Das Sonntagsgespräch Jürgen Neffe zur Frage, ob die Ära des gedruckten Buches zu Ende geht

Kurz vor der Frankfurter Buchmesse: Jürgen Neffe (Foto), promovierter Biochemiker, Journalist und Autor [mehr…], lud zur Präsentation seines Libroid, ein Gerät, mit dem er den Markt der elektronischen Bücher revolutionieren will. Libroide sind elektronische Bücher, die er in seinem Verlag der ungedruckten Bücher über den App Store vertreiben will.

Jürgen Neffe ist Erfinder des Libroid und Autor des ersten Exemplars zugleich: Das Leben – eine Reise, eine iPad-Version seines 2008 erschienenen Buchs Darwin. Das Abenteuer des Lebens (C. Bertelsmann). Er hat auch uns den Prototyp auf der Messe gezeigt – das war Anlass für Fragen an ihn.

buchmarkt.de: Herr Neffe, Sie haben auf der Messe Ihr Konzept Libroid vorgestellt. Worum handelt es sich dabei?

Jürgen Neffe:
„Trauer ist
ein schlechter Ratgeber“

Jürgen Neffe: Libroid steht für „buchartig“ und beschreibt eine neuartige Her- und Darstellungsform von Büchern auf multimedialen Lesegeräten wie dem iPad, die das Lesen buchstäblich in den Mittelpunkt stellt. Durch eine Dreispaltentechnik, bei der alle weiteren Inhalte an den Text gebunden sind, ergibt sich ein gleichbleibendes Erscheinungsbild bei dynamischem Layout, das unser dynamisches Content Management System widerspiegelt: Inhalte können jederzeit aktualisiert, angereichert und auch durch die Leser erweitert werden, ohne dass sich am grundsätzlichen Aufbau etwas ändert. Die passenden Inhalte liegen im Zentrum des Monitors und des Textes auf gleicher Höhe wie die entsprechende Textstelle und werden nur auf Wunsch des Lesers aktiviert. Dadurch soll trotz Angebots von Fotos, historischen Bildern, Karten, Originalquellen (auch in voller Länge mit direktem Bezug zwischen Zitat und Originalfundort) und Links ins Netz ein ruhiger Lesefluss möglich bleiben.

Man kann damit aber auch das „klassische“ Lesen simulieren?

Ja, durch Senkrechtstellen des Lesegeräts verschwinden alle weiteren Inhalte, übrig bleibt nur der reine, scrollbare Text. Besonders wichtig sind mir aber die Funktionen des „Social Reading“, über die Leser und virtuelle Lesegemeinschaften – auch global – ihre Anmerkungen, weitere Quellen, Links etc untereinander austauschen können. Die Technik macht auch mehrsprachige Ausgaben ohne weiteres möglich.

Wie war die Resonanz?

Überwältigend. Etliche Verleger haben mich angesprochen, weil sie im Libroid die oder eine Lösung für das Buch der Zukunft sehen. Die internationale Presse (siehe Links auf der Website www.libroid.com) hat sehr positiv reagiert, die deutschsprachigen Medien, z.B. Aspekte, Kulturzeit, NZZ, Spiegel Online heben besonders hervor, dass hier ein Autor das Geschäft der Verlage erledigt hat.

Sie haben kürzlich in einem Beitrag behauptet, die Ära des gedruckten Buches geht zu Ende.

Die Ära wird allmählich zu Ende gehen, aber nicht das gedruckte Buch. Es wird jedoch mehr und mehr Konkurrenz durch E-Books und andere multimediale Formen wie das Libroid bekommen. Mein Projekt dient auch als Wakeup Call für die Verleger, die bisher mit dem Thema eher hilf- und lustlos umgehen. Autoren wollen Geld verdienen, aber vor allem sie wollen sie gelesen werden – ob von Papier oder vom Monitor wird zweitrangiger, je mehr neue Angebote es gibt.

Aber Sie sagen, das sei kein Grund zur Trauer?

Wir müssen nach vorne schauen, und da wird es neben dem gedruckten Buch und E-Books viel Platz für weitere Formen geben. Trauer ist in solchen Lagen ein schlechter Ratgeber.

Nun hat sich seit jeher jedes neue Medium neben das alte gestellt, ohne es zu ersetzen…

Genau das sehe ich auch so. Deshalb ist die Aufregung in der Branche oft auch übertrieben. Verleger müssen sich aber darauf einstellen, dass sie in (naher) Zukunft nolens volens mehr und mehr Multimedia-Unternehmen führen.

Ihr Konzept Libroid ist bestechend, aber hat in meinen Augen die Schwächen, dass die Produktion, die dessen Moglichkeiten ausreizt, kaum zu bezahlen ist – ich meine z.B. die Bild- und Filmrechte?

Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wenn man bedenkt, dass wir international publizieren, dann sehen die Zahlen schon ganz anders aus. Von „Ausreizen“ kann in diesem Moment noch keine Rede sein. Bildrechte sind oft nicht so teuer, wie es den Anschein hat – viele Bücher enthalten ja auch Bilder. Bei Filmrechten sehe ich weniger schwarz als Sie. Da gibt es jede Menge freies Material, wir verlinken auch zu Youtube. Außerdem wird, nehmen Sie meine Reise als Beispiel, auch der Libroid-Autor, wenn er multimedial arbeiten will, selbst erstellte Inhalte mitbringen.

Und es noch lange dauern wird, bis sich genügend Abspielstationen dafür finden – bei bis lang geschätzt rd. 800.000 iPads im Handel wird es noch lange dauern, bis sich neue Verbrauchergewohnheiten durchsetzen.

Nach meinen Informationen gibt es in den USA bereits etwa vier Millionen iPads. Da wir weltweit publizieren, ist eine Download-Auflage von 25000, mit der wir schwarze Zahlen schreiben würden, nicht unerreichbar. Hier setzen wir vor allem auf die Neugier der Gerätenutzer.

Was mich stört ist, dass der Buchhandel, Ihr bisheriger wichtigster Partner, wohl kaum Gelegenheit hat, an diesem neuen Markt zu partizipieren…. oder sehen Sie dafür ein Konzept?

Die wichtigste Dienstleistung des Buchhändlers ist die Beratung, sein wichtigstes Kapital sein Wissen und seine Kenntnisse des Buch- bzw. E-Book- oder Libroid-Marktes. Darin sehe ich eine Zukunft bei – natürlich – stark verändertem Berufsbild. Ich kann mir ein Modell vorstellen, bei dem Buchhändler ihre Kunden, die sich ein Libroid auf ihr iPad laden wollen, nicht nur berät, sondern über einen Coupon oder direkt über die Buchhandlung den Download für den Kunden erledigt und dafür seine Provision erhält. Das ginge aber wohl nur, wenn sich die Buchhändler, vor allem die kleinen und mittleren, in einem System zusammenfinden.

Wollen Sie noch einmal Ihr Konzept und damit Ihre Vision schildern?

Mir geht es darum, dass auch in Zukunft noch mit Freude gelesen wird, wenn es dazu nicht nur gedruckte Bücher gibt, sondern auch die unterschiedlichsten Digitalangebote. Das Libroid, s.o., versucht explizit, Autoren wie Lesern ein entsprechendes Angebot zu machen, sodass auch in multimedialen Geräten noch GELESEN wird. Die neuen Qualitäten wie Mehrsprachigkeit und Social Reading könnten das – gemeinsame – Lesen sogar zu neuer Blüte führen. Als Libroid bleibt das Buch lebendig, es kann sogar spannender werden, wenn Kommentare, Quellen und Links ausgetauscht werden.

Wir sind die letzte Generation, die die Medien in der Reihenfolge auch kennengelernt hat, wie sie entstanden sind. In welche Richtung wird die Entwicklung weitergehen?

Was im Moment passiert, ist die Auflösung aller Medien- und Genre-Grenzen. Das Buch verliert seine – durch Druck und Papier, mit allen Folgen – scharfen Abgrenzungen zu den übrigen Inhalten und wird sich in nie gekannter Weise in Konkurrenzen behaupten müssen. Klug angefasst, kann das aber sehr gut gelingen, ohne dass dem Buch dadurch größerer Schaden zugefügt wird. Die reine Übertragung in Formate wie PDF oder ePub, auch mit ein paar Anreicherungen (enhanced, enriched) birgt die Gefahr, dass sich das Buch im digitalen Universum verliert. Das Libroid ist EINE, nicht DIE Antwort auf diese Herausforderung. Als App (Anwendung), die in sich funktioniert und sich damit auch dem Kopieren weitgehend entzieht, hat das Buch bzw. was von ihm im digitalen Universum übrig bleibt m.E. die besten Überlebenschancen.

Klaus Wagenbach hat gesagt: Wenn in 100 Jahren jemand ein Buch findet, bläst er den Staub darauf weg , schlägt es auf und liest…

Wie wahr, wie wahr. Aber schauen wir uns nicht heute auch Stummfilme an, hören alte Aufnahmen, die in unser Zeitalter transponiert worden sind? Mit Staub wegblasen ist es dann freilich nicht mehr getan. Das Eternity-Problem – wie können Medien und ihre Inhalte perpetuiert werden – gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit – auf allen Ebenen.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz
Zum vorigen Sonntagsgespräch mit Nikolaus Hansen [mehr…]

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