Das Sonntagsgespräch Karina Schmidt über die Studie „Arbeiten in der Buchbranche heute“

Im Verlag Ulrike Helmer ist die Studie „MehrWert. Arbeiten in der Buchbranche heute“ erschienen.

Das war Anlass für Fragen an Karina Schmidt, erste Vorsitzende der {BücherFrauen e.V., in deren Auftrag die Untersuchung durchgeführt worden ist.}

Frau Schmidt, worum geht es in der Studie?

Es geht darum, wie die aktuelle Arbeitssituation in der Buchbranche heute aussieht. Viel

Karina Schmidt:
„Die Einkommen und Karrierechancen
für Frauen sind immer noch
viel schlechter als für Männer“

geredet wurde immer schon über die Arbeitsbedingungen in den Buchberufen, aber konkretes Zahlenmaterial gab es bisher nur für einzelne Teilbereiche. Die BücherFrauen haben 2009 die Initiative ergriffen, dies zu ändern, und eine Studie in Auftrag gegen, die die Arbeitssituation in den Buchberufen genauer unter die Lupe nimmt. Die Ergebnisse dieser Studie werden in dem vorliegenden Buch erstmals publiziert. Und sie werden ergänzt durch Kapitel über weitere Berufsgruppen, die in der Studie nicht erfasst wurden.

Gab es einen konkreten Anlass für das Projekt?
Der Anlass für das Projekt war das 20-jährige Jubiläum, das der Verein BücherFrauen e.V. in diesem Jahr feiert. Als Branchenverband, der die Interessen von Frauen vertritt, die festangestellt, freiberuflich oder als Selbstständige in Buchberufen arbeiten, haben wir uns mit diesem Projekt den Wunsch erfüllt, endlich Antworten auf die Fragen zu bekommen, die uns interessieren, wenn es um die aktuelle Arbeitssituation in den Buchberufen geht.

Und worum geht es dabei im Wesentlichen?

Natürlich wollten wir wissen, was in den Buchberufen verdient wird, aber auch wie häufig und mit welchem Erfolg darum verhandelt wird. Wir wollten wissen, wie zufrieden die Büchermenschen mit ihrer Arbeit sind und welche Kriterien ihnen dabei wichtig sind. Uns interessierte, wie die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf eingeschätzt wird und wie die Arbeitszeiten aussehen. Und natürlich wollten wir wissen, ob die Arbeitssituation für Frauen und Männer unterschiedlich ist.

Sie haben sich fundierte Hilfe geholt…

Ja, wir freuen uns, dass wir Prof. Dr. Romy Fröhlich von der Ludwig-Maximilians-Universität in München gewinnen konnten, diese Untersuchung durchzuführen. Ihrer Erfahrung und ihrer fundierten Analyse ist es zu verdanken, dass wir nun aussagekräftige Aussagen vorlegen können.

Was unterscheidet Ihre Studie von denen, die es bereits gibt?

Unsere Studie ist die erste berufsübergreifende Untersuchung des Berufsfelds Buchbranche, die außerdem ihren Blick darauf richtet, ob die Arbeitssituation für Frauen und Männer unterschiedliche ist.

Wie zuverlässig sind Ihre Daten?

Wir haben eineOnline-Befragung durchgeführt, die sich an alle festangestellten Männer und Frauen in Verlagen, Zwischenbuchhandel und Buchhandel, an Freie aus den Bereichen Lektorat, Herstellung und Verlagsvertretung und an InhaberInnen von Buchhandlungen und VerlegerInnen richtete. Der Rücklauf – nämlich 1.234 komplett ausgefüllte Fragebögen – war enorm und ging weit über die eigenen Reihen hinaus, nur 18 % der TeilnehmerInnen waren aber BücherFrauen. Das zeigt, dass wir mit unserem Interesse an konkretem Zahlenmaterial nicht allein stehen.

Wie haben Sie die Studie finanziert?

Die Studie selbst, das heißt die Konzeption des Fragebogens, die Datenerhebung und die

Die Studie

Auswertung, wurde allein über die Mitgliedsbeiträge der BücherFrauen finanziert. Bei der Publikation der Ergebnisse in der vorliegenden Form wurden wir aber von einer Reihe von SponsorInnen unterstützt (KNV, die Literarische Agentur Silke Weniger, das Atelier für Buchproduktion Rafaela Nimmesgern, die Verlagsgruppe Random House, die Personalagentur für Verlage Sabine Dörrich, Asgodom Live, Claudia Reitter, der Dietz Verlag, S. Fischer, umbreit, Vandenhoeck & Ruprecht und V&R unipress.

Und die für Sie wichtigsten Ergebnisse?

Sowohl die Ergebnisse der Studie als auch die Einblicke vor allem in die Arbeitssituation der kreativen Berufe zeigen deutlich, dass in den Buchberufen im Durchschnitt erschreckend wenig verdient wird.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist für mich, schwarz auf weiß zu lesen, wie groß bei dem generell schon niedrigen Verdienst der Unterschied auch in der Buchbranche zwischen dem Einkommen der Frauen und ihrer männlichen Kollegen ist. Und das – außer beim Berufseinstieg und in Teilzeitstellen – auf allen Hierarchieebenen und auch bei FreiberuflerInnn und Selbstständigen. Und obwohl Frauen häufiger und erfolgreicher als Männer um ihr Gehalt/Honorar verhandeln und sehr gut qualifiziert sind.

Mich hat überrascht, dass nach wie vor wenig Frauen in Führunspositionen zu finden sind.

Ja, das die Tatsache, dass Frauen, obwohl sie die notwendigen Qualifikationen haben, immer noch nicht annähernd entsprechend ihres Anteils in der Buchbranche in den Führungspositionen vertreten sind, gehört natürlich zu den wichtigen Erkenntnissen. Aber auch die Erkenntnis, dass diese Ungleichheiten nicht mit der Zusatzverantwortung der Frauen für zu versorgende Kinder erklärt werden können, da mehr als zwei Drittel der Befragten kinderlos sind. Dass Kinder zu haben sich auf das Einkommen von Frauen und Männern dennoch sehr unterschiedlich auswirkt, ist außerdem ein wichtiges Ergebnis dieser Studie: Väter verdienen mehr als kinderlose Männer, Mütter weniger als kinderlose Frauen.

Wo sehen Sie jetzt Handlungsbedarf?

Will die Buchbranche nicht zu einem Berufsfeld werden, das die meisten – obwohl hoch qualifiziert und motiviert – nach ein paar Jahren wieder verlassen, weil sie unter diesen Konditionen nicht länger bereit sind, zu arbeiten, muss sie dringend etwas tun, um ihre Fachkräfte zu halten. Es ist an der Zeit, hier tragfähige Konzepte zu entwickeln und die bestehenden Strukturen aufzubrechen. Es kann außerdem nicht sein, dass in einer Branche mit einem Frauenanteil von rund 80 % die Einkommen und Karrierechancen für Frauen immer noch so viel schlechter sind als für Männer.

Titelthema kürzlich im STERN war, dass viele Frauen gar nicht in die Chefetagen wollen, weil sie das Spiel der Männer um Macht und Status abschreckt.

Ich denke, dass man erst einmal davon ausgehen kann, dass jede Frau, die gut ausgebildet ist, diese Qualifikation natürlich erworben hat, um im Beruf voranzukommen. Und viele Frauen in der Buchbranche haben sogar mehrere Ausbildungen. Die Motivation, sich zu entwickeln und verantwortungsvolle Positionen zu bekleiden, kann also auf jeden Fall vorausgesetzt werden.

Aber warum wollen sie dann doch nicht an die Spitze?

Dass viele dann im letzten Schritt vor den Chefetagen zurückschrecken, weil die zurzeit herrschenden Arbeitsbedingungen dort zu zermürbend sind, finde ich im Einzelfall durchaus nahvollziehbar – zumal, wenn sie dort dann auch noch weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Und ich denke, dass hier nicht ausschließlich immer nur an die Frauen appelliert werden sollte, ihr Verhalten zu ändern, sondern ebenso an die Unternehmen, die Strukturen der Führungspositionen zu verändern. In Studien wie der von McKinsey wurde schon lange belegt, dass Unternehmen mit mehr weiblichen Führungskräften erfolgreicher sind.

Was also tun?

Also sollte man doch auch bestrebt sein, hierfür die notwendigen Bedingungen zu schaffen.
Andererseits ist es natürlich wichtig, Vorbilder für Frauen in Führungspositionen zu haben und Frauen in ihrem Karrierebestreben zu unterstützen. Bisher haben Frauen bei ihrer beruflichen Entwicklung hauptsächlich auf inhaltliche Qualifizierung gesetzt. Ich denke, es wäre gut, das Augenmerk in Zukunft mehr auf Netzwerke und den Austausch über Verhandlungsstrategien, Konfliktmanagement und Selbstdarstellung zu legen, um sich des Wertes der eigenen Arbeit bewusster zu werden und die beruflichen Entwicklung zielstrebiger zu planen.

Ihr Netzwerk „BücherFrauen“ bietet sich dafür an?

Da die BücherFrauen ein Netzwerk sind, in dem alle Berufsgruppen der Branche, alle Altersgruppen und sowohl Angestellte aus allen Hierarchieebenen als auch Freie und Selbstständige vertreten sind, bietet es generell schon mal ein anregendes Spektrum, um miteinander über berufliche Fragen ins Gespräch zu kommen, sich über die Erfahrungen, die wir als Frauen in der Branche machen, auszutauschen und sich bei aktuellen Fragestellungen zu unterstützen.
Darüber hinaus bietet die BücherFrauen-Akademie ein umfangreiches Seminarangebot an, bei dem es sowohl um Themen wie Onlinemarketing und elektronisches Publizieren, aber auch um Verhandlungsführung und Selbstcoaching geht.
Außerdem waren die BücherFrauen die ersten in der Buchbranche, die vor 11 Jahren ein Mentoring-Programm ist Leben gerufen haben, bei dem eine berufserfahrene Frau der Branche eine Einsteigerin ein Jahr lang begleitet und berät. Dieses Projekt läuft nach wie vor sehr erfolgreich in mehrere Städten.
Und nicht zuletzt bietet auch die Jahrestagung der BücherFrauen zahlreiche Möglichkeiten für einen überregionalen Austausch unter Kolleginnen. In diesem Jahr findet sie vom 5.-7.11.2010 in München statt – dort werden wir ausführlich über die Ergebnisse unserer Studie diskutieren. Denn eins ist klar geworden: die Themen gleiche Bezahlung und gleiche Karrierechancen für Frauen und Männer in den Buchberufen sind noch längst nicht vom Tisch.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz
Zum vorigen Sonntagsgespräch mit Jürgen Neffe [mehr…]

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