Roman Hocke (60)

Roman Hocke

Roman Hocke wird heute sechzig Jahre alt. Es gratuliert ihm sein Freund, der Bestseller-Autor Peter Prange:

Als mein Freund Roman Hocke sich 1997 als Literaturagent selbständig machte, hatte er ein echtes Problem: „Es fällt mir wahnsinnig schwer, über Geld zu reden“, gestand er mir damals. „Wenn Verleger mit Zahlen kommen, bricht mir der kalte Schweiß aus. Ich habe das einfach nicht gelernt. Bei uns zu Hause wurde nie über Geld gesprochen, nur über Literatur.“

Ich muss sagen, als sein erster Mandant war ich ziemlich entsetzt. Doch durfte ich mich wundern? Ich wusste ja, aus welchem Stall er stammte. Sein Vater, Gustav René Hocke, war einer der großen Journalisten und Literaten der Nachkriegszeit, ein „homme de lettres“, wie es ihn in Deutschland eigentlich gar nicht gab – weshalb die Familie auch nicht in Deutschland, sondern in Genzano di Roma lebte, einem kleinen Ort in den Albaner Bergen, wo in den 60er und 70er Jahren eine ganze Reihe deutscher Geistesgrößen lebte, die dort eine Art nachbarschaftliches Collegium illustre miteinander pflegten. In der „Casa Hocke“ gingen u.a. Luise Rinser, René König und Michael Ende täglich ein und aus. Sie alle überboten sich gegenseitig in dem Versuch, dem kleinen Roman den richtigen, also jeweils eigenen Begriff von Kunst und Literatur zu vermitteln – unter wüsten Verunglimpfungen ihrer Mitstreiter, die dem Jungen die Sinne zu verwirren drohten.

In einem solchen geistigen Klima fällt es einem Heranwachsenden natürlich schwer, den eigenen Kopf zu bewahren. Roman gelang es. Eines Tages, er brütete gerade über der Interpretation eines Benn-Gedichtes, war wieder einmal die ganze Corona in der Küche versammelt. Er solle mal vortragen, was er zu Papier gebracht habe. Nach ein paar Sätzen winkte man ab. Dann steckte man die Köpfe zusammen, um Roman die ultimative Interpretation ins Schulheft zu diktieren: „Da wird dein Lehrer aber Augen machen!“ In der Tat: Am nächsten Tag kam Roman mit einer glatten Fünf nach Hause. Ob er wirklich so verschwurbelt denke oder nur versucht habe, seinen berühmten Vater nachzuahmen, hatte der Lehrer gefragt. Roman hatte verneint, um sodann seine eigene ursprüngliche Interpretation vorzutragen. „Na also“, hatte der Lehrer gebrummt. „Warum nicht gleich so?“

Diese Eigenständigkeit im Urteil – egal, welcher Wind gerade bläst – war und ist typisch für ihn. So auch, als wir uns 1981 kennenlernten. Roman hatte gerade eine Dissertation über Manzonis „Promessi sposi“ angefangen, als der Stuttgarter K. Thienemanns Verlag ihm auf Empfehlung Michael Endes anbot, die Edition Weitbrecht als Gründungslektor zu betreuen. Roman ließ die akademischen Würden fahren und griff beherzt zu. Eines der ersten Manuskripte, das er in die Hände bekam, war „Stein und Flöte“ von Hans Bemann. Obwohl der Text im Haus bereits abgelehnt worden war, tat Roman etwas, was heute praktisch unvorstellbar ist für einen Lektor: Er schloss sich in seinem Büro ein und las. Und las. Und las. Eine geschlagene Woche lang. Dann kam er aus seiner Höhle heraus, überzeugte seinen Verleger Hansjörg Weitbrecht von dem Manuskript – und landete so seinen ersten Bestseller, der auch international Furore machte.

Vom Lektor stieg er bald zum Verlagsleiter auf. Doch nach anderthalb Jahrzehnten als Angestellter war es genug – Roman Hocke machte sich selbständig, mit einem rührend kleinen Fähnlein von Autoren, dem außer mir noch Andreas Englisch, Wolfram Fleischhauer, Ralf Isau und Jörg Kastner angehörten. Dass es ihm damals schwer fiel, über Geld zu reden, schlug zu meiner Überraschung kaum ins Gewicht. Denn sein Kapital war keine wie auch immer geartete Finanzkompetenz, sondern eine Qualität, die er im Küchenkolloquium seines Elternhauses erworben hatte: ein überaus sensibles Gespür für Geschichten und Themen – gepaart mit unbändigem Kampfeswillen für seine Autoren und einer Überzeugungskraft, die nach Hansjörg Weitbrecht noch Scharen weiterer Verleger zermürben sollte.

Diese Eigenschaften sprachen sich in der Szene bald herum, auch unter Kollegen. Auf diese Weise kam es nur wenige Jahre nach Gründung der Agentur zu einer wunderbaren Partnerschaft mit Reinhold Stecher und dessen legendärer AVA. Nunmehr als AVA-international firmierend, nahm die Agentur einen solchen Aufschwung, dass es mir als Autor der ersten Stunde manchmal fast ein bisschen schwer fiel, meinem Freund diesen Erfolg zu gönnen. Dutzende neuer Kolleginnen und Kollegen kamen ins AVA-Boot, allesamt beneidenswert jung und ehrgeizig und verkaufsstark, und mit ihnen allen musste ich mir nun „meinen“ Agenten teilen: Sabine Ebert, Sebastian Fitzek, Peter Freund, Andreas Gruber, Markus Heitz, Thor Kunkel, Charlotte Lyne, Ursula Poznanski, Rainer M. Schröder – um nur ein paar wenige Namen aus dem beeindruckenden Agentur-Portfolio zu nennen.

Mit einer solchen Riege hochkarätiger Bestseller-Autoren könnte Roman Hocke sich nun eigentlich zurück lehnen und zusammen mit seiner Andrea, mit der er bereits seit über vierzig Jahren in produktiver Gegensätzlichkeit zusammen lebt, in seinem geliebten Rom die Früchte seiner Arbeit, sprich: die munter sprudelnden Tantiemen genießen. Doch davon will er nichts wissen, im Gegenteil: „Ich fange doch jetzt erst richtig an“, so seine Drohung an die Familie wie auch an alle Autoren, Verleger und Mitarbeiter. Zu seinem 60. Geburtstag gönnt er sich darum gerade mal eine kleine Reise nach Irland, um sich danach mit doppelten Eifer ins Messegetümmel zu werfen.

Ehrlich gesagt, mich wundert es nicht. Denn das Problem der Gründerzeit hat Roman Hocke längst überwunden: Er hat gelernt, über Geld zu reden. Ja, mehr noch, er tut es inzwischen mit solch diebischem Vergnügen, dass oftmals, wenn es in einer Vertragsverhandlung um Zahlen geht, nicht mehr ihm der kalte Schweiß ausbricht, sondern den Verlegern. Und das, möchte man als Autor hinzufügen, ist auch gut so!

Kontakt: roman.hocke@ava-international.de

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