Immer freitags hier ein Autorengespräch - heute mit Matthias Altenburg über ... … sein Pseudonym Jan Seghers und seinen neuen Titel „Menschenfischer“

Matthias Altenburg / Jan Seghers: „Ein kluger Freund hat einmal gesagt: Erfolg beruht darauf, dass ihn nicht jeder haben kann.“

Matthias Altenburg fand als Lektor und Herausgeber in unsere Branche, wurde als Journalist bekannt und wagte sich dann irgendwann an seinen ersten Roman. Er sagt, er „konnte nicht verhindern, dass es ein Krimi wurde, auch wenn es ihm noch nicht sonderlich behagte“ und legte sich sicherheitshalber ein Pseudonym zu, um „einen inneren Abstand zu seinen sachtextuellen Wurzeln zu finden, aber er fand viel mehr“ – so kam Jan Seghers in die Welt, und mit ihm seine besondere Mischung aus Zeitbezug, tatsächlichen Fällen, Milieustudien und Schreibtalent:  Von Ein allzu schönes Mädchen aus dem Jahr 2006 bis aktuell zum Menschenfischer (Rowohlt) liegen sechs Bände vor, die zwar noch nicht an Kluftingers Beliebtheit heranreichen – aber das will Seghers auch gar nicht. Sein Kommissar Marthaler kommt zwar aus Frankfurt, aber Regiokrimis sind das nicht.  Anlass für Fragen an den Autor:

BuchMarkt: Ihre Krimis spielen in Frankfurt am Main. Sind das also Regionalkrimis?

Jan Seghers: Nein, denn sonst würden sie ja so alberne Titel tragen wie „Das Handkäs-Massaker“ oder „Massenmord mit Grüner Soße“. Außerdem spielt mein letzter Roman zu großen Teilen in Südfrankreich und am Rhein, in der Nähe der Loreley.

Wenn ja, wieso haben Sie dann keinen Bembel auf dem Cover?

Eben drum!

Was macht einen sogenannten Regionalkrimi denn aus? 

Was solche Romane ausmacht – ich ahne es nur. Ich habe ein paar dieser Bücher angefangen zu lesen und sie rasch wieder weggelegt. Meist handelt es sich dabei sowieso nicht um Kriminalromane, sondern um regionale Witzigkeiten, schlimmstenfalls um schlampig gemachte Parodien. Sie haben so viel mit wirklichen Kriminalromanen zu tun wie schlechtes Volkstheater mit Shakespeare.

Spielt denn nicht jeder Krimi irgendwo?

Ja, sie haben schon Recht: Jede Geschichte hat einen, meist mehrere Schauplätze. Dennoch käme ja niemand auf die Idee, die Los-Angeles-Krimis von Michael Connelly oder die Paris-Romane von Georges Simenon als Regiokrimis zu bezeichnen. Romane sind ja nur selten im Nowhere Land angesiedelt, und bei mir schon gar nicht. Denn mir sind Orte beim Erzählen sehr wichtig. Ich muss sie kennen, muss sie sehen, riechen, ihren Sound hören. Nur dann überträgt sich die Atmosphäre eines Schauplatzes auf den Leser, nur dann entsteht ein Film im Kopf.

Warum erlebt der Regionalkrimi Ihrer Meinung nach einen solchen Erfolg?

Weil die Leute in Büchern oder Filmen gerne das wiederfinden, was sie sowieso schon kennen. Das ist ein legitimes Bedürfnis, welches der Regiokrimi oft auf schäbige Weise bedient.  Er gibt dem Affen Zucker. Er unterfordert seine Leser; er ist die Fortsetzung der Fremdenverkehrswerbung mit anderen Mitteln. Das ist nicht mein Ding. Ich unterlaufe diesen Mechanismus gerne, indem ich einen neuen Blick auf das Blindvertraute werfe.

Bleiben wir noch beim Thema Region. In Krimis sterben immer Leute, aber gäbe das Phänomen der sterbenden Innenstädte nicht auch interessante Tatmotive her?

In der Tat. Und wer trägt Schuld an dieser Verwüstung? Die großen Handelsketten und Immobilienfirmen, die Großbanken und solche Stadtplaner, die entweder inkompetent oder korrupt sind. Schauen Sie sich in Frankfurt das Europa-Viertel an – ein steingewordenes Verbrechen! Oder nehmen Sie die Deutsche Bank! Bei deren zwei Hochhaustürmen handelt es sich um den wohl größten Tatort des Landes. Wahrscheinlich ist kein anderes Gebäude im letzten Jahrzehnt öfter von der Polizei durchsucht worden, öfter als jedes Clubheim irgendeiner Rockerbande.

Was tut das Internet für Sie?

Nichts, denn es ist ja ein riesiger Haufen Müll. Dennoch nutze ich es laufend als Möglichkeit der Recherche und der lautlosen Kommunikation … denn ich telefoniere nicht gerne.

Was war Ihr größter Erfolg, als Sie noch als Lektor gearbeitet haben?

Auf mich bezogen mag ich das Wort Erfolg nicht sonderlich. Wenn ein Buch auf der Bestsellerliste steht, sagt das nichts über seine Qualität. Es heißt lediglich, dass es oft verkauft wird. Ein kluger Freund hat einmal gesagt: „Erfolg beruht darauf, dass ihn nicht jeder haben kann.“ Außerdem ist es nicht die Aufgabe von Lektoren, selbst erfolgreich zu sein. Es ist ein dienender Beruf. Ein Lektor soll das Manuskript seines Autors mit sorgender Neugier begleiten, um den Text zu sich zu bringen. Für das Marketing sollten andere Leute zuständig sein. Dass heute auch Lektoren mit Verkaufszahlen behelligt werden, ist ein Trauerspiel und ein Missbrauch ihrer Fähigkeiten.

Ihr Pseudonym ist eine Verbeugung vor Anna Seghers. Hatte die Wahl eines anderen Namens das auch einen praktischen Grund? 

Ja, als ich den ersten Kriminalroman schrieb, hatte ich ziemlichen Respekt vor diesem Genre, das ja ganz eigenen, nämlich den Gesetzen der Spannungsdramaturgie gehorcht. Um diese Blockade aufzubrechen, riet mir ein Freund, mir einen anderen Namen zu suchen und dadurch entspannter am Schreibtisch zu sitzen. Die Wahl eines Pseudonyms war also lediglich ein psychologischer Trick. Er hat funktioniert.

Jan Seghers ist sehr erfolgreich. Aber was macht Matthias Altenburg so zur Zeit?

Wenn ich einen solchen Kriminalroman von 450 Seiten schreibe, begebe ich mich ja zwei Jahre lang in einen ganz eigenen, riesigen Kosmos. Das macht großen Spaß, nimmt einen aber auch sehr in Beschlag. Die gesamte Wahrnehmung ist dann fokussiert auf die Romanwelt. Alle Kraft, alle Phantasie wird davon aufgesogen. Man muss sich schon ganz und gar einlassen auf all die Geschichten und Figuren, wenn diese lebendig werden sollen. Im verbleibenden kleinen Rest der Zeit bin ich Matthias Altenburg, mithin eine Privatperson, über die ich nicht öffentlich spreche.

Ihre Krimis sind einerseits Milieustudien und Kommentar zur Gegenwart, aber andererseits erfordert ein Krimi ja auch einen gewissen Grad an Konstruktion, an geradezu mechanischen Ursache-Wirkung-Gebäuden. Ist das eine Gratwanderung, oder fällt Ihnen das leicht?

Oh nein, das ist jedesmal ein Kraftakt. Wahrscheinlich ist es wie beim Bau eines Hauses: Wenn unten ein paar Steine wackeln, kann das ganze Gebäude einstürzen. Fast alle Kriminalromane beginnen mit einem Anfangsrätsel, meist einem Verbrechen, oft einem Mord. Die Leser wollen wissen, wie das Rätsel am Ende gelöst wird. Das Verbrechen ist also die Wurst an der Angel, mit der ich die Leser bei der Stange halte – um es mal etwas gewagt auszudrücken. Als Autor muss ich die Lösung aber möglichst lange hinauszögern; die Leser sollen ja nicht zu früh drauf kommen. Ich muss also sogenannte Lösungsverschleierungsstrategien anwenden – schönes Wort, nicht wahr? Im Grunde ist es wie bei einem Zauberkünstler, der mit der rechten Hand einen Haufen buntes Konfetti in die Luft wirft, während er gleichzeitig hinter seinem Rücken mit der linken Hand die entscheidende Bewegung macht.

Wie kommen Sie auf die Namen von Haupt- und Nebenfiguren?

Namen sind mir sehr wichtig. Ich muss ja lange mit ihnen auskommen. Sie sollen zur Figur passen, ihr eine bestimmte Farbe geben, sollen etwas Besonderes haben, sich aber auch nicht zu rasch abnutzen. Das ist jedesmal ein langer Prozess. Ich schaue ins Telefonbuch oder auf die Autorennamen im Bücherregal, frage in- und ausländische Freunde, kombiniere verschiedene Vor- und Nachnamen. In dem Roman „Menschenfischer“ kommt eine kleine Nebenfigur vor, eine junge Afrikanerin, die bei einer dubiosen deutschen Hilfsorganisation angestellt ist. Sie heißt Nala Omondi. Es hat Tage gedauert, bis ich auf diesen Namen kam.

Sie bauen Ihre Romane gerne auf tatsächlichen Fällen auf. Gab es dazu schon Rückmeldungen aus der jeweils betroffenen Wirklichkeit, also von Menschen, die beruflich oder schicksalhaft mit einem dieser Fälle verbunden waren?

Tatsächlich kam das schon öfter vor. Zuletzt stand vor meiner Haustür einer der Kriminalpolizisten, die mit dem Fall Tristan Brübach befasst waren, der ja als Hintergrund meines letzten Krimis diente. Es haben sich schon Anwälte zu Wort gemeldet, die einen Täter verteidigt haben, oder Rechtsmediziner, die eines der Opfer auf dem Obduktionstisch hatten. Und immer mal wieder treffe ich auch Menschen, die ein späteres Mordopfer kannten und vielleicht während der Ermittlungen vernommen wurden. So kommen Fiktion und Wirklichkeit dann wieder zusammen.

Aus Ihren Krimis sind auch erfolgreiche TV-Filme entstanden. Die einen mögen die Besetzung von Matthias Koeberlin als Marthaler, und die anderen eben nicht. Wenn Sie einen James-Bond-Roman läsen, welchen Bond sähen Sie dann vor sich?

Es wäre wohl immer noch der Sean Connery meiner Jugend. Später haben mich diese Filme nicht mehr interessiert.

Die Fragen stellte Matthias Mayer

 

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