René Strien (60)

René Strien
© A. Fromm

René Strien wird heute 60 Jahre alt. Aufbau-Chef Tom Erben gratuliert seinem Mit-Geschäftsführer zum runden Geburtstag:

Reden kann er. Ich bin nach 17 Jahren noch immer beeindruckt, wie dieser Kerl auch unter Zeitnot und ohne Vorbereitung seine Wortfäden spinnt. Diese Fähigkeit mag zu den Schlüsselqualifikationen eines literarischen Verlegers gehören, aber René Strien hält eine freie und druckreife Rede auch vor einem internationalen Publikum zur Debatte um das Leistungsschutzrecht – wahlweise auf Englisch, Spanisch oder Französisch, einer Sprache, von der er behauptet, er würde sie kaum beherrschen. Chapeau, Monsieur!

Ein Verleger der alten Schule ist er, der die vornehmste Aufgabe des Verlages darin sieht, Lesern etwas unterzujubeln, was diese gar nicht erwarten. Es darf immer ein bisschen mehr sein, und bevor ein Klassiker als Proseminar daherkommt, richtet er ihn lieber mit einer sympathischen Protagonistin an als mit seinem literaturwissenschaftlichen Hintergrund.

„Das Publikum will mehr als trockene Schwarten“ dieser Maxime des Verlegers Gustav Kiepenheuer ist René Strien immer gefolgt. Nur so sind Erfolge wie Mark Twains Biographie oder die Neuausgabe von Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ zu erklären, die auf sein Näschen zurückgehen. Einen Text an seiner Qualität zu erkennen, ist das eine. Das Marktpotenzial eines Textes zu erkennen, ist das andere. Die Verbindung aus beidem ist zweifellos Verlegertugend.

All dies wäre aber nicht gelungen, wenn René Strien nicht eine zweite, altmodisch anmutende Tugend im Aufbau Verlag kultiviert hätte. Er hat immer ein Ohr für sein Team, denn das Wichtigste ist ihm, die Mannschaft hinter sich zu versammeln. „Wir sind Aufbau!“ – unter diesem Motto gelang es 2008, gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter, den Verlag an Matthias Koch zu veräußern.

René Striens Kreativität, sein Durchhaltevermögen und seine unkonventionelle Art rühren aus einer ungewöhnlichen Herkunft: Der Vater war Erfinder, aber er schlug die Laufbahn eines Sparkassendirektors in Solingen ein, um seine Familie ernähren zu können. Seine Fluchten aus der Provinz führten den Vater in den Familienferien auf unerschrockene Expeditionen in die Welt.

Mit einer Saharadurchquerung in den frühen 60er Jahren wurde bei dem kleinen René eine Abenteuerlust geweckt, die er weder im Leben noch in der Literatur wieder ablegen sollte. Spätestens während seines Studiums in Spanien hat er seine Liebe zu Abenteuer¬geschichten entdeckt: Potockis „Abenteuer in der Sierra Morena“ sowie der „Don Quijote“ sind nicht umsonst seine unerreichten Lieblingsbücher. Er lernte Jorge Luis Borges kennen und übersetzte Juan Carlos Onetti, einen der Granden der lateinamerikanischen Literatur, während seiner Zeit in Südamerika mit seiner Schwester, der Übersetzerin Petra Strien.

Die akademische Laufbahn war für den erfolgreichen Romanisten vorprogrammiert. Aber René Strien hatte anderes im Sinn. Mit einer legendären „Jerry-Cotton“-Satire bewarb er sich bei Bastei Lübbe und führte daraufhin ein langes Gespräch mit Gustav Lübbe. Der fand Gefallen an dem jungen Mann, vermutlich weil er die Satire für bare Münze genommen hatte. René Striens Talent zum Fabulieren war bei ihm goldrichtig aufgehoben. Strien betreute als Lektor die legendäre „Schwarze Reihe“ mit den avanciertesten amerikanischen Underground-Autoren – ein frühes Beispiel für die Verleger-Strategie „Wolf-im-Schafspelz“.

Bei Lübbe arbeitete er eng zusammen mit Reinhard Rohn, den er 1996 das erste Mal und 1999 noch mal von Econ zu Aufbau holte. Der Kölner wurde schnell zur zweiten programmatischen Säule des Verlages und ergänzt Strien im populären Segment.

Als man 1993 in Berlin für den traditionsreichen Aufbau Verlag einen Programmmacher suchte, verfiel man nicht gerade aus naheliegenden Gründen auf den eigensinnigen jungen Mann. Man vergegenwärtige sich, dass Berlin damals weder Haupt- noch Trendstadt war. Ein Job beim Aufbau Verlag führte nicht in den Pantheon der deutschen Literatur, sondern in ein nahezu verlassenes Haus in der Französischen Straße.

René Strien aber war die richtige Mischung aus Unternehmertum und Intellektuellem, den es brauchte, um die Mannschaft aus dem Osten mit dem neuen Eigentümer und der gänzlich neuen Marktsituation zu vereinen. Wenige Buchhändler im Westen hatten auf den Aufbau Verlag gewartet, und im Osten bestellten sie vorzugsweise Bücher aus dem Westen. In dieser Situation gemeinsam mit dem damaligen Marketingleiter Norbert Schäpe eine Strategie aus literarischer Tradition einerseits und Marktorientierung andererseits zu finden, gehört zu den Verdiensten René Striens: Aufbau ist heute der Einzige noch existierende größere Buchverlag der DDR.

1995 erschienen die Tagebücher Victor Klemperers „Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten“, die unmissverständlich die gesamtdeutsche Relevanz des Verlages belegten. Ein kommerzieller Erfolg war zuvor auch mit dem letzten Band von Erwin Strittmatters Trilogie „Der Laden“ gelungen. Fast zeitgleich schrieb Aufbau Erfolge mit Douglas Couplands „Generation X“ und 1996 mit jenem Buch, das den Megatrend der historischen Romane einläutete und das bis heute fast 6 Mio. Mal verkauft wurde: „Die Päpstin“. Strien hatte das Manuskript bei einer Agentur in Zürich gefunden und für kleines Geld eingekauft, weil er sich einen kommerziellen Erfolg für den neu positionierten Verlag Rütten & Loening versprach. Auch dafür hatte man ihn geholt, weil der traditionsreiche Verlag zuvor hohe Verluste durch ehrgeizige buchkünstlerische Editionen erwirtschaftet hatte.

Das Populäre mit dem Anspruchsvollen zu vereinen und dabei die Leser zu begeistern, war immer auch ein Spagat – mitunter bis an die Grenzen der Zerreißprobe wie im Fall Stefan Effenberg. Über 150.000 verkaufte Exemplare sicherten auch in einer Zeit lange vor Philipp Lahm bei Kunstmann die wirtschaftliche Existenz eines Verlages.

Mit Neugründungen wie der renommierte Bilderbuch-Edition, die ab 2000 von Ute Blaich herausgegeben wurde, oder dem Tochternunternehmen Der Audio Verlag als Joint-Venture mit dem SWR (und später dem SPIEGEL-Verlag sowie WDR und RBB) im Jahr 1999 sowie mit zahllosen anderen Editionen und Einzelprojekten hat René Strien Verlagsgeschichte geschrieben. Die Gremienarbeit hat er lange gemieden, um 2012 als Vorsitzender der AG Publikumsverlage anzutreten und sich nun umso wirkungsmächtiger und sichtbarer für die Zukunft unserer Branche zu engagieren.

Aufbau bleibt unter seiner programmatischen Ägide ein bunter Hund in der Verlagsszene. Farben bereichern unser Leben. Und René Strien ist ein vielfarbiger Verleger. Wünschen wir ihm an seinem 60. Geburtstag weiterhin Fortune!

Wer auch gratulieren möchte: strien@aufbau-verlag.de

Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin: redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Runde Geburtstage

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