Runde Geburtstage Henning Boëtius (80)

Henning Boetius (Copyright Thomas Koy)

Heute wird der Autor Henning Boëtius achtzig Jahre alt. Ihm gratuliert sein langjähriger Verleger Georg Reuchlein:

Lieber Henning,

vor gut 20 Jahren hast Du mir einmal geschrieben, Dein Werk bestehe für Dich aus zwei Arten von Büchern: aus „Lebensbüchern“ und aus „Überlebensbüchern“. Was Du damit meintest, war, dass alle Deine Bücher, so unterschiedlich sie auch sind, immer zutiefst autobiografisch fundiert sind. Vor allem aber: dass nicht wenige davon eine nachgerade existentielle Bedeutung für Dich haben, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtige Werke für Dich sind – und dass Du deshalb schreiben musst, so wie wir alle atmen müssen.

In der Nähe von Frankfurt geboren, hat Dich kaum etwas so sehr geprägt wie die Nordseeinsel, auf der Du aufgewachsen bist, auf der zu einem genuinen „Insulaner“ geworden und doch immer auch ein Fremder geblieben bist. Als echtem „Insulaner“ gehört Deine große Liebe dem Meer – die atemberaubenden „Seestücke“, die in vielen Deiner Werke zu finden sind, geben ein beredtes Zeugnis davon. Und als notorisch „Fremder“ in der eigenen Heimat, schlug Dein literarisches Herz von Anfang an für die Außenseiter, die Querköpfe, jene, die sich nicht einfügen wollen in die sozialen Normen und Konventionen einer „philiströsen“ Welt – für die vermeintlich Unzeitgemäßen und Nicht-Salonfähigen, die „Misfits“ und Freibeuternaturen, die „Insulaner“ und „Fremden“ eben, die auf Ablehnung stoßen, nur weil sie anders sind und in ihrem Anderssein der Gesellschaft den Spiegel vorhalten könnten: für Menschen wie Deinen eigenwilligen Kommissar Piet Hieronymus oder für Autoren wie Johann Christian Günther, J. M. R. Lenz, Georg Christoph Lichtenberg, Clemens Brentano und Arthur Rimbaud – Du hast Dich ihnen allen minutiös angenähert und dabei zugleich stets Deiner Seelenverwandtschaft mit ihnen nachgespürt.

Das Leben hat es Dir nicht immer leicht gemacht, vor allem aber hast Du selbst es Dir nie leicht gemacht. Hast Du in Deiner Jugend noch Naturwissenschaftler werden wollen (hier lag Deine andere große „Inselbegabung“), hast Du Dich gegen Ende Deiner Schulzeit der Literatur verschrieben: mit Haut und Haar und mit einer Beharrlichkeit, Besessenheit, Ernsthaftigkeit, Unbedingtheit und Kompromisslosigkeit, die einem fast Angst machen könnte. Du hast bei Theodor W. Adorno in Frankfurt studiert und promoviert, beim Freien Deutschen Hochstift die Kritische Ausgabe der Werke Clemens Brentanos betreut und die ganze Zeit fieberhaft geschrieben, geschrieben und geschrieben. Leben hast Du davon lange nicht können, und so hast Du Dich, bis Dich Vito von Eichborn entdeckte, unter anderem als Goldschmied oder (Blues-)Musiker durchgeschlagen. Dem gängigen Literaturbetrieb und seinen ungeschriebenen Regeln und Erwartungen hast Du Dich, als notorischer Freibeuter des Lebens und der Literatur, nie einordnen oder gar unterordnen wollen und können. Für Dich war Freiheit, im Leben wie in der Kunst, eine unabdingbare Notwendigkeit; Du musstest Dir immer selbst treu bleiben, wolltest Dich nie verraten und hast Dich dabei, allen Widerständen und Rückschlägen zum Trotz, doch nie aufgegeben und immer neu erfunden. Davon erzählt eindrucksvoll Dein großer autobiografischer Roman „Der Insulaner“, ein „Überlebensbuch“ par excellence, an dem Du über zehn Jahre lang geschrieben hast und das – nach „Phönix aus Asche“ und „Der Strandläufer“ – den Abschlussband einer wahrhaft einzigartigen, großen autobiografischen Trilogie bildet.

An diesem Samstag feierst Du Deinen 80. Geburtstag – Du willst ihn, hast Du mir vor einiger Zeit gesagt, ohne viel Aufhebens und Brimborium begehen. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles, alles Gute und danke Dir für Deine unerschütterliche Freundschaft und Verbundenheit über all die Jahre.

Herzlichst,
Dein Georg

(Georg Reuchlein ist hemaliger Verleger der Verlage Goldmann, btb, Luchterhand, Mosaik, Arkana, Kailash und Wunderraum und Mitglied der Geschäftsleitung der Verlagsgruppe Random House)

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