Ihr Wirken ist "untrennbar mit dem Werk Gottfried Benns und der bundesdeutschen Literatur- und Verlagsgeschichte nach 1949 verbunden" In Memoriam Marguerite Schlüter

Marguerite Schlüter war eine „femme des lettres“ und nicht nur die Lektorin Benns, sonder auch eine streitbare Kämpferin für die Wahrung von Urheberrechten, und eine vielsprachige, hervorragende Übersetzerin nicht nur eine Freundin der Literatur, sondern auch eine enge Freundin vieler Literaten

Wie wir jetzt erst erfahren ist Marguerite Schlüter, die langjährige Verlegerin des Limes Verlages,  wenige Monate vor Vollendung ihres 90. Lebensjahres am 7. Januar d. J. in München gestorben. Carsten Pfeiffer erinnert an die Frau, deren Wirken “untrennbar mit der bundesdeutschen Literatur- und Verlagsgeschichte nach 1949 verbunden ist”: 

Marguerite Valerie Schlüter, geboren am 23.4.1928, war eine in vielfacher Hinsicht bemerkenswerte, wenn nicht gar einzigartige Persönlichkeit und ist und bleibt untrennbar mit der bundesdeutschen Literatur- und Verlagsgeschichte nach 1949 verbunden.
In jungen Jahren, nach dem Zusammenbruch des „1000jährigen Reiches“, vertrat sie als Mitglied der Damen-Hockey-Nationalmannschaft mehrfach die junge Bundesrepublik bei Länderspielen. Ihr Talent entdeckt und gefördert hat der spätere Limes-Verleger Max Niedermayer. Bis ins hohe Alter blieb sie sportlich aktiv: Tennis, Golf und Schwimmen gehörten zu Ihren mehrfach wöchentlich ausgeübten Leidenschaften. Eine zweite Leidenschaft galt zudem der bildenden Kunst und der Kunstgeschichte – wie intensive Kontakte zu Künstlern und Ihre private Kunstsammlung (von Antiken über Graphiken von Arp, Masson, Max Peiffer-Watenpuhl, Hans Purrmann, Emil Cimiotti u.a.) belegen.
Ihre größte Leidenschaft galt jedoch der Literatur: Literaturhistorische Bedeutung gewann sie, die mit Bestnote ausgebildete Diplom-Bibliothekarin, nach der Aufgabe ihrer kurzen Beamtenlaufbahn mit ihrem Eintritt in den 1945 von Max Niedermayer in Wiesbaden gegründeten Limes Verlag im Jahre 1949, in dem sie schnell zur rechten Hand des Verlegers, zur Prokuristin und zur alleinigen Lektorin Gottfried Benns avancierte. Hatte der Limes Verlag 1945 – 1949 in den ersten Nachkriegsjahren wie viele andere Verlage zunächst „unkritische“ (die „Zensurstellen“ der Besatzungsmächte erteilten die Lizenzen für Verlage, überprüften Autoren auf ihre literarische und vor allem politische Unbedenklichkeit und teilten das karge, schlechte, stark holzhaltige Papier zu) Autoren wie Goethe, Kant, Heine, Wieland und wichtige englischsprachige Autoren wie Faulkner, Dorothy Parker, James Thurber und Steinbeck sowie H.G, Wells, Virginia Woolf, Vita Sackville-West, W. Somerset Maugham und Franzosen wie Francois Mauriac, Jean Giraudoux, Rimbaud und Jean Cocteau vorgelegt, erschienen rasch auch Texte von Hermann Kesten, Ernst Glaeser, Alfred Döblin, des jungen Hans Mayer, von Stephan Hermlin und anderen.
Ab 1949 wurde Gottfried Benn zum Haus- und wesentlichen Hauptautor des Limes Verlages. Alle (Erst-)Ausgaben der von Benn zwischen 1933 und 1945 geschriebenen aber unveröffentlichten Werke wurden von ihr lektoriert, viele Werk – und Auswahlausgaben, viele Briefwechsel Benns (erschienen bei Limes und später Klett-Cotta) wurden von ihr (mit) konzipiert, kompiliert, redigiert oder herausgegeben. Die Popularisierung und Verbreitung des Werkes Gottfried Benns nach 1949 ist im Wesentlichen das Verdienst des Verlegers Max Niedermayer und seiner Lektorin Marguerite Schlüter, die nach dem Tode des Verlegers die Verantwortung für den Verlag als geschäftsführende Gesellschafterin und Verlegerin übernahm – zunächst zusammen mit der Verleger-Witwe Lilo Niedermayer.
Viele wichtige Autoren und Autorinnen kamen nach 1949 rasch dazu und trugen zur Profilbildung des Limes Verlages als einer der führenden Verlage für junge deutsche und fremdsprachige Literatur bei. So unterschiedliche Autoren wie Hans Arp, Max Bense, Ludwig Harig, Raymond Queneau, Valery Larbaud, Samuel Beckett, Maude Hutchins, Guillaume Apollinaire, Claire und Ivan Goll, James Joyce, Jorge Luis Borges, Jean Cocteau, Rene Char , Jorge Guillen, Ernesto Sabato, Richard Huelsenbeck, W.H. Auden, Milan Kundera, Hugo Claus, Ernst Meister, René de Obaldia, Juan Ramon Jimenez, Ramon Gomez de la Serna und Max Aub gehören ebenso zum „Who is who“ der Autoren des Limes Verlages wie die Erstlingsveröffentlichungen von Peter Rühmkorf, Werner Riegel oder Cyrus Atabay.

Werke von Carl Einstein und August Stramm wurden neu aufgelegt.
Besondere Verdienste hat sich der Limes Verlag um die (damals) zeitgenössische amerikanische Literatur erworben – Truman Capote (den Marguerite Schlüter auch übersetzte) und William S. Burroughs wurden zu Hausautoren des Verlages, Autoren der BEAT-Generation wie Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti, Gregory Corso entdeckt. Henry Miller ließ sich Limes damals „durch die Lappen gehen“ : Man hatte bei Limes große Sorgen bezgl. eines Vermarktungsverbotes durch die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“. Man hatte Erfahrungen mit Burroughs berühmten Roman „Naked Lunche“ gesammelt. Eine Anekdote, die Marguerite Schlüter gerne erzählte – und auch sehr bedauerte.
Marguerite Schlüter war wahrlich das, was man eine „femme des lettres“ nennt – nicht nur eine hervorragende Lektorin Benns, sonder auch ein literarisches „Trüffelschwein“ (über „Irrtümer“ und dem Markt geschuldete Veröffentlichungen – ein Verlag kann ja nicht nur von Lyrik leben – legen wir hier den Mantel des Schweigens!), eine streitbare Kämpferin für die Wahrung von Urheberrechten, und eine vielsprachige, hervorragende Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen . Und sie war nicht nur eine Freundin der Literatur, sondern auch eine enge Freundin vieler Literaten. Die langjährigen persönlichen (Brief-)Freundschaften auf respektvoll-fachlichem (oft rund um Benn), teils aber auch auf sehr persönlichem Niveau mit Claire Goll, Gustav René Hocke, Albrecht Fabri, F.W. Oelze, Thea Sternheim, Ursula Haas, Hans Egon Holthusen und Curt Hohoff, nicht zuletzt mit Gottfried Benn, der Witwe Ilse Benn und mit Nele Sörensen ( der Tochter Benns) belegen dies eindrücklich.
Carsten Pfeiffer

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