Das Sonntagsgespräch Markus J. Sauerwald: Kann man als Kleinverlag gegen die großen Spieler im Markt bestehen?

Markus J. Sauerwald (52) ist seit Ende 2007 als Verlagsleiter des RWS Verlags tätig. In dieser Position hat er die Digitalisierung der Angebote eines Spezialverlages stark vorangetrieben.

In den letzten Jahren wurden daher bei RWS das Buch-, Zeitschriften- und Seminarprogramm sowie die Online-Angebote immer stärker miteinander verknüpft. Das Ziel: Alle Fachinformationen über alle gängigen Informationswege zugänglich zu machen.

Markus J. Sauerwald

BuchMarkt: 2007 wechselten Sie von einem international operierenden Konzernunternehmen zu einem Kleinverlag mit etwa 20 Mitarbeitern. Was hat Sie an dieser Entscheidung gereizt?

Markus J. Sauerwald: Die Entscheidung, einen Konzernverlag zu verlassen, habe ich nicht bereut. Die Fragestellung für einen (Fach-)Verleger bleibt bei aller Größe gleich. Kann ich im Überfluss der Informationen Orientierung geben? Treffe ich die richtige Auswahl? Stelle ich das Wissen in zeitgemäßer Form den Lesern zur Verfügung?
Gereizt hat mich, dass bei diesem Prozess die Gestaltungsmöglichkeit in kleinen Häusern ungleich größer ist.

Warum ist das so?

Die Möglichkeiten kleiner Verlage im Vergleich zu den Universalanbietern haben sich in den letzten Jahren immer mehr angeglichen. Eingehende Manuskripte zu digitalisieren und in allen Formen anbieten zu können, ist heute keine Frage des Geldes. Die Entscheidungswege sind kürzer, die schlanke Kostenstruktur erleichtert die Planung.

Bei RWS hatten wir 2007 exzellente Inhalte, aber keine modernen Prozesse, um diese Inhalte in einem modernen Format verbreiten zu können. Aber es erwies sich als weniger schwierig, die analoge Herstellungsform auf eine zeitgemäße digitale Produktion umzustellen. Wer klein ist, kann das radikal von einem auf den anderen Tag ändern. Das haben wir getan.

Das klingt trotz schneller Entscheidungswege nach einem aufwendigen Prozess. Und vor allem nach Kapitaleinsatz. War das für einen Verlag mit überschaubarer Größe finanzierbar?

Ja, und ich will Ihnen sagen, warum. Als ich 1990 mit dem Büchermachen anfing, kümmerten sich Verleger „nur“ um Inhalte. Technik spielte bei weitem nicht eine so überragende Rolle wie heute. Dann kamen Anfang der 1990er-Jahre die ersten Datenbanken auf und ermöglichten auch größere Datenmengen, etwa die Sammlung des Bundesgerichtshofs, auf eine Scheibe zu pressen. Als das Internet ab Mitte der 1990er-Jahre Unternehmen und Verbraucher erreichte, beschleunigte sich dieser Prozess. Verlage machten nicht nur Bücher, sondern wurden Datenbankanbieter.

Damals als Programmleiter eines mittelständischen Verlages erlebte ich, wie sich einige größere rechtswissenschaftliche Verlage – auch meiner – zusammentaten, um sich dieser Herausforderung in finanzieller und technischer Hinsicht zu stellen. „Legalis“ war geboren und ging später in „Legios“ auf. Damit schien festzustehen, dass es kleinere Verlage nur mit den Großen zusammen schaffen würden, dieser technischen Revolution zu begegnen. Doch dann wurden die Programme, um diese Datenmengen zu erschließen, dank des Internets zugänglich und für jeden erreichbar. Die Investitionen in diesem Bereich wurden auf einmal überschaubar und finanzierbar.

Wie konnten die kleinen Verlage die schwere Phase bis dahin überstehen?

Viele hielten oder etablierten sich in den Nischen, einige von ihnen entwickelten im Kleinen für ein spezialisiertes Publikum auch im Internet durchaus attraktive Informationsportale. Und das gedruckte Werk war und ist bis heute noch immer der Hauptumsatzträger. Wirklich weiter brachte die kleinen Häuser aber, dass mit der dynamischen Entwicklung des Internets das Erschließen großer Inhalte und die Strukturierung der eigenen Produktion – wie schon eben gesagt – preisgünstiger wurden und sich hierfür auch ein leistungsfähiger Dienstleistermarkt entwickelte. Es war auf einmal keine Frage der finanziellen Ressourcen, auch als Spezialanbieter auf der Höhe der Technik zu sein und alle Informationsformen zu bespielen.

Die Entwicklung schreitet zügig voran. Was können Sie jetzt, was sie vor einigen Jahren nicht konnten?

Ein lektoriertes Word-Manuskript ist heute nach Bearbeitung durch den Satzdienstleister zeitgleich eine Druckdatei, liegt im gängigen E-Book Format vor und kann in jedwede Datenbank eingespeist werden. Damit kehren wir zum eigentlichen Kern der Verlagsarbeit zurück. Wir kümmern uns in erster Linie um Inhalte, veredeln diese im Lektorat und produzieren sie in den Formen, die beim Kunden nachgefragt werden.

Gilt dies auch für Kleinauflagen?

Ja, die Produktion wird sogar insgesamt günstiger, weil wir zudem von sinkenden Druckpreisen profitieren. Als Spezialanbieter, der Fachinformationen für hochspezialisierte Anwälte zur Verfügung stellt, profitieren wir allerdings auch davon, dass wir bei kleineren Auflagen mit höheren Ladenverkaufspreisen an den Markt gehen können. Das versetzt uns in die Lage, ein sehr differenziertes Programm auszuarbeiten, das große Themen genauso beinhaltet wie Randthemen.

Geht das in großen Häusern nicht?

Doch, in guten Verlagen werden auch diese Themen gepflegt, aber längst nicht in allen. Da konzentriert man sich auf große Titel und misst den kleinen nicht die Bedeutung zu, die sie erfordern. In erster Linie wird an dem gespart, was Verlegerei neben der Programmgestaltung am meisten ausmacht: dem Lektorat! In den kleinen Titeln steckt für die Großen zu wenig Marge, für uns ist es Teil eines ganzheitlichen Angebotes.

Für den Augenblick mag Ihre Strategie aufgehen, aber neue Herausforderungen warten: Was bedeutet open access, d.h. der freie Zugang zu wissenschaftlichen Texten für Forscher oder „Künstliche Intelligenz“, die frei verfügbare Information intelligent zu bündeln weiß, für Sie?

Verlage standen immer vor neuen Herausforderungen. Der Verlag ist als Bindeglied zwischen Autor und Leseröffentlichkeit wichtig. Warum? Er (er)kennt Trends. Verlage tragen zur Profilierung bei, indem sie wichtigen Aspekten, die ein Thema weiterentwickeln, Bühne und Öffentlichkeit verschaffen. Sie bereiten Informationen lesegerecht auf. Andererseits sind Verlage darauf angewiesen, dass die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die verlegerische Leistung anerkennt und angemessen honoriert. Einen freien Zugang zu wissenschaftlichen Texten für die Wissenschaft zu schaffen (open access) mit editierten Informationen, die vormals über bezogene Abonnements bezahlt wurden, wird niemand als gerecht empfinden. Aber Informationen in neuen Formen anzubieten oder daran angepasste Preismodelle, werden von Verlagen sicher realisiert. Schließlich sind wir Dienstleister. Im Bereich der juristischen Fachinformation sind wir gespannt, wie schnell und in welcher Weise sich das Informationsverhalten der Juristen in Richtung elektronischer Datenbanken weiter verändern wird. Führt dies, wie in der Musikindustrie dazu, dass nur noch ein „Sockelinteresse“ für die klassische Darstellungsform Druck übrig bleibt, so wie es dort einen harten Kern von Vinyl-Anhängern gibt, während der Hauptkonsum digital erfolgt? Der RWS Verlag ist in jedem Fall dafür gerüstet.

Markus J. Sauerwald ist seit vielen Jahren im Verlagsgeschäft tätig. Zunächst als Rechtsreferendar in München bei C.H. Beck von 1990-1992, wo in kleinem Kreis ein juristisches Programm für das wiedervereinigte Deutschland entwickelt wurde. Anfang 1993 folgte die erste verantwortliche Tätigkeit als Programmleiter für Studien-, Anwalts- und Notarliteratur beimCarl Heymanns Verlag bis zu dessen Übernahme durch Wolters Kluwer Deutschland 2006.

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