Das Sonntagsgespräch Markus S. Braun: Wie Buchhandlungen Lust auf Bücher machen

In dem 2012 veröffentlichten Buch „Long-established and the most fashionable bookshops“ präsentiert der Braun Verlag alte und neue, klassische und innovative, große und kleine Paradiese, die Lust auf Bücher machen. In unserem Januar BuchMarkt-Heft zeigen wir auf den Seiten 42 bis 45 einige der im Buch vorgestellten Buchhandlungen, die uns besonders gut gefallen haben. BuchMarkt-Redakteurin Maria Altepost sprach mit Verleger Markus S. Braun über die Faszination von schönen Buchhandlungen und ihre Bedeutung in der heutigen Gesellschaft.

BuchMarkt: Herr Braun, auf dem Rücken Ihres Buches steht, dass die vorgestellten Buchhandlungen alle eines gemeinsam haben: „…the ability to create a desire for books“. Wie muss eine Buchhandlung denn aussehen, damit Sie bei den Kunden Lust auf Bücher erweckt bzw. damit diese die Buchhandlung gerne betreten?

Markus S. Braun

Markus S. Braun: Nun, meiner Einschätzung nach gibt es da zwei vorrangige Aspekte: das Programm bzw. die Sortimentstiefe und das Ambiente. Wenn ich eine ansprechend gestaltete Buchhandlung sehe, so betrete ich sie auch ohne Kaufabsicht und kann dann durch das Programm und die Präsentation zum Kauf verführt werden. Aber auch wenn ich mit klarer Kaufabsicht unterwegs bin, betrete ich lieber eine Buchhandlung mit Flair, von der ich zudem noch weiß, dass sie ein fundiertes Programm bietet und sich mir nicht nur als Hochregallager mit Dutzendware präsentiert.

Nur das Innere zählt…Oder doch nicht? Kommt es bei Buchhandlungen auf das „Äußere“ an?

Aber selbstverständlich zählt das Äußere auch – das wissen wir Verleger von Architektur- und Design-Titeln zu allererst. Schon die Fassade – die nackte Architektur ist eine Visitenkarte des Buchgeschäfts, wie das Buchcover Aussage für dessen Inhalt: modern, auf ganzer Breite gläsern geöffnet oder mit dekorativ gerahmter historistischer Holztür und prunkvollen Schaufenstern. Man erwartet ganz unterschiedliche Bücher.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Buchhandlungen, die in dem Buch zu sehen sind, ausgewählt?

Die Buchhandlungen in „book shops“ sind allesamt sehenswert. Man kann sie allein schon aufgrund ihrer Gestaltung besuchen und sich von den Räumlichkeiten inspirieren lassen, Neues zu entdecken. Dass ein Buchhändler, der sich mit der Gestaltung viel Mühe gibt, nicht einfach nur das Standardprogramm anbietet, versteht sich von selbst.

Wie sieht Ihre Vision von DER schönsten Buchhandlung aus? Wie sähe eine Buchhandlung aus, wenn Sie den Ort und die Gestaltung selbst wählen könnten?

Meine Buchhandlung hätte natürlich sämtliche aktuellen und vergriffenen Bücher zu Architektur, Kunst und Design vorrätig, aber auch ein breites Angebot an Belletristik aus aller Welt. Sie böte Nischen zum Lesen und Kommunikationsinseln. Ganz wichtig dabei: der Einsatz von Licht! Die Raumgestaltung würde auf die jeweiligen Abteilungen anspielen. Liegend würden die zu wenig beachteten Bücher präsentiert – Harry Potter verkauft sich auch aus dem Karton unterm Tisch.

Haben Sie einfach umsetzbare (Gestaltungs-)Tipps für Buchhändler, die diese in ihrer eigenen Buchhandlung umsetzen können?

Die Rücken der Bücher sind die Tapeten der Buchhandlung. Zwar unterliegt ihre Ordnung der jeweiligen Systematik, doch kann eine geschickte Lichtregie hier sowohl Akzente setzen, als auch eine einheitlichere Oberfläche schaffen. Auch „starke“ Möbel oder eine dominante Farbigkeit schaffen Vereinheitlichung – wenn diese gewünscht ist. Denn auch eine heterogene Gestaltung kann den Charakter zur Geltung bringen. Die Frontcover sind die Gemälde der Buchhandlung – hier kann man sich von Museen und Galerien inspirieren lassen.

Im Vorwort sprechen Sie die aktuell schwierige Situation der Buchhändler an – Was müssen die heutigen Buchhandlungen anders machen? Wie können sie überleben?

Indem man sich nicht von den großen Onlinehändlern und Bestsellerlisten seine Persönlichkeit nehmen lässt. Selbst deren personalisierte Buchvorschläge bleiben immer willkürlich – hat man einmal ein Kochbuch bestellt, wird man mit Kochbuchvorschlägen zugeschüttet. Der Buchhändler von morgen oder sein jeweiliger Abteilungsleiter kennt auch das nicht vorrätige Programm, er berät und empfiehlt gezielt – aber sein Kunde muss wie der Versandkunde nicht mehr die schweren Bücher durch die Stadt tragen, sondern bekommt sie auf Wunsch – möglicherweise sogar direkt vom Zentrallager – geliefert.

Welche Bedeutung haben Bücher – und Buchhandlungen – für Sie persönlich?

Buchhandlungen mit Charakter sind die größte Inspiration überhaupt. Während die Bibliotheken ihr Wissen immer mehr verstecken und der online „Blick ins Buch“ eher ermüdet, kann man hier an den Regalen vorbeischlendern und entdecken – optisch, haptisch und kognitiv.

Früher waren Buchhandlungen „meeting places of the educated society“ – was sind sie heute?

Leider sind viele Buchhandlungen zu Bestsellerlisten-Hallen geworden. Dort gibt es nur noch wenig zu entdecken und ohne den intellektuellen Reiz findet sich dort auch die „educated society“ nicht mehr ein. Diese „Bestellerhallen“ sind aber vom Onlinehandel am meisten gefährdet. Der kompetente Buchhändler hingegen ist selbst Teil der „educated society“ und zieht seinesgleichen an und somit letztendlich die auch wichtigste Käuferschicht für das Buch…

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