Runde Geburtstage Rainer Schmitz (70)

Rainer Schmitz liebt „besonders Werke, die als Urlaubslektüre für den Strand ausgesprochen ungeeignet sind“ (Foto (c) Yvonne Rörig-Ure)

Heute wird Rainer Schmitz, der nach Büchern und Geschichten jagende und sammelnde Autor des Bestsellers Was geschah mit Schillers Schädel, 70 Jahre alt.

Nach wie vor publiziert gerne und viel, mehr noch, seit er die Mühen der Redaktionsarbeit beim Focus hinter sich gelassen hat. Ein Buch pro Jahr ist schon lange seine Devise, weshalb man ihn in seiner Wahlheimat München Schwabing zuverlässig zu fast jeder Tages-, aber bestimmt zu jeder Nachtzeit am Schreibtisch sitzend erreichen kann. Besonders liebt er Werke, die als Urlaubslektüre für den Strand ausgesprochen ungeeignet sind.

Sein Bestseller Was geschah mit Schillers Schädel – 1.200 Einträge zur Literaturgeschichte – bringt es auf 1.828 Seiten, zweispaltig, die Typographie so, dass man die Einträge gerade noch lesen kann. Das Werk wiegt 1,4 Kilogramm. Mit 1,3 Kilogramm fast ebenso gewichtig ist das mit Benno Ure zusammen verfasste Kompendium Tasten, Töne und Tumulte, das mehr als 2.000 Geschichten aus der Welt der Musik versammelt. Das Schwergewicht unter den Schwergewichten ist bisher der für die Andere Bibliothek zusammengetragene Band Tausend und ein Tag, der satte 4 Kilogramm auf die Waage bringt – und der Schmitz als Kollateralbenefit einige schöne Reisen in den Orient beschert hat.

Wenn in jedem Menschen ein Jäger und Sammler steckt, dann tritt diese evolutionsbedingte Charaktereigenschaft in Schmitzens Schädel besonders markant sublimiert zutage, fokussiert auf Bücher – ja, bibliophil bis biblioman ist er auch – und Geschichten.

Wir waren deshalb versucht, diesen Geburtstagsgruß mit der Frage betiteln: „Was geschieht eigentlich in Schmitzens Schädel?“

Deshalb war der von Berufung wegen Neugierige auch als Kulturredakteur bei der Welt, dann als einer der Gründungsredakteure des SZ-Magazins und schließlich vom Start an bei Focus auf der Jagd nach Geschichten. Vor nichts schreckte seine Sammelleidenschaft zurück. Flohwalzer, Flohfallen und Flöhe im Ohr versammelt Stories über den Floh und die von ihm Gepeinigten. Schwärmer, Schwindler, Scharlatane: Magie und geheime Wissenschaften führt ein in die Welt der Magier, Goldmacher, Wunderheiler und Professoren für »amüsante Physik«. Ergötzliche Nächte, erschienen in der Anderen Bibliothek, präsentiert einen „erotisch-obszönen Reigen und literarischen Gaumenkitzel“ aus der italienischen Renaissance. Die ästhetische Prügely erinnert an die Streitschriften der Antiromantiker; aus Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen porträtiert Schmitz die frühromantische Salonnière Henriette Herz. Besonders angetan hat es dem Autor die Andere Bibliothek, die er seit ihren Anfängen begleitet und – sammelt. Für die Bände 1 bis 400 hat er jüngst mit Wilhelm Haefs Die Chronik der Anderen Bibliothek vorgelegt. Wie verdienstvoll Schmitzens philologische Sammelwut darüber hinaus ist, manifestiert sich in den Anhängen seiner Bücher, wenn Quellenverzeichnisse, Register und Namenslisten manchmal mehr als einhundert Buchseiten umfassen.

Es geht das Gerücht, dass er ab dem heutigen Tag nicht mehr durch die Geistesgeschichte flanieren, sondern sich fokussieren wolle auf seine Lieblingslektüre: die unzähligen Geschichten aus Tausend und einer Nacht, von denen er, wie man raunt, die weltweit größte Sammlung besitzen soll. Dieser Fundus harrt noch der einen oder anderen Ergänzung sowie der Aufarbeitung und Kommentierung.

Wer also in den Bibliotheken oder Antiquariaten Europas, auf den einschlägigen Souks Arabiens oder den Bazaren der alten (!) Seidenstraße einen freundlichen älteren Herrn mit Goldrandbrille antreffen sollte, der auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet, „kann gar nicht meckern“, und dabei behutsam ein Stück vergilbtes Papier oder ein Buch begutachtet, der möge sich darüber im Klaren sein, dass es sich hierbei wohl um ein vitales Exemplar einer besonders schätzens- und schützenswerten, vom Aussterben bedrohten Spezies handelt, dem man eines Wünschen muss: Möge es so lange leben, bis auch die letzte verborgene Geschichte aus Tausend und einer Nacht gefunden, kategorisiert, kommentiert und publiziert ist.

Wolfgang Ferchl / Benno Ure

Wer auch gratulieren möchte:   r.schmitz.muenchen@icloud.com

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