Axel von Ernst über die Hotlist der unabhängigen Verlage „Wir brauchen weniger Mitleid und mehr Rampenlicht“

Axel von Ernst: „Nur zehn von uns repräsentieren uns jedes Jahr, zwei bekommen Preise und stehen für uns alle“ © Uwe Alexander Kirsten

Seit 2010 ist Axel von Ernst spiritus rector der Hotlist der unabhängigen Verlage. Von einer Nacht- und Nebelaktion ist dieser Verlagspreis inzwischen zu einer Institution geworden. Anlass für Fragen an den Lilienfeld-Verleger:

Mit einer Nacht- und Nebelaktion fing vor acht Jahren alles an: Aus lauter Ärger darüber, dass nicht ein einziger Indie-Verlag auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand, telefonierten sich ein paar unabhängige Verleger zusammen und stampften die „Hotlist der unabhängigen Verlage“ aus dem Boden. Inzwischen räumen die Indies beim Leipziger und beim Deutschen Buchpreis regelmäßig ab – hat sich damit die Hotlist nicht überlebt?

Axel von Ernst: Nachdem die Protesthotlist von 2009 Wellen geschlagen hatte, gab es schon ab 2010 das Problem nicht mehr so krass, und die nachfolgenden Jurys der zwei größeren Preise waren etwas sensibilisiert dafür, sich nicht nur von omnipräsenten Verlagsnamen oder vom Marketingaufwand für Texte blenden zu lassen, sondern offen zu sein für die Produktionen der ganzen Verlagswelt.

Es ist übrigens nicht nur für Jurorinnen und Juroren, sondern für uns alle immer wieder schwer, sich nicht von Werbeetats zur Bedeutung eines literarischen Werks bekehren zu lassen, bzw. nicht skeptisch gegenüber Büchern zu sein, die „nur“ in Verlagen, die nicht die allergrößten und einflussreichsten sind, erscheinen. Und wenn man sich die aktuellen Listen ansieht, werden sie durchaus weiterhin noch von immer den gleichen Häusern dominiert.

Da inzwischen auch kleinere unabhängige dabei sind und sogar siegen, will ich mich nicht zu sehr beschweren, allerdings werden solche Siege weit verbreitet immer noch als besondere Ausnahmen gesehen, als ob kleinere Verlage nur Nischenprodukte machen könnten. In jedem Fall kämpft die Hotlist weiter gegen Einseitigkeit, Blindheit und Vorurteile an und zeigt jährlich, wie vielfältig und bedeutend der Beitrag der kleinen und größeren Unabhängigen ist. Das bleibt leider weiterhin sehr notwendig.

Sie haben die zweite Ausgabe der Hotlist übernommen und sie auch organisatorisch in sicheres Fahrwasser gebracht. War das nicht ein bisschen viel Arbeit für einen so kleinen Verlag?

Das war es und ist es, aber auch die Unterstützung ist nach wie vor umwerfend: Über zehn Kuratorinnen und Kuratoren helfen ehrenamtlich und mit großem zeitlichen Aufwand mit, fünf Auslieferungen (LKG, Prolit, Runge, Mohr Morawa und AVA) helfen, auch book2look, Orell Füssli, Kohlibri und re-book sind von Anfang an treu dabei. Das Literaturhaus Frankfurt gibt uns den schönsten festlichen Rahmen. Die Hotlist ist weiter ein Projekt fast ohne finanzielle Mittel und existiert allein durch Solidarität. Ein Glücksfall wie z. B. eine Spende der Schweizer Fondation Michalski kommt leider selten vor.

Sie haben sogar einen neuen Preis, nämlich den Melusine-Huss-Preis etabliert. Wie kam es dazu?

Ich wollte und will aus der Hotlist immer noch mehr für Verlage herausholen und tun. Die Jahresgabe des Förderkreises ist zum Beispiel so etwas. Dieses Buchgeschenk, das der Verein der Hotlist als Dankeschön für die Förderkreismitglieder bei einem Verlag kauft, ist wie ein kleiner „Nebenpreis“. Und ich dachte mir irgendwann auch, es könnte doch für eine Druckerei so einfach wie interessant sein, einen Druckgutschein zu stiften.

Außerdem sprangen die Buchhändlerinnen und Buchhändler im Gegensatz zu anderen nicht gerade in Massen auf eine weitere regelmäßige Liste an, so dass ich auch versuchen wollte, diese mehr einzubinden. So kam es zu der Entscheidung, aus dem Gutschein einen von ihnen verliehenen Preis zu machen. Als dann Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) von der legendären Frankfurter Buchhändlerin Melusine Huss erzählte, war auch gleich der Name dafür da. Und der vergebene Druckgutschein ist übrigens nicht nur finanziell interessant, man kann auch noch bei Theiss in Österreich drucken – unabhängige Qualität vom Feinsten.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass die Hotlist Autoren auszeichnet. Prämiert wird aber vielmehr eine exzellente verlegerische Leistung …

Die Hotlist unterstützt die unabhängigen Verlage, will zeigen, was sie machen und können. Entsprechend gehen die Preise natürlich auch an Verlage. Aber am Ende kommt ja sowieso alles, was ein Verlag kriegt, wieder bei neuen Büchern, also bei den Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzern usw. an.

Ist die Hotlist in der öffentlichen Wahrnehmung da angekommen, oder ist noch Luft nach oben. Von welcher Seite wünschen Sie sich mehr Unterstützung?

Die Hotlist ist ganz und gar nicht da, wo sie eigentlich hingehört. Sie ist eine international einzigartige Sache, bietet die einmalige Chance, Verlage, Bücher und eine ganze Szene ins Scheinwerferlicht zu bringen, für die es sonst keine bezahlbaren Scheinwerfer gibt. Sie ist als Mittel da, aber wird zu wenig genutzt. Das Interesse an der Hotlist ist eigentlich gleichbleibend groß, wie Presse, Einreicherzahlen, Wahlbeteiligung und so weiter zeigen, aber weiteres Wachstum hängt – natürlich – am Geld. Wir brauchen die Möglichkeit, Werbung zu machen, dem Buchhandel mehr Material zur Verfügung zu stellen etc. Das heißt: Ja, Unterstützung jeder Art ist willkommen, sowohl als ehrenamtliches Engagement wie finanziell (angefangen von 5 Euro pro Monat im Förderkreis bis hin zur uns glücklich machenden größeren Spende). Um wirklich den nächsten bedeutenden Schritt tun zu können, wäre aber eine auf längere Zeit garantierte größere jährliche Geldsumme nötig.

Wenn Sie all die Jahre Hotlist Revue passieren lassen, entdecken Sie Tendenzen in der Verlagsarbeit der Unabhängigen? Hat sich die Qualität der Einreichungen verändert?

Die Unabhängigen stehen für eine Kontinuität in der Qualität. Sie stehen, so lange sie können, und mit großer Leidenschaft und Leidensfähigkeit zu ihren Autorinnen und Autoren, zu Standards, Ansprüchen und Themen, auch wenn es betriebswirtschaftlicher Selbstmord zu sein scheint. Auch sie müssen unter großem Druck leider oft Kompromisse machen, aber sie halten Druck länger stand. Ich bin jedes Jahr selbst neu überrascht über die hohe Qualität der Einreichungen; alle Einreicher wählen ihren Hotlist-Titel offenbar sehr genau aus.

Und wie sieht es mit der jährlichen Beteiligung der Verlage aus?

Die jährliche Beteiligung liegt bei ca. 180 Verlagen – das Kuratorium (bzw. jährlich zehn Personen daraus) könnte kaum mehr bearbeiten.

Wie auch bei anderen Preisen werden die Sieger in einem Mix aus Publikumsabstimmung und Juryarbeit ermittelt. Gab es dabei schon mal Probleme?

Das demokratische Moment zu erhalten, war uns von Anfang an wichtig, auch wenn das reichlich mehr Arbeit verursacht. Immer werden alle Einreichungen im Netz präsentiert, und drei Titel der zehn auf der Hotlist werden öffentlich gewählt. Die Juryarbeit soll dann noch dafür sorgen, dass z.B. auch stillere Werke oder in sozialen Medien weniger präsente Verlage ihre Chance haben. Bisher hat sich allerdings herausgestellt, dass Jury und Publikum im Urteil nie sehr weit voneinander entfernt waren.

Wie darf ich mir die Jury-Arbeit vorstellen?

Die Jury bekommt die 30 Kandidatenbücher, hat zwei Monate Zeit, sich damit zu beschäftigen, und gibt dann ihre ersten Urteile ab. Unter der Moderation der Kuratorin Liliane Studer wird dann gemeinsam per E-Mail weiter diskutiert. Die Internetsieger erfährt die Jury erst zum Schluss, und wenn es Deckungsgleichheit gibt, freut sich die Jury, denn dann können andere auf die Liste der Zehn nachrücken. Die Jury trifft sich schließlich auch persönlich zu einer Sitzung in Frankfurt, wo von ihr der Hauptpreis gekürt wird. Die Schwierigkeit ist dabei immer, leckere Äpfel mit leckeren Birnen vergleichen zu müssen, weil auf der Hotlist ja so viel Verschiedenes sein kann.

Sie haben einen Hotlist-Verein gegründet und eine Homepage aufgebaut, den Hotlist-Blog erfunden: Ist das nicht ein bisschen viel Aufwand für einen Preis, der einmal im Jahr vergeben wird?

Das ist sogar noch zu wenig Aufwand, finde ich. Und die Hotlistsaison geht auf der Leipziger Buchmesse los und endet auf der Frankfurter. Das sind schon acht Monate. Dazu gibt es auch noch anderes, das vom Verein organisiert wird wie z. B. das Independence Dinner, der Presseempfang der unabhängigen Verlage Österreichs, Deutschlands und der Schweiz in Leipzig.

Sie ordnen die Hotlist-Einreichungen in nicht weniger als zwölf Kategorien. Warum?

Um bei über 180 Titeln eine gewisse Übersicht behalten zu können. Die Einreichungen werden alle auf der Webseite präsentiert und sollen zum Stöbern einladen. Vielleicht mögen manche den Wühltisch lieber, aber etwas Ordnung ist sicher nicht schlecht.

Was war Ihr größter Erfolg mit der Hotlist?

Der kommt erst noch.

Und der schlimmste Flop?

In den Zeiten vor dem Literaturhaus Frankfurt, wo jetzt immer die Preisgala stattfindet, gab es eine legendär gescheiterte Verleihungsveranstaltung mit Chaos, Tränen, Empörung (und allerdings einer bombigen Party hinterher). Ein unvergessliches Erlebnis.

Übers Jahr betrachtet: Wie viel Zeit nimmt Ihnen die Hotlist von der normalen Verlagsarbeit?

Das kann ich nicht genau sagen; jedenfalls erklärt mich meine Mitverlegerin, die aber auch fleißig mittut, regelmäßig für wahnsinnig. Es ist ansonsten besser, wenn ich nicht drüber nachdenke. Ich finde es ja vor allem schlimm, dass ich nicht MEHR Zeit in die Hotlist investieren kann; es ist zu ihrem Schaden, dass sich niemand nur auf sie konzentriert.

Wie oft haben Sie bereut, die Hotlist auf Ihren Tisch gezogen haben. Immerhin erscheinen in Ihrem eigenen Verlag zahlreiche Bücher, die – würde ich behaupten – beste Chancen hätten, den Preis zu kriegen. Aber als Auslober beteiligen Sie sich nicht am Wettbewerb …

Der Wettbewerb und die Liste sind ja nur spielerische Mittel. Egal, wer „gewinnt“, Vorteile von der Hotlist haben wir Unabhängigen insgesamt. Nur zehn von uns repräsentieren uns jedes Jahr, zwei bekommen Preise und stehen für uns alle. Ich siege also jedes Mal mit, weil möglicherweise mit jeder Hotlist wieder ein paar mehr Leute verstehen, wie wichtig die unabhängige Verlagsszene für die Buchbranche ist und was dort geleistet wird. Wir brauchen weniger Mitleid und mehr Rampenlicht. Also fummele ich aus dem Dunkeln heraus weiter an der branchenüblichen Beleuchtung herum.

Die Fragen stellte Ulrich Faure

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