"Dicht, zärtlich und gar nicht so leise..." Milena Michiko Flašar über Momente des Glücks,Momente der Trauer um das, was sich nicht einholen lässt

Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihr Roman Ich nannte ihn Krawatte wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Gerade ist ihr neuester Roman Herr Katō spielt Familie bei Wagenbach (ET 02.02.2018) erschienen, „ein nachdenkliches Buch über Erinnerungen und unerfüllte Träume, über Glücksmomente und Wendepunkte“ – Anlass für Fragen an die Autorin:

BuchMarkt: Frau Flašar, worum geht es in Ihrem Buch?

Milena Michiko Flašar

Milena Michiko Flašar: Es geht um das Nebeneinander von „echt“ und „unecht“.  Und darum, dass sich beides sehr oft überlappt. So halten wir uns in unserem Leben etwa häufig an Illusionen fest und machen sie zu Wahrheiten, obwohl wir es besser wissen.  Das Buch thematisiert dies anhand des Bereichs „Familie“: Indem Herr Kato, die Hauptfigur, in verschiedene Rollen schlüpft, mal spielt er den Vater, dann wieder den Ehemann – und er scheint geschickter darin, als er es in Wirklichkeit ist – stellt sich ihm die Frage, was von beidem nun denn „(un)echter“ ist: Das tatsächliche Leben oder das gespielte? Und ob nicht beides ein und dasselbe ist? Hier wie dort Momente des Glücks, denen er nachläuft, Momente der Trauer um das, was sich nicht einholen lässt.

Wie entstand die Idee dazu?

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Es gab viele Inspirationsquellen, u.a. eine Dokumentation mit dem Titel „Rent a Family Inc.“ von Regisseur Kaspar Astrup Schröder. Er erzählt  darin von einem Herrn Ichinokawa, der eine Agentur leitet, die Familienmitglieder vermietet, wobei er selbst in einer relativ lieblosen Ehe feststeckt. Beruflich gelingt ihm, was ihm zu Hause misslingt. Ein Widerspruch, dem ich gern weiter auf den Grund gehen wollte.

Welche Leserschaft wollen Sie damit ansprechen?

Eigentlich alle, die sich in Herrn Kato wiedererkennen möchten, in seinen kleinen und großen Lebenslügen. Auch wir gestalten unser Leben, indem wir von ihm erzählen, und dabei schmücken wir oft aus, lassen manches weg, setzten Akzente, dann wieder schwächen wir ab. Dahinter verbirgt sich wohl das menschliche Bedürfnis danach Recht zu haben, auch gegenüber dem Leben: Es soll am Ende kein allzu schlechtes gewesen sein. Und das nicht zu verurteilen, sondern es als eine gewisse Hilflosigkeit gelten zu lassen – es wäre schön, wenn der Leser/die Leserin durch Herrn Kato zu einem solchen Schluss käme.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Da ich selbst keine Buchhändlerin bin, fällt es mir schwer, darauf Antwort zu geben. Als die Autorin, die ich bin, möchte ich es aber aus dem Grund empfehlen, dass es das Alltägliche eines Menschenlebens nachzeichnet, in seiner Tragik und zugleich Komik, und dass es beides zusammenrechnet, nicht auseinanderdividiert.  Außerdem: Herr Kato ist jemand, in dem man sich, wie ich hoffe, verlieben kann. Trotz seiner Macken (oder gerade deswegen) ist er ein Typ, mit dem man gerne mal ums Eck auf ein Bier gehen würde, sich anhören, was er zu sagen hat.

In welchem literarischen Umfeld  könnte es im Buchladen angemessen platziert werden?

Gerne stünde ich bei den Japanern. Am liebsten, obwohl das Buch gar nicht dorthin gehört, bei Jiro Taniguchi und seinen Graphic Novels.  Und – wenn wir schon dabei sind – ein Plätzchen im Schaufenster wäre natürlich auch nicht schlecht. Dort, wo die Sonne hinscheint, damit Herr Kato es warm hat ;)

Wenn Sie das Buch in drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Schwierig… aber wie wäre es mit DICHT, ZÄRTLICH und GAR NICHT SO LEISE? Aber ups, das sind ja schon drei zu viel…

Was lesen Sie privat gerne/aktuell?

Hauptsächlich japanische Literatur, zur Zeit einen Autor, den ich erst kürzlich für mich entdeckt habe und hiermit jedem ans Herz legen möchte, der nicht davor zurückschreckt, in menschliche Abgründe hinabzusteigen:  Osamu Dazai. Sein No longer human (zu deutsch: Gezeichnet) ist eins der genialsten Bücher, die es zum Thema Ich-Verfall gibt. Schonungslos ehrlich, dabei ohne den Zynismus, mit dem das sonst allzu oft – leider –  einhergeht.

 

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