Das Sonntagsgespräch Lucien Leitess: Ich glaube an die Unsterblichkeit starker Geschichten und guten Erzählens

Lucien Leitess

Vier Nobel- oder Friedenspreisträger im Programm zu haben, das macht man als Verlag nicht mal eben so. Dem Zürcher Unionsverlag von Lucien Leitess ist es im Laufe der letzten 40 Jahre gelungen. 449 Autorinnen und Autoren in 39 Sprachen wurden hier bislang veröffentlicht.

Leitess ist aber nicht allein ein begeisterter Leser und Buchliebhaber, sondern hat auch eine Leidenschaft für Software. Zurzeit baut er mit Leipziger Kollegen an einer „datenbankgestützten E-Book-Maschine“, mit der er beweisen will, dass Typographie auch bei E-Books möglich ist…

BuchMarkt: Herr Leitess, Sie machen vieles anders als andere, seit 40 Jahren …

Lucien Leitess: Wirklich? Rundherum sehe ich ständig gute Ideen von Anderen, die ich selbst gerne gehabt hätte. Immerhin, der Verlag lebt seit 40 Jahren, also liegt unsere Trefferquote leicht höher als 50 Prozent.

Warum?

Vielleicht weil wir so störrisch sind? Gute Bücher manchmal nur darum machen, weil wir sicher sind, dass die irgendwann auf dieser Welt von guten Lesern entdeckt werden, auch wenn bis zur zweiten Auflage vielleicht Jahre vergehen? Wenn dann ein solchermaßen störrisch gepflegter Autor den Nobel- oder Friedenspreis bekommt (was uns viermal geschenkt wurde), ist man für die nächsten zehn Jahre in dieser mutwilligen Zuversicht bestätigt.

Leitess in der Midaq-Gasse: Schauplatz von Machfus

Woran glauben Sie?

An die Unsterblichkeit starker Geschichten und guten Erzählens. Und dies weltweit, nämlich unabhängig von Herkunft, Sprache, Hautfarbe und Name des Erzählers. Dass wir in 40 Jahren 449 Autorinnen und Autoren in 39 Sprachen mit Geschichten, die in 116 Ländern spielen, veröffentlichen durften, ist unser kleiner Baustein zur freien Republik der Weltliteratur.

Vor 40 Jahren war der Großteil des Buchhandels unabhängig, Ketten mit Zentraleinkauf gab es noch kaum. Werden Verlage wie der Ihre überleben?

Auch die Filialisten verkaufen manche unserer Bücher recht gut. So unterstützen wir uns gegenseitig beim Überleben im Strukturwandel … Seit Jahren werbe ich für diesen Gedanken: Die unabhängigen, experimentierfreudigen Programmverlage und die neugierigen, engagierten Buchhandlungen sind innerhalb unserer Branche die großen Talentbühnen. Jeder zukunftsgerichtete Musikkonzern hat seine A&R-Abteilung für „Artists und Repertoire“, wo die künftigen Erfolge gesucht werden. Jeder Erdölkonzern, der nicht genügend Geld und Aufmerksamkeit für Exploration und Probebohrungen einsetzt, sitzt früher oder später auf dem Trockenen. Drum hat es in unserer Branche Bedarf und Platz nicht nur für das Buch-Warenhaus und dem Verlagskonzern, sondern daneben immer auch für die charaktervolle Bücher-Boutique und dem Programmverlag, wo man nicht nur die vermeintlichen Bestseller, sondern auch das ausgesucht Bestsellerwürdige findet.

Lucien Leitess mit dem ersten Buch des Verlags

Ihr erstes Buch haben Sie mit einer IBM-Kugelkopfmaschine gesetzt. Und im Editorial dieser Herbstvorschau fordern Sie mehr traditionelle Satzkunst beim E-Book. Wie geht das zusammen?

Grad drum, aus Scham. Die meisten gängigen E-Books stehen typografisch leider auf dem Niveau alter Schreibmaschinen. Das liegt zum einen Teil an der schludrigen Programmierung der Lesegeräte. Die Kindles kennen zurzeit ja noch nicht einmal die Silbentrennung. Zum anderen Teil liegt es an einer Kapitulation vieler Buchhersteller, die ihre liebevoll gestalteten Printvorlagen durch einen Dienstleister irgendwo auf dieser Welt lieblos konvertieren lassen und sich nicht mit den lückenhaften Standards der E-Book-Formatierung herumschlagen wollen.

Und das wollen Sie ändern?

Ich will es zumindest versuchen. Denn ich bin seit Jahrzehnten infiziert von einer Leidenschaft für Software. Im letzten Jahrtausend habe ich die erste Verlagssoftware EDDY programmiert, dann, unter anderem für die ISBN-Agentur, die Konversionsseite für die weltweite Umstellung auf die ISBN-13. Drum haben wir zur Stunde noch kein einziges E-Book auf dem Markt, sondern bauen mit Ingenieuren aus Leipzig an einer datenbankgestützten E-Book-Maschine, samt ausgefuchster Qualitätssicherung. Das Projekt ist eigentlich viel zu groß für unsere wenigen, wenn auch leidlich starken Schultern. Aber diesem Verfahren gehört die Zukunft.

Ihnen ist das so wichtig wie Inhalte?

Sinnbetörende Geschichten in sinnliche Buchseiten umzusetzen – ist das nicht das Geheimnis unseres Berufs?

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