbild des Merlin Verlags wurde von Anfang an die Arbeit mit dem französischen Autor Jean Genet. Aus dem öffentlichkeitswirksamen Prozess um dessen der „Unzüchtigkeit“ bezichtigten Roman „Notre-Dame-des-Fleurs“ ging der Verlag 1962 siegreich hervor und bewirkte damit das Ende der Kunstzensur in Westdeutschland. In Folge entstanden in den 60er Jahren u. a. eine Bibliothek Marquis de Sade und eine „Bibliothek der geheimen Wissenschaften und magischen Künste“. Dünndruckausgaben von Robespierre und Mirabeau sollten die 68er-Bewegung anregend begleitend, wurden aber nicht angenommen. Weitere international bekannte Autoren wie L. F. Céline. G. Reve oder J. Bjørneboe kamen hinzu. Mit bildenden Künstlern wie Johannes Grützke, Horst Janssen, Janosch und der Werkstatt Rixdorfer Drucke erweiterte der Verlag sein Programm um ein Grafiksegment. In den 80er Jahren siedelte der Verlag nach Gifkendorf bei Lüneburg um. Für sein ehrgeiziges Programm wurde der Verlag mehrfach ausgezeichnet, u.a . mit dem Preis der Wochenzeitung DIE ZEIT und dem Niedersächsischen Verlagspreis.
Vor nunmehr 25 Jahren gründete Meyer auf Anregung Janoschs in Hamburg den Little Tiger Verlag, der sich seitdem um die Verbreitung der Kalender und Papierprodukte, aber auch Bücher des beliebten Kinderbuchautors und-illustrators kümmert. Der Generationswechsel in der „Merlin Gruppe“ wurde 2005 durch die Übergabe der operativen Geschäftsführung an seine Tochter Dr. Katharina E. Meyer, abgeschlossen.

Ich werde nie vergessen, wie er mich als jungen Verlagslehrling abends nach Messeschluss, wir hatten uns gerade auf dem Weg zum Hotel kennengelernt, mit zum Abendessen in ein Restaurant in der Nähe mitnahm (ja, es gab eine Zeit, da kannte ich kaum jemanden) und er mich wie einen Erwachsenen behandelte. Das verbindet uns auch noch nach über 46 Jahren.
Mir schrieb er kürzlich zu meinem Geburtstag: „So jung möchte ich auch noch einmal sein. Obwohl: Eigentlich habe ich mich während der letzten Jahre kein bisschen älter werden gefühlt … man lernt allenfalls: Das Problem ist nicht älter zu werden, sondern jung zu bleiben“ – auch solche Gedanken sind es, die uns verbinden.
Und die Erinnerungen an einen Exzess: An den Abend, an dem die Rixdorfer bei der Buchpremiere von „Ich fraß die weiße Chinesin“ das Parkett des Restaurants durch zu Scherben gegangen Gläser verwüsteten. Ich glaube, das hat das heutige Geburtstagskind damals um die dreißigtausend Mark gekostet. Unvergesslich auch, wie an diesem Abend nicht nur der damals schon legendäre H.C.Artmann und andere damalige Jungautoren (ich meine auch Peter Handke gesehen zu haben), mit Löffel, Messer und Gabel einer lebensgroßen Nackten aus Götterspeise zu Leibe rückten und sie mit kannibalischem Behagen verschlangen (ich war übrigens zu feige dazu).
Ich gratuliere von Herzen …. und möchte nur gern wissen, ob sich Ihr Wunsch aus dem FAZ-Fragebogen von 1983 inzwischen erfüllt hat? Auf die Frage, „Welche natürliche Gabe möchten sie besitzen?“ antworteten Sie damals: „Bücher nicht nur verlegen, sondern auch verkaufen zu können“. Aber die Antwort liegt wohl auf der Hand: Da der Verlag heute lebendig ist wie zu Ihren Gründerzeiten, muss dieses Gen doch in der Familie (weiter)leben. Ihr CVZ

Kontakt über info@merlin-verlag.de

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