Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019: Tonio Schachinger spricht über sein Debüt "Nicht wie ihr" (Kremayr & Scheriau) und er verrät, wer sein persönlicher Favorit ist „Ich freue mich sehr über die Nominierung, überschätze aber ihre Aussagekraft nicht“

Tonio Schachinger: „Wenn man sich an den Tonfall und den Rhythmus gewöhnt, glaube ich, dass man viel Spaß beim Lesen haben kann, auch, weil es durchaus ein Buch ist, das unterhalten will und literarische Qualität nicht in Hinblick auf die Mühen beim Lesen definiert“

„Er hat viel Ahnung vom Fußball und, was noch viel wichtiger ist, er kann wundervoll schreiben. Große Entdeckung!“ Offensichtlich kann er das, denn Tonio Schachingers Buch Nicht wie ihr (Kremayr & Scheriau) überzeugte sogar die Jury des Deutschen Buchpreises 2019, die sein Debüt mit 19 weiteren Romanen für die Longlist auswählte. Wir sprachen mit Schachinger über sein Debüt.

BuchMarkt: Worum geht es in Ihrem Buch? 

Tonio Schachinger: Mein Roman  Nicht wie ihr erzählt von einem Jahr im Leben des österreichischen Fußballstars Ivo Trifunovic. Die Handlung folgt seinen Gedanken, seinen Problemen und Sehnsüchten, die alle durch das Korsett des Profifußballs bestimmt sind, die sich aber auch vielen anderen Themen als Fußball widmen. Es ist ein Buch, das weniger über die Nacherzählung seines Plots verstehbar ist, als durch das Nachvollziehen der Weltsicht seines Protagonisten. Ivo zu verstehen heißt, seinen Narzissmus und seine Aggression wahrzunehmen und daraus abzuleiten, dass alles, was er sieht und denkt, mit diesen spezifischen Prägungen in einem Zusammenhang steht, dass also keine objektive Sichtweise auf die Welt geboten wird, sondern eine, die wesentlich mit dem Charakter des Protagonisten zusammenhängt.

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Wieso wollten Sie die Geschichte des Ivo erzählen, finden Sie sich selbst in ihm wieder?

Als ich vor drei Jahren mit der Arbeit an diesem Roman begonnen habe, war die Welt des Profifußballs mit ihren einerseits medial überrepräsentierten, andererseits aber kaum je richtig zum Wort kommenden Spielern, ein für mich sehr interessantes Experimentierfeld und ich fand die Figur des Ivo interessant, weil er sich in Zwängen einerseits fügt, sie andererseits aber nie wirklich akzeptiert. Er bleibt also in seinen Gedanken auf eine Art frei, die ihm im Leben nicht möglich ist, denn aus der für Spitzensport notwendigen Disziplin auszubrechen, ist eigentlich unmöglich. Wie viel von mir in Ivo steckt oder umgekehrt, ist dennoch eine Frage, auf die ich keine Antwort geben kann, die über schon gehörte Plattitüden hinausgeht. Entweder ich habe diese Plattitüden einfach noch nicht durchschaut, oder sie stimmen wirklich bis zu einem gewissen Grad und sind deshalb überhaupt erst zu Plattitüden geworden.

Sie sind selbst in Wien aufgewachsen und die Wiener „Milieusprache“ ist auch im Buch wiedererkennbar. Hat das einen Grund?

Ich würde die Sprache meines Buches nicht unbedingt als Milieusprache bezeichnen, sondern eher als eine literarische Form von durchaus gebräuchlicher Wiener Umgangssprache. Aufgrund des Alters meines Protagonisten und meines eigenen Alters enthält diese auch viele jugendsprachliche Elemente und einige Anglizismen. Für deutsche Leserinnen und Leser kann die Sprache sicher anfangs etwas ungewohnt wirken, da sie sich nicht in allen Aspekten der deutschen Standardsprache unterordnet und einige Wörter enthält, mit denen sie nicht vertraut sind. Vielleicht ermöglicht sie ihnen aber auch einen Blick auf eine (sprachliche) Welt, die sie davor nicht kannten und hilft ihnen so, sich auf ihnen fremde Lebensrealitäten einzulassen.

Welche Zielgruppe möchten Sie mir dem Buch erreichen?

Am naheliegendsten wäre es natürlich, anzunehmen, dass meine primäre Zielgruppe aus den Menschen besteht, die mir mehr oder weniger demografisch entsprechen, also jüngeren Leserinnen und Lesern mit etwa gleichwertigem Interesse an Literatur und Popkultur, Rapmusik und der Auseinandersetzung mit Fragen der Identität. Ich freue mich aber auch, wenn 70-jährige Fußballhasserinnen oder 15-jährige Wenigleser an Nicht wie ihr Gefallen finden.  Wenn man sich an den Tonfall und den Rhythmus gewöhnt, glaube ich, dass man viel Spaß beim Lesen haben kann, auch, weil es durchaus ein Buch ist, das unterhalten will und literarische Qualität nicht in Hinblick auf die Mühen beim Lesen definiert.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Ehrlich gesagt weiß ich zu wenig über das Handwerk des Buchhandels, um solche Fragen zu beantworten und sehe es auch nicht unbedingt als meine Aufgabe an.  Ich freue mich, wenn mein Roman Leserinnen und Leser findet, mit welchen Argumenten oder pitches dies am besten zu bewerkstelligen ist, entzieht sich aber meinem Erfahrungshorizont.

Ihr Debüt hat es gleich auf die Longlist des Buchpreises 2019 geschafft.  Was macht das mit Ihnen?

Ich hätte, aus ziemlich offensichtlichen Gründen, nie mit einer Nominierung für den Deutschen Buchpreis gerechnet, insofern wurden meine Erwartungen an die mögliche Resonanz des Buches jetzt schon übertroffen und ich kann meiner (schriftstellerischen) Zukunft entspannter entgegenblicken, als ich es vorher gedacht hätte.  Durch mein Studium am Institut für Sprachkunst und die Freundschaften mit meinen KollegInnen dort, habe ich aber auch ein gutes Gefühl dafür entwickelt, dass alle letztlich auf Konkurrenz aufbauenden Wettbewerbe, Stipendien und Auswahlverfahren in mehrfacher Hinsicht Glückssache sind. Es ist schön, ein Stipendium zu bekommen, einen Verlag zu finden oder eine Auszeichnung in Form einer Nominierung zu erhalten, aber das lässt einen nicht vergessen, wie viele sehr talentierte Menschen man kennt, die weiterhin von Verlagen abgelehnt und bei Stipendien und Preisen übersehen werden. Insofern freue ich mich sehr über die Nominierung auf die Longlist, überschätze aber ihre Aussagekraft nicht.

Wird es einen Nachfolger geben?

Nein, ich habe nicht vor mit dieser Figur oder dem Themenbereich Fußball weiterzuarbeiten. Mein nächstes Projekt wird mich wahrscheinlich in die mexikanische High Society der 50er und 60er Jahre führen und von verschiedenen Frauen erzählen, die sich im Milieu der música popular, also des Schlagers, in der Welt der Telenovelas und in der Welt der (damals) zeitgenössischen Malerei bewegen, und sich an den chauvinistischen Geniebegriffen ihrer Zeit abarbeiten.

Und privat, was lesen Sie da gerne/aktuell?

Momentan lese ich vor allem Bücher für meine letzte Prüfung auf der Uni Wien, die ich in den nächsten Wochen ablegen werde, darunter zum Beispiel Apostoloff von Sibylle Lewitscharoff und Die Kinder der Toten von Elfriede Jelinek. Außerdem muss ich wissenschaftliche Text zum Thema meiner Diplomarbeit lesen wie zum Beispiel „Poetik des deutschsprachigen Rap“ von Fabian Wolbring oder „Ich muss meinen Namen in den Himmel schreiben“ von Angelika Baier. Sobald ich wieder Zeit habe, Bücher rein nach meinen persönlichen Vorlieben auszusuchen, möchte ich zuallererst Herkunft von Saša Stanišić fertiglesen, worauf ich mich sehr freue und das mein persönlicher Favorit für den Deutschen Buchpreis ist.

 

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