Helmut Henkensiefken über sein Modell einer digitalen Buchmesse „Jetzt müssen wir den Gedanken weiterentwickeln. Die Konzepte sind da“

Die Münchner Zero Werbeagentur hatte aus bekannten Gründen bereits das Modell einer digitalen Buchmesse entwickelt. Dieses Konzept wird nicht mehr gebraucht – oder doch? Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit Agenturinhaber Helmut Henkensiefken

Helmut Henkensiefken: „Eine digitale Messe wäre ein innovatives und dynamisches Produkt, das den Alltag der Branche bestens widerspiegeln kann und erneut in Schwingung versetzen kann. Und eine digitale Messe muß nicht auf ein bestimmtes Zeitfenster zugeschnitten sein, die Plattform kann weiterhin in welcher Größe und Ausstattung genutzt werden“ (Durch Klick auf Foto mehr über seine Werbeagentur)

 

BuchMarkt: Die Frankfurter Buchmesse 2020 findet nun doch weitgehend analog statt …

Helmut Henkensiefken: …alles andere ist für mich auch unvorstellbar. Die Messe ist ein kleiner Teil meines Lebens, der jedes Jahr nach Wiederholung schreit. Seit Schulzeiten bin jedes Jahr auf die Frankfurter Buchmesse gekommen.

Aber trotzdem hattest Du vorsorglich schon ein digitales Alternativkonzept entwickelt.

Ja, aus vielen Gründen,  die auch uns kreativ zum Fliegen brachten, haben wir uns an dieses aktuelle Thema gemacht – im wesentlichen jetzt natürlich Corona bedingt. Wir haben konzipiert, Gelerntes und Innovatives zusammengebracht. Wir haben unsere digitalen Erfahrungen und Erfahrungen im Buchmarketing mithilfe von Dienstleistern, die das Thema Messe bereits digital anbieten, in unser Konzept eingebracht.

Wie sah denn Euer Konzept aus?

Das Ziel war ganz klar: Zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt müssen wir uns so nah als möglich an der gelernten, analogen Messe orientieren. Unser Konzept ähnelt von Abläufen und Darstellung im wesentlichen der Struktur der Frankfurter Buchmesse, wie die Welt sie kennt. Die Frankfurter Buchmesse muss 2020 in einer Form stattfinden, die der Situation, der Zeit und der allgemeinen Entwicklung von Kommunikation gerecht wird. Und da lag eine digitale Version ja nun nah.

Weil Buchmarketing zu nehmend digitaler wird?

Print hat im Buchmarketing sicherlich seine Bedeutung und Zielgruppen, aber unsere Kommunikationswege sind digital, unsere Wahrnehmung ist zu einem großen Teil digital. Das ist gelernt, damit sind wir längst unterwegs. Also schien uns jetzt der beste Zeitpunkt, eine Form von internationaler Buchmesse zu installieren, die digital ist. All das, was inzwischen so viel diskutiert wurde, gilt ebenfalls für eine Messe im Corona-Dunst.

Ich will mir das noch nicht vorstellen, aber kann denn eine digitale Messe das Flair einer echten Messe ersetzen? Was kann digital besser als analog?

Ich muss nicht reisen, ich muss nicht fremd übernachten, ich kann wann und wie dabei sein, ich bin und bleibe steril, ich kann „on demand“ … Sehr viel mehr Teilnehmer können – wo auch immer – in Ruhe und konzentriert die Themen verfolgen, die sie interessieren, oder die sie spontan entdeckt haben. Das ist schon allemal besser …

klar, und besser als keine Messe.

Zu der Zeit stellte sich das so dar.  Aber während der Entwicklung haben wir gespürt, eine digitale Messe ist ein innovatives Produkt, ein dynamisches Produkt und dass das ein Produkt wäre, das den Alltag der Branche bestens widerspiegeln kann und erneut in Schwingung versetzen kann. Und – eine digitale Messe muß nicht auf ein bestimmtes Zeitfenster zugeschnitten sein – die Plattform kann weiterhin in unterschiedlicher Größe und Ausstattung genutzt werden.

Warum denn und wie denn?

Eine digitale Messe ist natürlich für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Hier wird letztlich nicht eine analoge Veranstaltung in digitalem Gewand präsentiert. Hier entstünden für alle Beteiligten ganz neue Wege von Kommunikation. Neue Wege wie Autoren und Leser zu einem interessanten engen Austausch kommen. Neue Wege für Verlage und Buchhandel sich zu nähern. Für Leser und Lektoren sich zu inspirieren, für Marketing und Vertrieb sich zu ergänzen und auszutauschen.

Hört sich nach Chancen, aber auch nach kompliziert an.

Corona ist auch kompliziert und vor Corona wird nicht nach Corona sein. Also eher die Chancen eine Anschubs sehen. Nicht kompliziert, sondern neu und ein wenig anders. Es kann also eine Plattform einer neuen und ergänzenden Vitalisierung für alle Beteiligten entstehen, eine Plattform für die, die lesen, die entdecken und die so gerne den Geruch von Büchern um sich verspüren. Und das Buch eignet sich ganz besonders für die Mechanik einer digitalen Messe.

Das muss ich Dir glauben…

Ich denke eher wir müssen daran glauben, ja. … Weil wir ein so junges Produkt haben, weil sich alle Beteiligten entwickeln und Wahrnehmung vor der Buchbranche nicht halt macht, weil die Darstellung der Produkte, die Präsentation der Produkte, die Streuung der Inhalte oder Teilinhalte – ob Sachbuch oder Belletristik –, das Marketing und die vielen begleitenden Information digital bestens zum Adressaten zu bringen sind. In Videochats oder Chatrooms lassen sich Autoren und Themen breit streuen und präsentieren. Lesungen, Votings, Film, Text etc. alles einfach und schnell bereit stellen. Die Kosten bleiben dabei durchaus überschaubar.

Dieses Konzept ist jetzt überflüssig, ist es damit Makulatur oder könne es irgendwie Verwendung finden?

Um uns herum wird an vielen Stellen über Veränderungen nachgedacht. Auch wir befinden uns in einer ganz besonderen Phase von Umbruch, einer Phase in der wir uns entwickeln und aus eigenem Antrieb unseren Kunden Wege aufzeigen und umsetzbar machen möchten, von denen wir überzeugt sind, dass sie neue und wichtige Aspekte und Ideen aufzeigen. Vielleicht können gerade wir aus der Agentur heraus Anregungen geben, wie manche Wege gemeinsam zu interessanten und zeitgemäßen Horizonten führen. Manchmal viel einfacher, als wir es bislang für möglich hielten.

Was heißt das denn nun?

Auf dem Weg zur Entwicklung des Konzepts haben wir gemerkt, dass so eine Plattform auch über eine Messe hinaus eine sehr vielseitige, interessante und einfache Art ist einen Verlag mit all seinen Präsentationsformen darzustellen,  weit über den Messegedanken hinaus, auch in Richtung Leser. Den Umgang damit haben wir durch Corona erfahren. Jetzt müssen wir sehen, was wir daraus machen und wie wir den Gedanken weiterentwickeln. Die Konzepte sind da.

Was wären denkbare nächste Schritte?

Wenn diese Möglichkeiten installiert und tragfähig gemacht sind, ergibt sich daraus ein großer Ideenmultiplikator. All die digitalen Wege, die wir nutzen, können besser gebündelt und synergetisch eingesetzt werden. Andererseits bleiben Umsetzungsmöglichkeiten von Maßnahmen und Angeboten, die die Branche kennt erhalten.

Wie kann sich das entwickeln, wo ist Euer Platz?

Vielleicht sind wir schon näher an der Umsetzung als es scheint. Vielleicht gibt es schon genug Begeisterte, die Bewegung schaffen, um andere zu begeistern. Derzeit reden wir über Möglichkeiten. Wir können anregen, Machbarkeit und Brauchbarkeit abschätzen, wir machen Vorschläge um letztlich mit unseren Kunden in die Umsetzung zu gehen. Ich denke, das alles kommt sowieso! 

Also was nun? 

Seien wir mutig und nutzen wir die Dynamic dieser „Auszeit“. Eine Messe ist letztlich ein Ort, an dem Ware präsentiert wird und an dem Ideen und Meinungen über die Ware ausgetauscht werden. Deswegen liegen in der Einrichtung einer digitalen Messeplattform so viele Möglichkeiten mehr, die über einen Zeitraum oder eine Präsentationsidee hinaus genutzt werden können.

Und die Buchmesse wird abgeschafft? 

Nein, die uns wichtigen und so emotionalen, anderen Formen der Messekommunikation werden ebenfalls erhalten bleiben und ihren bedeutenden Platz behalten und behaupten, auch, weil sie wichtig sind. Ohne analog ist langweilig.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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