Vom persönlichen Austausch und realen Begegnungen Leander Wattig über (s)eine intelligente Vernetzung der Buchbranche für mehr Authentizität im Internet

Leander Wattig ist ein Mann, den man durchaus als vielfältig bezeichnen kann: Ob als Eventkonzepter und Publisher bei ORBANISM,  als Dozent an der Universität der Künste Berlin oder als Vorstandsmitglied der Theodor Fontane Gesellschaft –  eines merkte Wattig, der sich schon im Jahr 2007 am Ende seines Verlagswirtschaftsstudiums als Blogger und Vortragsredner in der Buch-und Medienbranche  selbstständig machte, früh, und setzt es bis heute in die Tat um:

„Wirkliche Veränderung bedingt, dass Menschen sich physisch-real begegnen und Beziehungen aufbauen“

Gemeinsam mit der Verlegerin Christiane Frohmann gründete er also 2014 ORBANISM. Hier geht es primär um die Frage, was gute Veranstaltungen im Bereich Buch, Medien und Kultur ausmacht und wie diese noch sichtbarer werden können –  Anlass für uns, den Kommunikationsfachmann und seine Tätigkeiten mal genauer unter die Lupe zu nehmen:

BuchMarkt: Leander Wattig – Eventkonzepter, Blogger, Dozent, Vorstandsmitglied der Theodor Fontante Gesellschaft. Irgendetwas vergessen?

Leander Wattig: „Wir haben ORBANISM gegründet, um Menschen zusammenzuführen“ (c) Tilman Schenk

Leander Wattig: Ich wurde vor einer Weile vom Kompetenzzentrum Kultur-und Kreativwirtschaft des Bundes als Fellow ausgewählt. Falls es noch etwas komplizierter sein soll. Gern geschehen. Ernsthaft: Es sammelt sich eben einiges an über die Jahre, wenn man auf den neuen Medienfeldern unterwegs ist, wo es für die Tätigkeiten oft noch keine oder nur sehr „denglische“ Umschreibungen gibt.  Ich merke aber öfter, dass das einige Menschen zu stressen oder zu nerven scheint, was völlig nachvollziehbar ist. Ich weiß auf dem Amt manchmal selbst nicht so recht, was ich ins Formular schreiben soll. Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, das künftig etwas besser zu erklären. Von daher ist es gut, dass wir sprechen.

Jetzt im Ernst – wie würden Sie einem Fremden erklären, was genau Sie beruflich machen?

Mir ging es immer schon primär darum, den Medienwandel zu begleiten und „Social Media“ und „Marketing“ sind da meine inhaltlichen Kernpunkte. Das heißt für mich aber nicht, drei Knöpfe bei Facebook zu drücken, sondern ich betrachte Social Media als die Kernveränderung durch das Internet, dass eben jeder hineinschreiben und dort diskutieren kann, was alles andere nach sich zieht – vom Self-Publishing übers Content-Marketing bis hin zur Reichweite im Netz,  die immer mehr über Kommunikation „verdient“ werden muss, welche sich wiederum im Digitalen zunehmend der analogen Welt angleicht. All das habe ich als Berater, als Vortragsredner, als Lehrbeauftragter und als Blogger seit 2007 thematisiert und die Tätigkeiten werde ich auch künftig ausüben.

Die Themen selbst wandeln sich natürlich beständig.

„Die Konstante sind der Mensch und mein Bestreben, die Entwicklung zu begleiten und zu fördern“

Auf dem Wege habe ich über die Jahre aber auch Räume geschaffen, die diese Tendenzen abbilden wie beispielsweise die Initiierung des Themenschwerpunkts autoren@leipzig auf der Leipziger Buchmesse und des ORBANISM SPACE als offizielle Fläche der Frankfurter Buchmesse.

Und die Leidenschaft für die Dinge die Sie tun ist gleich aufgeteilt? Wo ist die imaginäre Brücke, wie ist das gewichtet?

Das ist immer vom Thema abhängig. Wenn ich dieses spannend und wichtig finde, macht mir die Beschäftigung damit in allen Formen viel Freude. Am meisten jedoch, wenn man darüber Menschen zusammenführt, weshalb Christiane Frohmann und ich ja ORBANISM gestartet haben und nun als Kern unserer Jobs ausbauen.

Stichwort „Orbanism“. Erzählen Sie uns doch kurz was genau es damit auf sich hat …

ORBANISM setzt sich zusammen aus „orbis“ und „urbanism“ und soll das ins Internet übertragene Urbane mit den positiven Aspekten des Globalen verbinden

Irgendwann habe ich gemerkt, dass es nicht reicht, vor sich hin zu reden/bloggen/beraten, wenn man diese ganze Entwicklung bestmöglich begleiten möchte, sondern dass es am besten funktioniert, indem man Plattformen schafft, auf denen sich Menschen begegnen und austauschen. Der Effekt physisch-realer Begegnungen ist trotz des Internets in der Wirkung unschlagbar und kann vielmehr durch digitale Tools sehr stark unterstützt werden.  Deshalb habe ich seit 2009 zahlreiche Vernetzungsinitiativen wie „Was mit Büchern“, #pubnpub und den Virenschleuder-Preis gestartet, die sich in der Folge zu umfassenden Veranstaltungsformaten auswuchsen. Die Publishing-Vortragsreihe #pubnpub gab es beispielsweise schon in 16 Städten und 7 Ländern. Inzwischen beschäftige ich mich einen Gutteil meiner Zeit damit, Veranstaltungen zu planen und zu organisieren. Neben dem ORBANISM SPACE gibt es unter anderem den ORBANISM AWARD für Live-Marketing und für Events (jetzt bitte Nominierungen einreichen – jede Nominierung wird veröffentlicht!), im Juni habe ich zusammen mit dem Goethe-Institut einen #pubnpub in Bangkok organisiert und im März versammele ich jedes Jahr 50-60 Referenten bei der Autorenkonferenz „Leipziger Autorenrunde“ im Auftrag der Leipziger Buchmesse.  Deshalb halte ich ja auch Buchhandlungen für so interessante Orte, weil das Veranstaltungsthema und die Inszenierung von Büchern und Geschichten immer wichtiger werden, was wir ja auch daran sehen, dass so viele Verlage neue Veranstaltungsformate starten, um auf diesem Wege einen direkten Kontakt zu den Lesern aufzubauen. Nicht zuletzt verdienen auch Autoren hier das meiste Geld, das sie brauchen, um Zeit zum Schreiben zu haben.

Bekanntlich ist jedes Unternehmen heute ein Medienunternehmen und künftig wird jedes Medienunternehmen auch ein Veranstalter sein. Hier sehe ich in den nächsten Jahren den Kern meines Jobs und deshalb betrachten wir ORBANISM auch nur zum Teil als Veranstalter, sondern als „Verlag für Veranstaltungen“ im Bereich Publishing, Medien und Kultur. Wir wollen andere Veranstalter auf inhaltlicher Ebene unterstützen und sichtbarer machen, die ihrerseits Menschen zusammenbringen und dadurch positiv wirken. Schon heute pflegen wir unter anderem ein umfassendes Eventverzeichnis und entwickeln ein Eventformate-Lexikon und vieles mehr.

„Ich bin überzeugt, dass man auf diesem Wege am besten wirkliche Veränderung befördern kann, egal ob auf wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Ebene“

Das Thema Selbstständigkeit ist bei Ihnen präsent. Wollten Sie immer selbstständig sein? Wie kam es dazu?

Ich hatte im Studium eigentlich nicht wirklich einen Plan, was ich später machen würde. Der Grund, Verlagswirtschaft zu studieren, war die Begeisterung für die Arbeit und die Geschichten meines Großvaters, der Buchhändler ganz alter Schule gewesen ist. Die Prägung begann früh, mit einem „Begrüßungsbuch“ bei jedem Ferienbesuch, seinen selbst erlebten Geschichten mit den alten Verlegern wie Ernst Rowohlt im Leipzig vor dem Krieg und den Ganzleder-Inselbänden aus den 1910ern im „Rosinenschrank“. Im Studium war mir dann aber schon klar, dass ich später Geld verdienen können muss und noch ein paar Jahre vor mir habe. Die aufkommende neue Buchmarktwelt rund um Amazon&Co. waren aber selten bis nie ein Thema, weshalb ich mir irgendwann dachte, als sich die Chance erster Projekte auftat: Geh doch in die Selbstständigkeit,stürze dich auf die neuen Themen, da ist die Lernkurve am steilsten und wenn genug von uns das machen, ist das eigentlich auch der beste Weg, den Kern der Branche zu bewahren – weil die Amazons dieser Welt werden es nicht tun. Ohne diese strukturellen Veränderungen der Buchbranche, wo man im Bereich der digitalen Medien sofort auf Augenhöhe mitreden konnte, hätte ich mich nicht gleich nach dem Studium selbstständig gemacht, sondern wäre in einen Verlag gegangen, um dort das Handwerk zu lernen. So kam es aber anders und das ist prima. Im September sind es nun 10 Jahre und das ging echt schnell.

Also bereuen Sie ihn nicht?

Überhaupt nicht. Ich bin ja einen eher unwahrscheinlichen Weg gegangen und extrem dankbar für all die Erfahrungen, die ich dadurch sammeln konnte, weil ich inzwischen so ziemlich alles Mögliche mal ausprobiert habe. Es lief ja auch immer gut. Am Ende entscheidet erstmal die Frage, ob man sich seine Brötchen verdienen kann. Über die Jahre habe ich leider so einige Freelancer kommen und gehen sehen. Neben dem finanziellen Erfolg ist für mich aber der persönliche Antrieb entscheidend. Ich muss für mein Thema brennen, sonst macht es mir keinen Spaß und sonst hat man auch nicht die Energie für all die Extrastunden, die man ja doch immer reinsteckt und die die Sachen erst rund machen. Mit ORBANISM und der Ausrichtung auf das „Live“-Element habe ich inzwischen mein Feld gefunden, das mir zugleich auch die Möglichkeit eröffnet, sehr breit tätig zu sein. So habe ich zuletzt unter anderem auch für Häuser wie die Berliner Festspiele, den Martin-Gropius-Bau und das Deutsche Theater Berlin gearbeitet. Ebenso aber auch schon für einen Fußballverein wie Werder Bremen. Man lernt immer dazu und kann diese Erfahrungen dann auch für Buchhandlungen, Verlage und Autoren einbringen. Es ist eine Floskel, aber für mich gilt sie, dass ich immer versuche, persönliche Interessen zum Beruf zu machen und in der Selbstständigkeit ist mir das bisher gut gelungen.

Würden Sie diesen Schritt in die Selbstständigkeit jedem empfehlen? Wie muss man da ticken?

Jedem mit Sicherheit nicht. Ich sehe es so: Der größte Glücksspender neben Kindern ist die Entfaltung im Leben, die der eigenen Persönlichkeit entspricht. Die Menschen sind aber zum Glück ganz unterschiedlich gestrickt. Manche sind Unternehmer und Abenteurer, andere konzentrieren sich eher aufs Private, wollen Planbarkeit und machen den Job „nur“, um Geld zu verdienen. Das ist alles okay und gleichberechtigt. Hier gilt es eben, sich selbst zu kennen und die Tätigkeit passend auszusuchen. Die starre Trennung zwischen festangestellt und selbstständig bricht ja eh zunehmend auf. Ich sehe in Berlin immer mehr Leute mit Mischmodellen, die auch in der Festanstellung maximale Freiheit haben. Zugleich ist man ja auch als Freelancer über feste und wiederkehrende Projektblöcke bestrebt, eine größere Sicherheit herzustellen. Parallel bemühen sich große Firmen wie Microsoft, ihre Mitarbeiter als Unternehmer zu betrachten. Was ich in jedem Fall empfehlen kann: Tauscht Erfahrungen aus, geht auf Treffen, redet miteinander. Man kann immer viel voneinander lernen. Das Problem ist am ehesten, dass viele Bereiche gerade in der Buchbranche einer Black Box gleichen und die Leute sich falsche Vorstellungen machen.

Haben Sie eine Lebensphilosophie?

Mmh, schwierige Frage. Ich versuche mich vor allem darauf zu konzentrieren, selbst ein erträglicher Mensch zu sein, der andere Menschen vernünftig behandelt, der anderen durch seine Tätigkeit automatisch auch ein Stück weit hilft und der ansonsten in jeder Hinsicht frei ist und möglichst wenig taktisch-politisch denkt. Dann kommt Gutes erfahrungsgemäß von selbst.

Und als Magazin für Buchhändler müssen wir zum Schluss natürlich fragen: Lesen Sie denn überhaupt noch im klassischen Sinne? Ein Buch? Zum Anfassen?

Ich finde ja lustig, dass in der Buchbranche die Beschäftigung mit Zukunftsthemen immer zu bedeuten scheint, dass man gegen die alte Welt oder gar Inhalte sei. Das ist irgendwie auch ermüdend. Ich privat nutze beispielsweise nie einen E-Reader, sondern lese gedruckte Bücher oder unterwegs zuweilen direkt auf dem Smartphone. Am befremdlichsten finde ich diese unterschwellige Wahrnehmung von Technik und Inhalten als Gegensatzpaar. Die Schwarz-Weiß-Diskussionen darüber fand ich schon immer so spannend wie Stadtteildiskussionen hier in Berlin. Viel mehr nach meinem Geschmack sind dagegen Projekte wie das aktuell von Erik Spiekermann und dem Suhrkamp Verlag, wo sie für „Letterpress“ das Beste der Drucktechnik mit dem Besten der Digitaltechnik verbinden, um ein gedrucktes Werk zu schaffen, das absolut zukunftsgewandt ist.

Welches aktuell?

Ich habe neulich die Dokumentation „Public Speaking“ von Martin Scorsese gesehen, in der man von Fran Lebowitz nicht nur viel über New York, sondern über jede Großstadt lernt. Spannend ist beispielsweise, was Lebowitz über die Bedeutung des Kulturpublikums für die Atmosphäre in einer Metropole sagt und wie sich das in New York über die Jahrzehnte verändert hat. Jedenfalls hat mich der Film inspiriert, mir aktuell den neuen Dörlemann-Titel mit Dorothy Parkers Gedichten auf den Nachttisch zu legen.

In der vergangenen Woche sprachen wir mit Jürgen Kron über die Regionalbuchtage, die vom 15.-30. September stattfinden

 

 

 

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