Prof. Dr. Christoph Bläsi zur Frage, wo Künstliche Intelligenz in der Bücherwelt helfen kann Maschinen als Lektoren, Maschinen als Vorleser?

Das XXIV. Mainzer Kolloquium unter dem Titel „Künstliche Intelligenz in der Buchwelt – Maschinen als Lektoren, Maschinen als Vorleser?“ am 25. Januar in Mainz hat u.a. mit Beispielen nahe gelegt, dass der Einsatz von entsprechenden Werkzeugen Verlagen nicht zuletzt helfen kann, ihre Effizienz zu steigern. Das war Anlass für Fragen an Prof. Dr. Christoph Bläsi, der die Tagung organisiert hat: 

Prof. Dr. Christoph Bläsi: „Unabhängig von optimierten Prozessen und Produktformen ist die Buchwelt aufgerufen, mit unerwarteten, sperrigen, witzigen, originellen Inhalten Leserinnen und Leser wach zu halten, ihnen zu helfen, Löcher in drohende Filterblasen und Echokammern zu sprengen, wie man mit Begriffen der Webkritik sagen könnte !

Ein erstes Fazit nach der Tagung: Zeichnen sich eigentlich schon Bereiche ab, bei denen Künstliche Intelligenz wirklich nützlich ein kann, um die Effizienz von Verlagen zu steigern?

Prof. Bläsi:  Durchaus – KI kann z.B. zum Einsatz kommen bei einer ersten Vorsortierung von Manuskripten mit Blick auf Thema oder Zielgruppenansprache oder in Form von digitalen Nutzer-Schnittstellen, wo man Datenbestände ganz einfach mit natürlicher Sprache „befragen“ kann und auch relevante Treffer bekommt, in denen der eigentliche Suchbegriff gar nicht vorkommt. Das zweite Beispiel zeigt, dass KI neben der Effizienzsteigerung auch helfen kann, bessere, kundenspezifischere und kundenfreundlichere Produkte auf den Markt zu bringen. Wirklich spannend wird es da, wo Künstliche Intelligenz Verlagen hilft, im immer komplexeren Medienumfeld neue Rollen zu finden.

Und wie muss ich mir das vorstellen?

Wir leben in Zeiten des Inhalte-Überflusses, v.a. im Netz – die Rolle von Verlagen dürfte sich hier in Richtung Orientierungsgeber entwickeln – auf das ´tree killing business´, wie man in den 90ern flapsig zum Geschäft mit Gedrucktem gesagt hat, sind Verlag ja schon lange nicht mehr beschränkt ! Und wenn diese Verlage in diesem Sinne heute eher als Content-„Kuratoren“ auftreten, können ermüdungsfreie KI-Systeme sehr bei Auswahl (aus riesigen Datenmengen) und der kundenspezifischen Präsentation helfen.

Wenn Verlage ihre Zugehörigkeit zur Holzwirtschaft also nun ganz hinter sich gelassen haben, sehen wir einer sorgenfreien schönen neuen Datenwelt entgegen? 

So ist es leider nicht – Gefahren der KI verschiedener Tragweite wurden natürlich auch deutlich: Mit nicht sorgfältig genug ausgewählten Daten trainierte lernende Systeme können – gerade in den Medienbranchen – verheerende Ergebnisse liefern und wenn man sich auf die über Schnittstellen oft kostenfrei zur Verfügung stehenden KI-Komponenten der großen Plattformanbieter wie Google verlässt, hilft man denen dabei, ihre Datenkrake zu füttern und ist außerdem möglicherweise an unternehmenskritischer Stelle davon abhängig, dass das Angebot in der einmal eingeführten Version auch bestehen bleibt. Darauf würde ich nicht wetten wollen …

Waren das die einzigen kritischen Aspekte, die diskutiert wurden?

Nein – wir haben auch über einen der grundsätzlichsten gesprochen, nämlich den, dass KI-Systeme die Tendenz haben, den Mainstream oder vielleicht besser: Mainstreams (im Plural) zu verstärken und Abweichendes an den Rand zu drücken. Und an diesem Punkt setzt auch ein zentraler Auftrag an die Buchwelt an: Unabhängig von den gerade erwähnten möglicherweise optimierten Prozessen und Produktformen ist sie aufgerufen, mit unerwarteten, sperrigen, witzigen, originellen Inhalten Leserinnen und Leser wach zu halten, ihnen zu helfen, Löcher in drohende Filterblasen und Echokammern zu sprengen, wie man mit Begriffen der Webkritik sagen könnte !

Das schafft die Verlagsbranche derzeit schon auch ohne KI, wenn ich mir die Trends der Titelproduktion in manchen Bereichen ansehe. Was hat denn das Kolloquium als Botschaft an die Buchwelt gebracht?

Das ist wahr – deshalb ist dieser Auftrag auch weitgehnd unabhängig davon, von den neuen Techniken selbst Gebrauch zu machen! Diesseits dieses grundsätzlichen gesellschaftlichen Auftrags kann eine pragmatische Empfehlung an Verlage aber z.B. lauten, mit durchaus möglichen „kleinen“ KI-Applikationen zu experimentieren und v.a. die Entwicklungen im Auge zu behalten. Ob diese Applikationen nun das auch als Marketing-Label verwendete „Künstliche Intelligenz“ tragen oder einfach nur clevere Software sind, ist dabei nicht entscheidend – „Künstliche Intelligenz“ ist kein geschützter Begriff !

Warum sollten Verlage das tun ?

Nicht zuletzt deshalb, weil KI im Verlag von Routineaufgaben entlasten kann und Freiräume schaffen, sich mit Haltung, Erfahrung, praktischer Intelligenz und Bauchgefühl auf das zu konzentriern, was KI auf absehbare Zeit eben *nicht* angemessen erledigen kann. Solche Entlastung muss dabei nicht notwendigerweise beim zentralen Umgang mit Inhalten erfolgen, sondern auch dadurch, dass z.B. (wenn das rechtlich möglich ist) eine dynamische Preisgestaltung intelligent unterstützt wird oder einfach nur E-Mails an den Verlag automatisch an die jeweils zuständige Abteilung weiter geleitet werden.

Im Buchhandel wird KI vorerst kaum eine Rolle spielen? 

Nach meiner Einschätzung in der Tat wohl zumindest keine große – offensichtliche Anwendungsfelder sehe ich eher bei Verlagen. Buchhandlungen können sich – im gemeinamen Interesse am Medium Buch – erst einmal über die Effizienzsteigerung bei den Verlagen und bessere Produkte mit freuen. Und ihrerseits mit schlanken ´intelligenten´ Applikationen experimentieren, die den Kern ihres Wertschöpfungsbeitrages unterstützen, z.B. die Sortimentsgestaltung oder die Bestellabwicklung.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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