Rudolf Wendorff

Rudolf Wendorff

Rudolf Wendorff ist tot. Er starb am vorigen Dienstag im Alter von 97 Jahren. Er war einer der engsten Vertrauten und Wegbegleiter Reinhard Mohns beim Aufbau von Bertelsmann. Als Nachruf auf einer der ganz Großen in der Bertelsmann Geschichte hier der Text von Peter Gutmann aus BuchMarkt 1/2010 über den Mann, der für Reinhard Mohn die Buchverlage aufgebaut und geprägt hat:

„Bin skeptisch“ am Rand einer Notiz bedeutete bei ihm immer: „Hier ist noch Diskussionsbedarf“ – so war das bei Rudolf Wendorff, dem Leiter und Vorstand der verlegerischen Aktivitäten im Hause Bertelsmann. Bei den etwas strittigen Fragestellungen traf man sich dann abends in seinem Büro mit Blick auf den Bahnhof Gütersloh und fand bei einem Drink einen diskussionsbereiten und stets aufmerksam Zuhörenden, mehr Kollege als Vorgesetzter.
Ganz wichtige Fragen wurden bei ihm Zuhause besprochen und oft tauchte bei den berühmten Cocktails von Peter Schmöckel auch Reinhard Mohn aus der Nachbarschaft auf. Reinhard Mohn und Rudolf Wendorff waren gute Freunde: Sie kämpften im Zweiten Weltkrieg im Afrikakorps, beide trafen sich im Gefangenenlager in den Vereinigten Staaten und studierten dort den American Way of Life. Ihre Erfahrungen daraus begleiteten den Geschäftsweg von Bertelsmann dann noch über Jahre.
Aus den kreativen Stunden und den Zwängen bei der Durchsetzung des Leserings entstanden mit Rudolf Wendorff die großen Ideen: das Bertelsmann Lexikon, der Hausatlas, die berühmten, illustrierten Sachbücher und eine Vielzahl von Ratgebern vom Guten Ton übers Kochbuch zu Naturführern. Dank des Leserings und seiner Hauptvorschlagsbände erreichten viele der Titel hohe Auflagen und wurden auch im Sortiment geschätzt. Es waren Bücher für Millionen von Lese- und Bildungshungrigen. Daneben widmete er sich besonders der Ausbildung junger Buchhändlerinnen und Buchhändler: Die von ihm initiierten „Bertelsmann Buchhändlertage“ im Quellental sind inzwischen zur Legende geworden.
Rudolf Wendorff steht für die Anfänge dieser Entwicklung des Hauses Bertelsmann – es waren seine Mission für das Lesen und seine enzyklopädische Neugier, die ihn beflügelten. Er war nicht der Mensch, der sich um die internationalen und hohe Summen verschlingenden Bestseller kümmern wollte, wie das später geschah. Rudolf Wendorff arbeitete an der Grundlage für das heute weltumspannende Buchimperium. Und das Buch ließ und lässt ihn auch in seinem Ruhestand – er ist 1915 geboren – nicht los: Er hat inzwischen sechs Bücher geschrieben, eines davon war tatsächlich ein Bestseller, er hält quer durch die Welt Vorträge, liest viel und bleibt hoffentlich noch lange der belesene und stets bescheidene Mann am Amtenbrinksweg in Gütersloh. “

Seine Vita: Der am 29. März 1915 in Berlin geborene Wendorff musste sein geisteswissenschaftliches Studium aufgrund des Kriegsbeginns 1939 abbrechen. In der US-amerikanischen Kriegsgefangenschaft lernte Wendorff Reinhard Mohn kennen, auf dessen Einladung hin er 1946 nach Gütersloh kam. Am 20. März des Jahres begann er bei Bertelsmann, zunächst in der Verwaltung von Papier und Buchbindereimaterial, später als Lektoratsmitarbeiter im C. Bertelsmann Verlag. 1949 übernahm Wendorff den neuen Bereich der Fachbücher und Ratgeber und setzte in den folgenden Jahren zahlreiche Impulse in der Verlagsarbeit, unter anderem mit den ersten Ausgaben des „Bertelsmann Ratgebers“ (1952) und des „Bertelsmann Lexikons“ (1953) sowie mit der Gründung der „Deutschen Bauzeitschrift“, die ab 1953 auf seine Anregung hin als erste Fachzeitschrift bei Bertelsmann erschien.

1959 wurde Wendorff Geschäftsführer des C. Bertelsmann Verlages und reorganisierte mit Ausnahme des theologischen Bereichs die gesamte Verlagsarbeit bei Bertelsmann. So initiierte er unter anderem die Gründung der Verlagsgruppe Bertelsmann, deren Leitung er 1968 übernahm. In dieser Funktion erweiterte er das Verlagsprogramm um weitere Fachzeitschriften und gründete den Schulverlag sowie den Wissenschaftlichen Verlag.

Am 1. Januar 1971 wurde Bendorf neben Reinhard Mohn, Herbert Multhaupt und Manfred Fischer von 1971 bis 1975 Mitglied des ersten Vorstandes der neugegründeten Bertelsmann AG, in dem er für den Bereich „Verlage“ verantwortlich zeichnete. Kurz nach Vollendung seines 60. Lebensjahres schied er Ende März 1975 plangemäß aus dem Unternehmen aus.

In den folgenden Jahren veröffentlichte Wendorff mehrere wissenschaftliche Bücher. Sein Erstlingswerk trug den Titel „Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewußtseins in Europa“. In seinen Büchern beschäftigte sich Wendorff mit soziologischen, entwicklungspolitischen und auch kulturpolitischen Themen. Zu einigen seiner Werke referierte er weltweit.

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