Das Sonntagsgespräch Neugründer Wolf-Rüdiger Osburg über sein erstes Jahr als Verleger

Wolf-Rüdiger Osburg

Mit Anfang 50 ist Wolf-Rüdiger Osburg als Manager bei Shell aus- und in die Buchbranche eingestiegen. Achtzehn Monate hat er in die Vorbereitung des Premierenprogramms, erschienen zur Leipziger Buchmesse, investiert [mehr…].
Unter dem Motto „Menschen und ihre Geschichte“ erscheinen im Osburg Verlag (www.osburgverlag.de) nun sowohl Sachbuch- als auch Belletristiktitel, die ein „Bewusstsein für die Gegenwärtigkeit der Geschichte“ wecken wollen. Im BuchMarkt-Gespräch blickt der Neugründer auf das erste Verlagsjahr zurück.

BuchMarkt: Das erste Geschäftsjahr als Verlagsgründer liegt hinter Ihnen. Wie ist es für Sie und Ihr Team gelaufen?
Wolf-Rüdiger Osburg: Alles, was sich in etablierten Verlagen an Erfahrung verdichtet hat, musste sich hier neu finden. Natürlich haben mir unsere erfahrenen Mitarbeiter außerordentlich geholfen, aber es gibt keine allgemeingültige Formel für Verlagserfolg. Was für einen Verlag gilt, muss für den anderen nicht 1:1 gelten. Vieles hat in diesem Jahr in einem Maße funktioniert, wie wir es nicht für möglich gehalten haben, aber man zahlt auch Lehrgeld.

Das heißt konkret?
Vorwegschicken muss man natürlich, dass dieses Jahr 2008 für die Wirtschaft im Allgemeinen und für den Buchmarkt im Besonderen kein leichtes gewesen ist. Unterm Strich ist es meiner Erfahrung nach aber gut, wenn man gleich gefordert wird. Wie sollte man sich für die Zukunft vernünftig aufstellen können, wenn man in einem Zuckerjahr gestartet wäre.
Eine elementare Freude ist es, in einem Team zu arbeiten und ein Team sich finden zu sehen, in dem jeder am gleichen Strang zieht und in dem jeder den Erfolg des Verlages auch als seinen eigenen Erfolg begreift. Und dies gelingt mit Menschen, deren Schreibtische über ganz Deutschland verteilt stehen und die lediglich über Telefon, Fax und Mail miteinander verbunden sind. Hinzu kommen zwei intensive Programmmeetings pro Jahr, in denen alle sorgfältig vorbereitet ihren Fachbereich beleuchten, kontrovers die Titel diskutieren und die Ergebnisse gemeinsam nach außen tragen.

Sie haben sich intensiv auf den Start vorbereitet. Wie sah das im Einzelnen aus?
Ein Großteil der Arbeit wurde natürlich darauf verwandt, die ersten Buchprojekte zusammenzustellen und ein Programmprofil zu definieren. Die Grundzüge waren dabei immer klar, aber all dem haftete doch sehr viel Theoretisches an. Um so erfreulicher ist es dann, zwei Jahre später ein Verlagsprofil präsentieren zu können, dass den eigenen Ansprüchen standhält und auch von der Buchöffentlichkeit gewürdigt wird. Das gut erzählte Sachbuch und die Belletristik, vorwiegend zu geschichtlichen Themen, von hohem Anspruch und immer „Menschen und ihre Geschichte“ im Vordergrund (also eine Absage an abstrakte, breit angelegte Geschichtsabrisse).

Wird diese Strategie wahrgenommen? Wie waren die Reaktionen auf die ersten beiden Programme?
Dass dieses Profil erkannt worden ist, beweisen nicht nur die vielen äußerst positiven Zuschriften und Kommentare, sondern auch viele unverlangt vorgelegten Manuskripte und Kontakte zu Autoren und nationalen und internationalen Literaturagenten, die uns Manuskripte zugesandt haben und zusenden, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass die Autoren unser Profil verstanden haben und die Bücher zu uns passen.
Die Presseresonanz auf unsere Bücher ist gewaltig gewesen, obwohl man – wie jeder Verlag – natürlich manchmal nicht versteht, warum ein einzelnes hervorragendes Buch einmal doch nicht die gewünschte Presseresonanz erfährt. Dann gilt es zu lernen, dass man die Presse nicht zwingen kann, manchmal aber auch darauf zu vertrauen, dass sich die Dinge oft noch spät zum Guten wenden können.

Und die Zusammenarbeit mit den Autoren?
Mit 17 Büchern im Startjahr 2008 haben wir für einen neuen Verlag sicherlich ein gewaltiges Erstprogramm hingelegt, aber es ist immer noch klein genug, dass wir uns um die Autoren im Einzelnen kümmern konnten. Zahlreiche Lesungen hiesiger Autoren haben wir erlebt, erwähnen möchte ich aber zwei größere Lesereisen von Autoren aus Übersee, Tom Reiss aus den USA (März 2008) und André Brink aus Südafrika (November 2008), die uns und vielen Teilnehmern der Veranstaltungen viel Freude bereitet haben.

Welches dieser 17 Bücher ist aufs Jahr gerechnet bislang Ihr größter Erfolg?
Es ist immer schwierig, einzelne Bücher des eigenen Programms hervorzuheben. Eindeutig unser Spitzenreiter und quasi unser Markenzeichen in Verkauf und Qualität ist der Orientalist von Tom Reiss geworden, der sich ungebrochen gut verkauft. Es begeistert Verleger und Verlagsteam natürlich, wenn das verlegte Buch in der Öffentlichkeit von prominenten Lesern als Lieblingsbuch bezeichnet wird. So geschehen durch Götz Alsmann bei Elke Heidenreichs „Lesen!“ am 4. Juli., durch Außenminister Frank-Walter Steinmeier in einem Gespräch mit einem saudischen Würdenträger (deren beider Dialog war immerhin der Tagespresse eine kleine Notiz wert!). Mitglied der Fangemeinde ist schließlich auch der „Tatort“-Kommissar Maximilian Brückner (Saarbrücken).

Und aktuell?
Großer Erfolg wird augenblicklich dem Geduldeten Klassenfeind von Peter Pragal zuteil. Der Autor war der erste deutsche Journalist, der ab 1974 nicht nur aus der DDR berichtete, sondern auch mit seiner Familie für einige Jahre nach Ost-Berlin zog. Ein kluges, humorvolles und überhaupt nicht von einem Ost-West-Gegensatz lebendes Buch.
Während wir mit der Anderen Seite der Stille von André Brink einen großen, den Leser ergreifenden, aber auch kontrovers diskutierten Roman verlegt haben, folgt jetzt im Herbst mit Nell Gwyn eine zweite von Charles Beauclerk kunstvoll geschriebene Biografie, in deren Mittelpunkt das Leben der englischen Kurtisane Nell Gwyn steht.
Mit Freude haben wir zudem Mitte November erfahren, dass unsere Autorin Christine Wunnicke mit ihrem im Frühjahr bei uns erschienenen Roman Serenity den Tukan-Preis 2008 gewonnen hat.

Weit weniger erfreulich war in diesem Jahr die Insolvenz-Meldung der [Aufbau-Gruppe, mit der Sie beim Vertrieb kooperieren.]
Das war ein großes Thema auch und gerade für uns das uns als Vertriebspartner Aufbaus natürlich traf und beunruhigte. Die Verhandlungen, die wir im Spätsommer führen mussten, um etwaige Alternativen für das engagierte Aufbau-Vertriebsteam zu gewinnen, zeigten uns, dass der junge Osburg Verlag durchaus als interessanter Vertriebspartner gesehen wird. Um so erfreulicher war natürlich die Rettung Aufbaus im Oktober und der Einstieg Matthias Kochs in diesen Verlag. Dadurch blieb nicht nur die Grundlage für unsere Vertriebskooperation erhalten, sondern es wurde auch einem ganz sympathischen Verlagsteam eine neue Chance geboten.

Wie schätzen Sie Ihr eigenes Risiko ein – gibt es die Angst, dass Sie als Verleger Ihre früheren Erfolge nicht wiederholen könnten? Wie sehen Ihre Pläne aus?
Wir werden in 2009 mit 19 Büchern antreten, mehr im Augenblick nicht, um unsere Erfolgsformel nicht zu verlieren. Wir erweitern unser Team zum Jahresbeginn und werden sicherlich so unsere internen Abläufe abrunden und verbessern können. Schon in 2008 haben wir, worauf wir stolz sind, alle Auslieferungstermine eingehalten und waren immer lieferbar.

Kann ein Verlag in der heutigen Zeit funktionieren? Kann er gute Bücher veröffentlichen, ohne wirtschaftlich scheitern zu müssen?

Ich kann es heute noch nicht abschließend beantworten, denke aber, dass der Traum vom Verlag noch heute aufgehen kann, wenn man mit viel harter Arbeit, kaufmännischem Handwerkszeug, Energie und Leidenschaft für Bücher ans Werk geht.

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