9. Internationaler Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteraturen Jens Hillje über seine Arbeit als Juror

In der nächsten Woche werden der Autor Fiston Mwanza Mujila und die Übersetzerinnen Katharina Meyer und Lena Müller für den Roman Tram 83 (Zsolnay) mit dem 9. Internationalen Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteraturen ausgezeichnet. Am Donnerstag, dem 06. Juli treffen sich die sechs Autorinnen und Autoren der Shortlist und ihre Übersetzer zum Fest der Shortlist im Haus der Kulturen der Welt. Dann wird auch die Auszeichnung an das Preisträger-Trio verliehen. Wir sprachen mit dem Dramaturg, Autor und Kurator Jens Hillje. Er ist Co-Intendant des Maxim Gorki Theaters und seit diesem Jahr Mitglied der Jury:

BuchMarkt: Der ausgezeichnete Roman Tram 83 führt die Leser nach Afrika. „Es ist der radikale Bericht postkolonialen afrikanischen Lebens in einer auf unermesslichen Bodenschätzen brodelnden Stadt“, heißt es in der Begründung. Was hat die Jury an diesem Text besonders überzeugt?

Jens Hillje

Jens Hillje: Der Rythmus der Sprache, ihre Geschwindigkeit und ihre Nähe zum gesprochenen Wort sind in unseren Gesprächen wiederholt hervorgehoben worden. Am liebsten möchte man diesen Text laut lesen,  ihn schreien oder flüstern. Beeindruckt hat uns auch die Haltung des Romans, es gibt in ihm keine Larmoyanz, auch wenn die Lebenswirklichkeit, die er beschreibt, stark geprägt ist von Wunden des Kolonialismus.

 

 

Wie haben Sie persönlich die Lektüre erlebt?

Fiston Mwanza Mujila hat einen Text zu Papier gebracht, der überbordend und schnell ist, die Aggressivität des Milieus seiner Protagonisten spiegelt, ich habe mich beim Lesen so an ihm gerieben und er hat das reich entlohnt.

Auch die anderen Titel der Shortlist behandeln weltbewegende Themen. So nimmt Hamed Abboud mit Der Tod backt einen Geburtstagskuchen (Übersetzung: Larissa Bender) aus der kleinen Schweizer edition pudelundpinscher das Schicksal seiner syrischen Landsleute in den Blick und der Pole Ziemowit Szczerek erzählt in Mordor kommt und frisst uns auf (Übersetzung: Thomas Weiler) im Verlag Voland & Quist vom post-sowjetischen Osten. Ist die Welthaltigkeit der Themen ein Kriterium für den Preis?

Die Welthaltigkeit der Texte spielte in unseren Überlegungen auf jeden Fall eine Rolle. Es ging uns aber nicht nur um die Anwesenheit von heterogenen Lebenswelten und Themen, sondern um den Modus ihrer Verhandlung. Alle Texte, die wir schließlich für die Shortlist nominiert haben, verbindet trotz ihrer großen thematischen und formalen Unterschiede, dass sie aus ihrer spezifischen lokalen Perspektive heraus auf universelle Fragen blicken. Sie sind nicht nur für ihre jeweilige Situation bedeutsam, sondern können unseren Blick auf das Gemeinsame verändern und schärfen.

130 Verlage reichten in diesem Jahr 136 Titel ein, ins Deutsche übersetzt aus 29 Sprachen. Aus dieser Fülle hat die siebenköpfige Jury sechs Titel für die Shortlist ausgewählt. Wie viele Bücher haben Sie für den ILP gelesen?

Das lässt sich sehr schwer sagen. Manche Bücher habe ich angelesen, andere dagegen in unterschiedlichsten Phasen unseres Auswahlprozesses mehrmals zu Rate gezogen. Insgesamt dürften es aber um die 50 sein.

Gestatten Sie uns einen Blick hinter die Kulissen des ILP? Wie lief die Juryarbeit ab?

Sehr konstruktiv und konzentriert. Ich bin zum ersten Mal Mitglied einer Jury, die einen Literaturpreis vergibt. Durch meine Arbeit als Dramaturg bin ich an die Auseinandersetzung um den Text gewöhnt. Am Theater arbeiten wir aber stärker an dem, was aus dem Text entstehen soll, wir greifen aktiv auf ihn zu. Hier mussten wir hinter die Texte zurücktreten und ihnen Raum geben. Wir haben uns sehr intensiv mit den Texten beschäftigt, haben Argumente und Lesarten ausgetauscht und versucht einander lustvoll diskutierend zu überzeugen.

Am 9. Juni findet in Berlin die Preisverleihung statt. Wie begegnen Sie der Gefahr, dass das Publikum nur auf die Preisträger schaut und die Titel der Shortlist zu kurz kommen?

Die Gefahr sehe ich eigentlich nicht. Das Tolle an der Preisnacht ist, dass in sehr unterschiedlichen Formaten alle Bücher, ihre Autoren und Autorinnen sowie die Übersetzer und Übersetzerinnen in Podium finden. Das Haus der Kulturen der Welt bietet mit seiner riesigen Dachterrasse und seinen verschiedenen Veranstaltungsräumen genug Platz, um jeden Text so zu inszenieren, dass er ein Publikum in seinen Bann ziehen kann. Und nach der Preisverleihung geht der Abend dann in einer gemeinsamen Feier auf.

Wie läuft der Abend konkret ab?

Alle Autoren der Shortlist – Fiston Mwanza Mujila, Hamed Abboud, Alberto Barrera Tyszka, Han Kang, Amanda Lee Koe und Ziemowit Szcerek – und ihre Übersetzer und Übersetzerinnen stellen jeweils ihre Arbeit vor. Anschließend wird der Preis verliehen. Fiston Mwanza Mujila nimmt ihn übrigens mit einer Musik-Performance entgegen.

Rechnen Sie damit, dass der Preis Auswirkungen auf die Verkaufszahlen der ausgezeichneten Bücher hat?

Um das beurteilen zu können, kenne ich den Buchmarkt zu wenig. Aus den letzten Jahren berichten die Verlage aber von einer großen Auswirkung.

Wie können Buchhandlungen von dem Preis profitieren?

Die Bücher der Shortlist sind verstärkt in der Presse präsent und werden dadurch hoffentlich neue Leser finden.

Die Fragen stellte Margit Lesemann

Info: Das Fest zum Preis findet am 06. Juli ab 18 Uhr im Haus der Kulturen der Welt statt. Um 21.30 Uhr wird der Preis verliehen. Das HKW lädt herzlich zu dieser Literaturnacht ein – sie ist bei freiem Eintritt für alle Besucher offen.

In der vergangenen Woche sprachen wir mit Peter Turi über die Zukunft des Gedruckten und die Frage: Funktioniert Print nur noch, wenn es die Papier-und Online-Welt zusammenführt?

 

 

 

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