Das Sonntagsgespräch „Man kann natürlich nie besser sein als der Text“ – Mechthild Großmann über das Lesen von Hörbüchern

In Hamburg wird am 30. November zum dritten Mal der Kinderhörbuchpreis BEO verliehen.  Wir sprachen deshalb mit der Schauspielerin und Hörbuchsprecherin Mechthild Großmann, die bereits zum zweiten Mal auf dem Siegertreppchen steht. In diesem Jahr erhält sie den Preis der Kinderjury für ihre Interpretation des Tagebuchs einer Killerkatze von Anne Fine (Oetinger audio), 2015 wurde sie in der Kategorie II (7 bis 11 Jahre) als Interpretin von Bertrand Santinis Der Yark (sauerländer audio) ausgezeichnet. Dies war Anlass für Fragen an die ausgezeichnete Hörbuchsprecherin.

BuchMarkt: Frau Großmann, Sie werden in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge mit dem BEO ausgezeichnet.

Mechthild Großmann: Ja. Ja, das ist wunderbar! Was soll ich sagen? Ich bin schon sehr gerührt.

 

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Mechthild Großmann: „Es gibt keine Routine beim Vorlesen. Man muss schon jedes Mal neu suchen und finden!“

 

Diesmal hat sich die Kinderjury der Freien Montessori Schule Berlin für Ihre Interpretation vom Tagebuch einer Killerkatze entschieden. Wie wichtig ist Ihnen das Urteil der Zielgruppe?

Die Auszeichnung der Kinder, das ist ja im Grunde das Wichtigste. Ja, und ich fühle mich sehr, sehr geehrt.

„Wir finden toll, dass die Sprecherin alles so gut betont hat und in so viele verschiedene Rollen geschlüpft ist“, heißt es in der Begründung der Kinderjury. Wie bereiten Sie sich auf die Aufnahmen vor, damit das gelingt?

Zuallererst lese ich den Text mehrere Male. Dabei fange ich an zu überlegen. Ich stelle mir vor, was ist das für eine Person? Wie sieht sie aus? Wie spricht sie? Und dann probiere ich das aus. Meistens findet man da was.

Wie war die Arbeit am Tagebuch einer Killerkatze?

Mich in die Situation einer Katze zu versetzen, die ihre Familie „natürlich“ nicht verstehen kann, hat mir großen Spaß gemacht. Der etwas bösartige Humor dieser „Killerkatze“ ist natürlich großartig.

Sie lassen die Hörer tatsächlich vergessen, dass nur eine Sprecherin liest, denn Sie geben den jeweiligen Figuren eine völlig eigene Intention. Wie finden Sie den Ton des jeweiligen Charakters?

Wie gesagt, ich probiere das aus. Und dann heißt es: üben, üben, üben! Vielleicht muss man sich auch in eine Figur verlieben, um sie zu verstehen.

Sie sind eine erfahrene Vorleserin. Hat sich da nicht längst Routine eingestellt?

Nein! Auf keinen Fall! Man muss schon jedes Mal neu suchen und finden. Da gibt es keine Routine.

Worauf kommt es bei der Interpretation von Texten für Kinder an?

Für mich macht es überhaupt keinen Unterschied, ob ich für Erwachsene oder für Kinder lese.

Müssen Ihnen die Bücher auch gefallen, damit Sie sie authentisch vorlesen können?

Es wäre besser. Inzwischen kann ich Texte, die ich nicht so mag, auch ablehnen.

Haben Sie die Möglichkeit, Stoffe, die sie gerne lesen möchten, auszuwählen?

Leider nicht. Es gibt schon Texte, die ich unheimlich gerne lesen würde, aber in der Realität werden solche Entscheidungen von den Redaktionen und Verlagen getroffen.

Nennen Sie uns dazu bitte ein Beispiel?

Susan Sontag und Arno Schmidt. Sogenannte „schwierige“ Autoren finde ich ganz wunderbar. Alan Bennett zum Beispiel, dessen Texte ich sehr oft vor Publikum gelesen habe, habe ich leider noch nie als Hörbuch machen können.

Gibt es ein Hörbuch, das Sie in besonders guter Erinnerung haben?

Der Yark ist schon sehr besonders. Und der Autor Bertrand Santini hat eine sehr sehr schräge Phantasie, muss ich sagen. Ein Monster, das scheitert! Das ist doch großartig. Man kann natürlich nie besser sein als der Text.

Was macht einen Text denn geeignet zum Vorlesen?

Ich glaube, das empfindet sicher jeder Sprecher anders. Ich mag wörtliche Rede sehr. Bei einem Text, in dem sich mehrere Personen unterhalten, kann eine ganz spannende und realistische Situation entstehen.

Wenn Sie gerade nicht auf der Bühne oder vor der Kamera stehen, machen Sie auch viele Lesungen in Buchhandlungen und bei Festivals. Ist es ein großer Unterschied, ob Sie vor Publikum lesen oder im Studio?

Oh ja, das ist ein großer Unterschied. Eine Lesung vor Publikum gleicht einer Vorstellung im Theater. Im Studio gibt es natürlich die Möglichkeit der Wiederholung, wenn man einen Fehler gemacht hat. Man kann eine Situation auch noch einmal differenzierter versuchen. Und es ist natürlich schön, dass ich durch die Scheibe die Reaktion des Regisseurs und des Tontechnikers sehen kann.

„Rund, rauchig, warm, sonor und voll atemberaubender Tiefe.“ So beschrieb die BEO-Jury 2015 Ihre Stimme im Yark. Wie pflegen Sie Ihre Stimme?

Meine Stimme pflege ich nicht besonders. Ich muss nur ausgeschlafen und konzentriert sein.

Da Sie beruflich so viel lesen müssen, kommen Sie in Ihrer Freizeit überhaupt noch zum Lesen?

Leider viel zu wenig. Manchmal nehme ich mir aber einen Tag vom beruflichen Alltag frei und lese nur das, was ich selbst gerne lesen möchte.

Und was ist das?

Ich lese sehr gerne Biografien. Ich fresse sie sozusagen. Unmengen.

Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Zurzeit lese ich Töchter einer neuen Zeit von Carmen Korn. Das Buch spielt in dem Hamburger Stadtteil, in dem ich auch wohne. Es beginnt nach einem ersten Weltkrieg. In den Straßen und Häusern, die ich auch kenne. Es kommt einem sehr vertraut vor.

Das Gespräch führte Margit Lesemann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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