Gestorben Rolf Hochhuth

Der Schriftsteller und Dramatiker Rolf Hochhuth ist gestern am 13. Mai 2020 im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben.

Rolf Hochhuth

Er wurde am 1. April 1931 in Eschwege geboren.  1959 konzipierte der damalige Lektor beim Bertelsmann Lesering während eines Rom-Aufenthalts sein erstes Drama Der Stellvertreter.  1963 wurde es in Berlin von Erwin Piscator uraufgeführt und erregte weltweites Aufsehen. Hochhuth wurde u.a. mit dem Kunstpreis der Stadt Basel (1976), dem Geschwister-Scholl-Preis (1980), dem Lessing-Preis der Freien Hansestadt Hamburg (1981), dem Elisabeth-Langgässer-Preis (1990) und dem Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache (2001) ausgezeichnet.

Der Rowohlt Verlag erinnert so an seinen Autor: 

Fritz J. Raddatz nannte ihn einen «Kaltnadelradierer der Poesie, schmucklos, scharf ritzend, aber nicht ätzend … ein besessener Aufklärer, wo er die Täter am Werk sieht, ob Diktatoren oder Shareholder». Rolf Hochhuth war einer der erfolgreichsten Dramatiker des heutigen Theaters – mit sicherem Gespür für brisante Stoffe und Themen. Hochhuth, am 1. April 1931 in Eschwege geboren, erzielte mit dem christlichen Trauerspiel «Der Stellvertreter» internationalen Erfolg. Es thematisiert die Rolle der katholischen Kirche, speziell die von Papst Pius XII., im Zweiten Weltkrieg. Als rigoroser «Moralist und Mahner» setzte sich Hochhuth mit aktuellen politisch-sozialen Fragen auseinander; in einer Vielzahl offener Briefe plädierte er für die «moralische Erneuerung» der Politik.

Er war einer der erfolgreichsten Dramatiker des heutigen Theaters – mit sicherem Gespür für brisante Stoffe und Themen. Jedes seiner Stücke hat heftige Debatten ausgelöst und manchen prominenten Politiker und Kirchenmann das Fürchten gelehrt. «Der Stellvertreter» war ein Paukenschlag in der Geschichte des westdeutschen Nachkriegstheaters. Die Westberliner Uraufführung am 20. Februar 1963 unter Regisseur Erwin Piscator löste die bis dahin heftigste Theaterdebatte der Bundesrepublik Deutschland aus. Aber nicht nur in der Bundesrepublik sorgte Hochhuths «Skandalstück» für heftige Reaktionen. Auch in anderen europäischen Ländern kam es zu Tumulten während und nach Aufführungen. Für seine Inszenierung am New Yorker Broadway im Februar 1964 wurde Produzent Herman Shumlin mit einem Tony Award ausgezeichnet. 2002 wurde das Stück von Regisseur Constantin Costa-Gavras mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle verfilmt.

Zeitweise hatte der streitbare Hochhuth die ganze katholische Kirche gegen sich, was ihm durchaus behagte: «Es gab Drohungen und Fackelzüge. ‹Der Stellvertreter› durfte anfangs an keiner deutschen Bühne am Rhein gespielt werden und an keiner südlich des Mains. Im protestantischen Basel mussten 200 Polizisten das Theater bewachen. Es gab sogar im Bundestag eine kleine Anfrage von katholischen Abgeordneten der CDU, die das Stück verbieten lassen wollten. Aber ich habe immer auch Verteidiger innerhalb der Kirche gefunden. Der prominenteste war Papst Johannes XXIII. Als man ihn fragte, was man tun könne gegen das Stück, war seine Antwort laut Hannah Arendt: ‹Nichts! Gegen die Wahrheit kann man nichts tun.›»

Zu Hochhuths Prominenz trug nicht zuletzt Ex-Bundeskanzler Ludwig Erhard bei. Nach der Veröffentlichung des Essays «Der Klassenkampf ist nicht vorbei» im Spiegel (Mai 1965) schäumte Erhard – und benutzte in einer Rede die berühmt gewordene Formulierung vom «ganz kleinen Pinscher».

So gut wie jedes Hochhuth-Stück löste massive Proteste aus. «Soldaten» (über den alliierten Bombenkrieg im Zweiten Weltkrieg) erzeugte einen Londoner Theaterskandal und sorgte letztlich für die Abschaffung der britischen Theaterzensur. In der Erzählung «Eine Liebe in Deutschland» fiel der ebenfalls legendär gewordene Ausdruck vom «furchtbaren Juristen» über den baden-württembergischen CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger und dessen Rolle als Marinestabsrichter im Dritten Reich, wogegen Filbinger klagte und sich im Prozess dermaßen in Widersprüche verwickelte, dass er schließlich zurücktreten musste. Aber auch Werke wie «Juristen, «Die Hebamme», «Alan Turing», «Wessis in Weimar» oder «McKinsey kommt» wurden in der Öffentlichkeit leidenschaftlich diskutiert.

Was Gert Ueding über Hochhuths Gedichte schrieb, gilt für sein ganzes Werk: «Hier habt ihr einen, den nur eine dünne Haut von den Katastrophen der Weltgeschichte trennt und der daher die kräftigen Worte sucht wie das Kind den schrillen Pfeifton in der Dunkelheit.» Zur Erreichung des Ziels, seine Leser frontal anzugehen, komme eben «nicht die gespielte Überlegenheit Brechts, nicht die distanzierte Melancholie Benns» in Frage. Lebendig wurden Geschichte und Zeitgeschichte für Hochhuth erst durch das Handeln Einzelner. Seine Figuren sind streitbare Moralisten – wie er selber einer war. Sein Werk ist Aufruhr in Permanenz, sein literarisches Programm lautete: der Dichter als Störenfried. Nun ist er in einer Zeit von uns gegangen, die solche wie ihn dringend bräuchte.

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